Die Künstliche Intelligenz macht jetzt selbst vor Kammerjägern nicht halt. „Das war ein Gamechanger“, sagt Sina Schaper, Geschäftsführerin des Schädlingsbekämpfers Schaper aus Hannover. Die Betriebswirtin musste überraschend das Familienunternehmen übernehmen, als ihr Vater schwer erkrankte. Schaper integrierte KI in die Unternehmensprozesse, sammelte damit das implizite Wissen ihrer Mitarbeiter darüber, wie so ein Unternehmen funktioniert. Heute läuft das Einarbeiten neuer Kollegen mithilfe eines Chatbots, Mitarbeiter können im Kundendienst per iPad Fragen an das System stellen. Den „Schaper-Schliff“ nennt Sina Schaper es, wenn Mitarbeiter den guten Service leisten, mit dem sich das Unternehmen von der Konkurrenz abheben will. „Das lernen Sie nicht in einer Berufsschule.“ Die KI sorgt nun dafür, dass dieser Produktivitätsvorteil auch schnell an neue Mitarbeiter weitergegeben werden kann, die fast immer Quereinsteiger sind. So wie bei Schaper bahnt sich die Künstliche Intelligenz gerade ihren Weg durch die deutsche Wirtschaft. Da keimt die Hoffnung auf, dass sie auch nachhaltiges Wirtschaftswachstum hervorbringen kann. Gerade für Deutschland wäre das eine heiß ersehnte Nachricht. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für dieses Jahr immerhin mit 1,3 Prozent Wachstum, wofür Wissenschaftler neben den Staatsausgaben auch den KI-Boom verantwortlich machen. Bis 2028 soll der Aufschwung aber schon wieder großteils verpuffen, dann erwarten die Experten nur noch 0,4 Prozent. Ganz anders klingen da die Zahlen der KI-Branche. „Ich sehe eine Welt, in der die KI der entwickelten Welt zehn, 15 Prozent Wirtschaftswachstum bringt“, sagte Anfang des Jahres Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic. Im September hat Anthropic ein Papier mit Szenarien veröffentlicht, wie die Künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändert. In einem mittleren Szenario mit „substanziellen“ Veränderungen werde die amerikanische Wirtschaft mit mehr als fünf Prozent im Jahr wachsen, schätzen die Anthropic-Forscher, zweieinhalbmal so schnell wie ohne KI. In einem Extremszenario seien sogar Wachstumsraten von mehr als 15 Prozent im Jahr möglich. Das wäre mehr, als selbst China in den besten Jahren seiner Reformära oder die Industrienationen des Westens im 19. Jahrhundert je erlebt haben. Wie plausibel sind 15 Prozent Wachstum? Wie hoch die Wachstumszahlen durch die Verbreitung von KI ausfallen, hänge in den Modellen vor allem von drei Faktoren ab, sagt der Ökonom Anton Korinek, der Anthropics Forschung zu ökonomischen Auswirkungen der KI leitet: „Wie schnell werden die Fähigkeiten der KI zunehmen? In welchem Umfang wird die Technologie tatsächlich in der Wirtschaft eingesetzt? Und wie stark steigert der Einsatz von KI im Durchschnitt unsere Produktivität bei einer bestimmten Aufgabe?“ Die Szenarien von fast keinem Effekt bis zu 15 Prozent Wachstum nennt Korinek allesamt „plausibel“. Dass KI nicht nur Werte schaffen, sondern auch zerstören könnte, man denke an die Cyberangriffe der jüngsten Zeit, geht in die Modelle derweil gar nicht ein. Andere Ökonomen sind skeptisch, wie plausibel die Annahmen hinter Anthropics Zahlen wirklich sind. Im substanziellen Szenario müsste für 12 Prozent aller Aufgaben in der Wirtschaft KI eingesetzt werden, drei Viertel davon müssten automatisiert sein, und die KI müsste die Produktivität um mehr als die Hälfte erhöhen. Im Extremszenario müsste für 30 Prozent aller Aufgaben KI eingesetzt werden, 90 Prozent davon automatisiert, und die KI müsste die Produktivität dieser Aufgaben mehr als verdoppeln. „Es ist super einfach, ein Modell hinzuschreiben, das so eine Vorhersage macht“, sagt Ben Moll, Professor für