Die Eintracht verliert 2:3 in Dortmund. Wieso? Gegen Hamburg dauerte es acht Minuten, gegen den BVB waren es vier: Nach Gegentoren scheint die Eintracht wie paralysiert, im Minutenschlaf. Früh war sie durch Can Uzuns Treffer zum 1:0 in Führung gegangen. Dann schien der BVB nicht gefährlich, die Eintracht kombinierte manches Mal schön, ohne angegriffen zu werden – nur um dann das Spiel wieder herzuschenken. Es war das 12. Mal, dass die Eintracht in dieser Saison eine Führung abgab. Die Muster danach ähneln sich: Kapitän Robin Koch sagt, die Eintracht habe vor dem Spiel besprochen, was nötig sei. „Der HSV hat letzte Woche in der zweiten Halbzeit überhaupt keinen Fußball mehr gespielt“, sagte Koch und meinte damit die schätzungsweise zehn Unterbrechungen, bei denen die Hamburger sich auf dem Boden räkelten und so den Frankfurter Rhythmus brachen. Auch die Eintracht wollte so spielen: härter, zielstrebiger, mit taktischen Fouls. Das Resultat: 15:8 Fouls für den BVB, 3:0 Gelbe Karten, 3:2 Tore. Die Eintracht steht in der Fairplay-Tabelle auf dem 15. Platz. Das ist einerseits löblich; es zeigt aber auch recht anschaulich, was dieser Frankfurter Mannschaft fehlt. Sportvorstand Markus Krösche nannte den Eintracht-Minutenschlaf nach dem Spiel eine „selbsterfüllende Prophezeiung“, weil das, wovor gewarnt werde, immer wieder geschehe. „Das zieht sich durch die ganze Saison“, sagte Krösche. Er erklärte weiter: „Es hat auch was mit dem Kopf zu tun. Wir können es bisher nicht abstellen. Wir bekommen ein Gegentor und fangen an zu wackeln. Das hat mit Stabilität zu tun. Die kriegst du nur über Erfolgserlebnisse. Die haben wir in dieser Saison nicht so, wie wir uns das erhofft haben. Es ist ärgerlich.“ Wieso spielt Uzun nicht immer? Die Hoffnung aus Frankfurter Sicht trägt die Rückennummer 42. Can Uzun schoss ein tolles Führungstor, danach dribbelte er immer wieder zwischen mehreren Dortmunder Spielern hindurch. In 20 Bundesligaspielen hat der Deutsch-Türke acht Tore erzielt und fünf vorbereitet. Uzun ist der beste Frankfurter Offensivspieler. Dennoch saß er bis vor zwei Wochen auf der Bank. Wieso benötigte Riera mehrere Monate, um zu erkennen, dass Uzuns Ideen der Mannschaft mehr geben, als sie seine semi-energischen Defensivaktionen kosten? Oder anders gefragt: Bei welcher Bundesligamannschaft säße Uzun überhaupt auf der Bank? Allzu viele kreative Spielmacher mit gefährlichem Abschluss gibt es in der Liga nicht. „Can wird immer besser“, sagte Krösche. „Er übernimmt schon in seinem jungen Alter Verantwortung.“ Uzun ist 20 Jahre alt, dürfte in der jetzigen Form in ein paar Wochen bei der WM mit der Türkei spielen. Wie geht es bei der Eintracht weiter? „Das erste Jahr war schon richtig gut. Das zweite Jahr jetzt war ein bisschen mit Verletzungen gespickt. Man sieht seine Abschlussfähigkeiten und sein Potenzial“, lobte Krösche. Das klingt, als wachse Uzuns Bedeutung in Frankfurt – wenn er denn nach der WM zurückkommt. Wie präsentierte sich Riera? Der Spanier machte beim BVB, vor der größten Kulisse in Deutschland, einen gereiften Eindruck. Er akzeptierte andere Ansichten, was das Offensivspiel seiner Mannschaft angeht. Sein Plan funktionierte: Die gefährlichen Pässe der Dortmunder Verteidiger sollte die Eintracht im Zentrum blockieren. In der Offensive setzte Riera gegen die beste Abwehr der Liga auf seine 4-1-4-1-Formation. Hinter Stürmer Kalimuendo liefen Uzun und Farès Chaibi auf, die kreativsten Frankfurter Spieler. Auch das klappte in Ansätzen. Ihm