FAZ 21.05.2026
09:00 Uhr

200 Rechtsquellen jeden Tag: Im Dschungel der Paragraphen


Justima automatisiert die Überwachung von Regulierungsvorschriften für Unternehmensjuristen. Es ist die erste Ausgründung von Osborne Clarke. Wie passen ein KI-Start-up und eine Wirtschaftskanzlei zusammen?

200 Rechtsquellen jeden Tag: Im Dschungel der Paragraphen

Von Köln aus geht mit Justima ein neues KI-Angebot für Rechts- und Complianceabteilungen an den Start. Mit dem Einsatz von KI-Agenten automatisiert Justima die kontinuierliche Überwachung der europäischen und nationalen Gesetzgebung für Unternehmensjuristen sowie Compliance-Verantwortliche. Dafür greift das Start-up täglich auf mehr als 200 Rechts- und Regulierungsquellen zu und analysiert die für die Nutzer jeweils geschäfts- und branchenrelevanten Änderungen. Bislang bindet diese Aufgabe in vielen Unternehmen erhebliche personelle Ressourcen. Zugleich weisen Anwälte von Osborne Clarke aus ihrer Beratungspraxis darauf hin, dass den Mitarbeitern in Rechtsabteilungen angesichts der Vielzahl regulatorischer Änderungen auch Fehler unterlaufen können. Ideengeber und Investor Die britische Großkanzlei ist nicht nur exklusiver Partner von Justima, sondern ist mit dem KI-Start-up auch erstmals in ihrer über 270 Jahre alten Geschichte eine Ausgründung eingegangen: Justima-Mitgründer und Geschäftsführer Alexander Lilienbeck verantwortet seit Jahren die Schnittstelle zwischen Recht und Technologie bei Osborne Clarke. Sein Ko-Gründer Christian Braun ist auf KI- und Machine-Learning-Systeme spezialisiert und hat schon zwei Start-ups gegründet. Das Management komplettiert Gereon Abendroth, Rechtsanwalt und Partner bei Osborne Clarke, der sich um die strategische Ausrichtung von Justima kümmert. Während Anbieter wie OpenAI oder Anthropic auf horizontale KI-Modelle setzen, um möglichst viele Nutzer zu erreichen, setzt Osborne Clarke mit der Ausgründung von Justima auf eine vertikale Lösung und einen komplexen, aber eng umrissenen Anwendungsfall: das regulatorische Monitoring. „KI verändert den Rechtsmarkt – wir gestalten diesen Wandel lieber aktiv mit, als ihn passiv über uns ergehen zu lassen“, sagt Abendroth. „Osborne Clarke ist im Regulatory-Bereich und im AI Engineering führend. Mit Justima bringen wir beides zusammen“, sagt der Volljurist, der bei Osborne Clarke weiterhin auch die internationale KI-Strategie der Kanzlei verantwortet. Verderben günstige Preise den Markt? Justima kostet mit der Produkteinführung 479 Euro im Monat. Schaffen sich die Wirtschaftsanwälte, die in ihren Büros in London und den USA ohne weiteres dreistellige Honorare in der Stunde verlangen, mit dem Angebot nicht „billige Konkurrenz“? Die 479 Euro seien der Startpunkt, nutzbar für fünf Personen, also für kleinere Compliance- und Legal-Teams gedacht, erklären Lilienbeck und Abendroth auf Nachfrage. Weitere Nutzer sollen zusätzlich buchbar sein. Daneben gibt es Unternehmenspakete von 1500 Euro an im Monat für konzernweite Setups. Diese Positionierung sei dauerhaft tragbar, da Justima selbst „AI-Native“ gebaut sei, sagen beide Manager und veranschaulichen dies mit einem typischen Arbeitsablauf. Geht die Anfrage eines Interessenten per E-Mail ein, legt ein KI-Agent einen Account an, befüllt ihn mit Daten und pflegt diesen auf Basis des Mail-Verteilers. Dann wird eine individuelle Antwortmail mit Terminvorschlägen aus den Kalendern der Gründer vorbereitet. „Vergleichbare Prozesse haben wir für Angebotserstellung, Buchhaltung und weitere Funktionen. Daraus entsteht eine strukturell niedrige Kostenbasis, die nicht linear mit der Kundenzahl mitwächst“, erklären die Justima-Gründer. An dieser Preispolitik will das junge Unternehmen nicht zwangsläufig festhalten. Die Pakete sollen mit der Funktionstiefe wachsen. Justima soll sich nach dem Monitoring schrittweise hin zu vorgelagerten Arbeiten entwickeln, etwa bei Transaktionen die regulatorische Herausforderungen des Zielunternehmens durchleuchten. „Unser Wachstum kommt also über zwei Hebel: mehr Unternehmen und tiefere Abdeckung pro Unternehmen“, betonen die Justima-Gründer. Condor, Karlsberg Brauerei und weitere zählen zu den Kunden Nach Angaben des Start-ups haben sich schon vor dem offiziellen Start knapp 60 Unternehmen für einen frühen Zugang registriert; neben Condor, Karlsberg Brauerei und Autodoc sollen darunter auch Fortune-500- und Dax-Konzerne sein. Viele der Nutzer kommen aus dem Mandanten-Netzwerk von Osborne Clarke, heißt es auf Nachfrage. Die strukturell und personell enge Anbindung an die britische Großkanzlei war in der Phase vor der Gründung entscheidend. So konnten mehrere Unternehmen Justima schon vor dem Start auf Herz und Nieren prüfen, erklärt das Gründerteam. „Osborne Clarke war es besonders wichtig, die Lösung zunächst einem Härtetest zu unterziehen und das Feedback der ersten Kunden gewissenhaft auszuwerten, bevor man einen solchen Schritt wie eine Ausgründung geht.“ Diese Validierungsphase bildete die Basis, auf der Justima ab diesem Donnerstag an den Start geht. Bewusste Grenzen zwischen Tech-Unternehmen und Kanzlei Direkte Mandate will das KI-Unternehmen nicht an die Wirtschaftsanwälte weiterreichen. „Justima kann genutzt werden, ohne dass ein Unternehmen Mandant bei Osborne Clarke ist oder wird“, antworten Lilienbeck und Abendroth auf die Frage nach möglichen Interessenkonflikten. Die Trennung erfolgt auch technisch: Justima betreibt eine eigene Infrastruktur, und Kundendaten würden nicht an Osborne Clarke übermittelt. Dennoch: Für Unternehmen, die schon von der Kanzlei beraten oder in Gerichtsverfahren vertreten werden, ist eine produktseitige Anbindung angedacht. Aufgrund der Validierungsarbeit sind die Anwälte bereits mit der KI-Plattform vertraut und können die Ergebnisse von Justima in ihre Arbeit integrieren – „verpflichtend ist das aber nicht.“ Ohnehin wäre dann ein neuer Vertrag erforderlich. Justima erbringt lediglich eine Softwareleistung und unterliegt nicht den Vorgaben des Rechtsdienstleistungsgesetzes. Wer dennoch Rechtsrat von Osborne Clarke wünscht, muss dafür ein Mandatsverhältnis mit der Kanzlei schließen.