Makroökonomik an der London School of Economics. Die Frage sei, wie realistisch die Annahmen dahinter sind. Wenn man das versteht, wird auch klar, warum das Silicon Valley allein Deutschlands Wachstumsproblem nicht lösen wird. Ben Moll ist so überzeugt davon, dass 15 Prozent Wachstum in naher Zukunft extrem unwahrscheinlich sind, dass er gerade 40.000 Dollar darauf gewettet hat. Der Wette haben sich auch andere Ökonomen angeschlossen, dagegen halten vor allem Vertreter der KI-Zukunftsszene wie der Philosoph Will MacAskill. Verstehen hier die Ökonomen die Technologie nicht – oder versteht die Techblase nicht die Welt außerhalb des Silicon Valley? Als die Preise fielen, kauften die Menschen nicht mehr Kartoffeln Moll hat die Annahmen identifiziert, die eintreffen müssten, damit das Wachstum wirklich in solch schwindelerregende Höhen steigt – und an denen man zumindest zweifeln kann. Erstens: Auf zweistellige Wachstumsraten komme man nur, wenn viel mehr Arbeiten in naher Zukunft automatisiert werden, anders als in Anthropics Analyse auch körperliche. Doch so wie bei Schaper in Hannover auch in Zukunft noch ein Kammerjäger raus zum Kunden fährt, müssten dafür schon gewaltige Fortschritte in der Robotik passieren. Ganz zu schweigen von politischen Widerständen: In Anthropics Extremszenario würde die Arbeitslosenrate auf fast zwölf Prozent steigen. Zweitens: Die Menschen müssten weiterhin genauso viel ihres Einkommens für die Güter ausgeben, die jetzt die KI macht. Die Technologiegeschichte lehrt, dass in der Regel etwas anderes passiert. Als die Landwirtschaft einst effizienter wurde und die Preise für Lebensmittel fielen, kauften die Menschen deshalb nicht doppelt so viele Kartoffeln. Sie gaben ihr Geld lieber für andere Dinge aus. Der Teil der Wirtschaft, in dem menschliche Interaktion Teil des Wertes ist, könnte sogar größer werden. Menschen geben Geld dafür aus, im Restaurant von einem echten Kellner bedient zu werden oder ein Konzert eines menschlichen Musikers zu erleben. Der Mensch bleibt der entscheidende Engpass. Das ist das Paradoxe: Was für die Zukunftsfähigkeit der Jobs gut ist, sorgt dafür, dass wir nicht von heute auf morgen zehnmal so reich werden, weil unser Wachstum sich nicht komplett automatisieren lässt und weiterhin von Menschen abhängt. Technologien verbreiten sich immer schneller Der Ökonom Matt Clancy hat vor Kurzem in einem Blogbeitrag versucht auszuarbeiten, warum die Techwelt auf die Wachstumsfrage so anders blickt als die Wirtschaftswissenschaft. Seine Antwort: Ökonomen wissen, wie schwer es ist, Wachstum zu generieren. Sie wissen, wie groß die Lücke zwischen dem theoretisch möglichen und praktisch umsetzbaren ist. Und sie denken in marginalen Veränderungen. In der Techblase hingegen weiß man, wie volatil Wachstum sein kann: Ein erfolgreiches Unternehmen kann übermorgen schon pleite sein. Die Techleute denken nicht in marginalen, sondern in disruptiven Szenarien. Und sie wissen: Nichts hat so eine disruptive Macht wie bessere Technologie und höhere Intelligenz. Beides kommt in Künstlicher Intelligenz zusammen. Anton Korinek hält die Erfahrungen mit Technologien der Vergangenheit nur bedingt für vergleichbar. „Wir haben in den jüngsten Jahrzehnten gesehen, dass Technologien schneller und schneller verbreitet werden“, sagt er. Ein Vorteil der KI sei zudem, dass sie auf herkömmlichen Laptops und Smartphones eingesetzt werden könne. „Das wäre ein Grund, warum die Verbreitung ein bisschen schneller geht.