fehlten die Finger, um zu zählen, wie oft seine „Pocket“-Spieler an den Ball gekommen seien, sagte Riera nach dem Spiel. Gemeint sind damit Uzun und Chaibi, die sich im Halbraum („Pocket“) freigelaufen hatten. Allerdings hatte die Eintracht Probleme, ihre Angriffe zu einem Abschluss zu bringen. Und dann wären da noch die Zwischentöne. Einmal nannte Riera seine Mannschaft ein Team, dann wieder „this group of players“. Tatsächlich scheint diese Eintracht-Elf einer Ansammlung von Spielern näher zu sein als einer echten Mannschaft. Der Trainer war in Dortmund zu bemitleiden: Als seine Stürmer den fünften Ball vertändelt hatten, hob er ratlos die Arme. Dann kniete er sich wieder hin, in der Ecke seiner Trainerzone. Es ist vier Wochen her, dass seine Mannschaft zuletzt ein Spiel gewann. „Zeit ist der Schlüssel für alles“, sagte er danach vor einer schwarz-gelben Werbetafel. „Und Zeit ist etwas, das dir der Fußball manchmal nicht gibt.“ Er kenne jetzt die Spieler, die Mitarbeiter, den Verein. Und: das Umfeld. Zwischen all den großen Worten in seiner „Bullshit“-Rede vor einer Woche hatte Riera auch eine Kritik an ebenjenem Umfeld versteckt: „Gift“ nannte er es. Rieras Dortmunder Rede klang nach einer Bewerbung für die kommende Saison. Als Krösche gefragt wurde, ob der Trainer auch beim letzten Saisonspiel gegen Stuttgart auf der Bank sitzt, antwortete er kurz: „Ja.“ Was ist da los zwischen Burkardt und dem Trainer? Nationalstürmer Jonathan Burkardt wurde vom Trainer eingewechselt, diesmal knapp zehn Minuten vor Schluss. Der Spanier hatte zuvor auf das Tempo von Arnaud Kalimuendo im Sturm gesetzt. Burkardt traf in der 87. Minute zu seinem 11. Saisontor im 21. Spiel. Danach schnappte er sich den Ball und rannte Richtung Mittellinie – nicht aber, ohne sich erst den Finger vor die Lippen zu halten und dann Richtung Seitenlinie zu schauen. Im Nachhinein interpretierten das manche als Geste Richtung Riera. Im Stadion schien es eher, als grüße Burkardt alte Bekannte in der Nähe des Eintracht-Blocks – oder neue Bekannte mit BVB-Schal, die ihn beim Aufwärmen herzlich willkommen hießen. Burkardts Bankplatz hatte vor einer Woche die sechsminütige Wutrede Rieras ausgelöst. Der Trainer hatte seinem Angreifer mitteilen lassen, dass er mit dessen Körperfettwerten unzufrieden sei. Ob die zehn Minuten von Dortmund Burkardts Stand beim Trainer verbessert haben? Unklar. Einem galt der Gruß jedenfalls eher nicht: Nationaltrainer Julian Nagelsmann, der von der Tribüne aus zuschaute. Er hätte für die Weltmeisterschaft in einem Monat noch einen Platz im Sturm frei. Burkardt, der in der Rückrunde kaum spielte, wird dafür aber wohl nicht infrage kommen. War’s das mit dem Europapokal? Nach der Niederlage in Dortmund bleibt die Eintracht auf Platz acht. Der SC Freiburg muss also nur eines seiner beiden letzten Spiele gewinnen, um Siebter zu werden. Die Breisgauer treten gegen Hamburg und Leipzig an – zwei Teams, für die es um nichts mehr geht. Aber selbst wenn der Sportclub punktlos bleibt, dürfte die Eintracht gegen Stuttgart nicht verlieren. In der jetzigen Form wirkt das gegen einen dynamisch und intensiv spielenden VfB illusorisch. Weil die spanischen Mannschaften in dieser Saison im Europapokal besser abschnitten als die deutschen, genügt der achte Platz nicht, um an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen. Nur einmal verpasste die Eintracht in den vergangenen acht Jahren die Qualifikation für Europa. Es wird wahrscheinlicher, dass 2026 Jahr zwei wird.
