FAZ 14.05.2026
20:24 Uhr

(+) Philosoph Dieter Henrich: Wem noch danken, wenn Gott fehlt?


Der Gedanke an den Tod stellt sich in Schrecksekunden ein. Danach kann tiefe Dankbarkeit aufkommen – für das Leben, für die Mitwelt, so der Philosoph Dieter Henrich. Doch wem gilt der Dank, wenn man an Gott nicht glaubt?

(+) Philosoph Dieter Henrich: Wem noch danken, wenn Gott fehlt?

Ist Undank der Welten Lohn? Unsere Alltagserfahrung straft die landläufige Redensart Lügen. Im zwischenmenschlichen Verkehr ist Dank gang und gäbe, und er spielt vermutlich nicht bloß die Rolle einer entbehrlichen Höflichkeit. Georg Simmel hat vor bald hundertzwanzig Jahren die Dankbarkeit bildkräftig beschrieben: Sie sei zwar ein rein persönlicher, ein „lyrischer Affekt“, werde aber „durch ihr tausendfaches Hin- und Herweben innerhalb der Gesellschaft zu einem ihrer stärksten Bindemittel“. Würde auf einen Schlag jeder Dank „ausgetilgt“, so der Sozialphilosoph, „würde die Gesellschaft, mindestens wie wir sie kennen, auseinanderfallen“.

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