“ Doch für KI braucht es mehr als nur Laptops: Der Ausbau der KI hängt von Rechenzentren ab, die wiederum von Baugenehmigungen, von Hochleistungschips und von Gasturbinen, die die Energie erzeugen. „Mit der Zeit wird das alles gehen, aber es dauert einfach“, sagt Ökonom Ben Moll. Das Wachstum hängt am Ende immer vom schwächsten Glied in der Kette ab. Der Ökonom Charles Jones, selbst Koautor des Anthropic-Papiers, hat berechnet, dass, selbst wenn der Menschheit eine unendliche Menge an Software zur Verfügung stünde, die Wirtschaft nur um einmalig zusätzliche zwei Prozent wachsen würde. Legt man historische Automatisierungstrends zugrunde, stiege das Wirtschaftswachstum nur auf 2,6 Prozent bis zum Jahr 2075. „Die Flaschenhälse kommen von zwei Seiten“ Das ist vielleicht der relevanteste Punkt aus deutscher Sicht. Denn selbst wenn die KI in Amerika und China zu einem Wachstumsboom führt, heißt das noch lange nicht, dass auch Europa davon profitiert. Und genau die schwachen Glieder in der Kette, die Jones beschreibt, gibt es hier zuhauf. Europa hinkt nicht nur beim Ausbau der Rechenkapazitäten hinterher. „Die Flaschenhälse kommen von zwei Seiten: aus der Organisation der Firmen und aus der Politik“, sagt der Ökonom und ehemalige Europaabgeordnete Luis Garicano. Unternehmensinterne Prozesse verändern sich meist ziemlich langsam. Bis die Erfindung der Elektrizität sich in den Wachstumszahlen niederschlug, vergingen Jahrzehnte. Und das Computerzeitalter könne man „überall sehen, außer in den Produktivitätsstatistiken“, scherzte in den Achtzigerjahren der spätere Nobelpreisträger Robert Solow. Jedes Land habe sein eigenes politökonomisches Gleichgewicht, mit dem man umgehen müsse, sagt Luis Garicano: „Dass in Deutschland Notare zwölf Stunden lang Texte vorlesen, liegt nicht daran, dass es keine Technologie dafür gäbe.“ Damit Deutschland etwas abschöpfen kann von den KI-Gewinnen, müsste es nicht unbedingt eines der absoluten Spitzenmodelle selbst bauen wie die Amerikaner. „Sie können sechs Monate hinter der Spitze sein, mit offenen Modellen“, sagt Garicano. „Dann bleibt der Wettbewerb stark, die Preise niedrig – und die Gewinne werden breiter unter allen verteilt, die KI benutzen.“ Es bedeutet aber eben auch: Der Wachstumsschub der Künstlichen Intelligenz ist kein Ersatz für Veränderung. Die Lösung der strukturellen Probleme wird zur notwendigen Bedingung für einen KI-Boom in der Breite. Jede Nation, sagt Garicano, werde selbst darüber entscheiden, wie sehr sie wächst. „Das Land wird wachsen, das sagt: Lasst uns ein bisschen mehr tun für die Implementierung, lasst es uns Unternehmen leichter machen, die Vorteile zu nutzen.“ Schon kleinere Zahlen machen einen gewaltigen Unterschied Am Ende könnte deshalb die Frage, wie viel besser das übernächste KI-Modell ist, gar nicht so entscheidend für die Wachstumsfrage des nächsten Jahrzehnts sein. „Man muss schon zugeben, dass die KI-Leute eigentlich immer richtiglagen, was die Fähigkeiten der Modelle anging“, räumt Ökonom Ben Moll ein. „Die Frage ist halt, was das für den Rest der Wirtschaft bedeutet.“ Vielen sei nicht klar, was Wachstumsraten von 15 oder gar nur vier oder fünf Prozent in der Praxis bedeuten. Schon bei dauerhaft 4,7 Prozent Wachstum im Jahr würde sich der Wohlstand innerhalb von 15 Jahren verdoppeln. Auch die Anthropic-Forscher um Anton Korinek halten ein sehr viel moderateres Szenario für plausibel: eine Welt, in der KI zwar überall ein bisschen die Produktivität anhebt, aber am Ende nur Jahr für Jahr ein paar Zehntelprozentpunkte mehr Wachstum herauskommen, ganz ähnlich wie frühere disruptive Erfindungen. Vielleicht hilft das dann auch ein bisschen den Hunderttausenden Mittelständlern, die in den kommenden Jahren vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie die Schädlingsbekämpferin Sina Schaper. Nach den Jahren des Nullwachstums in Deutschland muss man sagen: Auch das wäre schon allerhand.
