FAZ 28.05.2026
12:47 Uhr

„Achse des Widerstands“: Was macht die Hizbullah, wenn Iran nicht mehr zahlt?


Wer das Buch von Hamidreza Azizi gelesen hat, wundert sich nicht, dass Iran nicht kapituliert.  Die „Achse des Widerstands“ ist geschwächt.  Hizbullah und Hamas dürften aber ein Faktor bleiben.

„Achse des Widerstands“: Was macht die Hizbullah, wenn Iran nicht mehr zahlt?

Einen Tag nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 eröffnete die Hizbullah eine zweite Front. Später traten auch irakische Milizen und die Huthi im Jemen in den Kampf ein, während Iran sich auf die Position zurückzog, von allem nichts gewusst zu haben. „Arbeitsteilung“ nennt der Iranfachmann Hamidreza Azizi das in seinem aktuellen Buch über die „Achse des Widerstands“. Teherans militärisches Bündnis mit Milizen in Libanon, Irak, Jemen, Syrien und im Gazastreifen war lange ein zentraler Pfeiler seiner Abschreckungsdoktrin. Nach Azizis Einschätzung war die Achse für Iran zeitweise sogar so wichtig wie sein Raketenprogramm. Das Netzwerk sollte seinen Einfluss in der Region ausweiten und zugleich verhindern, dass das Land einen direkten Krieg mit Israel und den USA ausfechten muss. „Vorwärtsverteidigung“ nannte man das in Teheran. Am Ende hat Irans Unterstützung der Hamas und der Hizbullah genau das Gegenteil bewirkt und dem aktuellen Krieg den Boden bereitet. Das Ohr sehr nah am Teheraner Diskurs Die Machthaber in Teheran nehmen derzeit eine Neubewertung ihres geschwächten Bündnisses vor. Azizis Buch gibt tiefe Einblicke in ihr strategisches Denken. Der Gastwissenschaftler von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ist seit Beginn des Irankriegs ein international gefragter Interviewpartner, weil er sein Ohr sehr nah am Teheraner Diskurs hat. Der Irankrieg hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich mit Irans eigener Perspektive zu befassen. Die mangelnde Kenntnis des Gegners ist ein entscheidender Grund dafür, dass die USA die Resilienz des Regimes unterschätzt haben. Für viele Iranfachleute war es keine Überraschung, dass Teheran sich Donald Trumps Forderungen nach einer Kapitulation trotz wochenlanger Bombardements und Seeblockade nicht gebeugt hat. Wer Azizis Analyse der „Achse des Widerstands“ gelesen hat, wird darüber ebenfalls nicht überrascht sein. Der Autor zeichnet die Entstehung der „Achse“ nach. Er beschreibt die Ideologie, die das ungewöhnliche Bündnis zwischen dem Staat Iran und seinen höchst unterschiedlichen nichtstaatlichen Verbündeten zusammenhält. Er erklärt die über Jahrzehnte gewachsenen Beziehungen zu den einzelnen Milizen, die aus seiner Sicht mit dem Begriff „Stellvertreter“ nur unzureichend beschrieben sind. Drei Entwicklungen haben den Aufbau der „Achse“ laut Azizi maßgeblich befördert: erstens die amerikanische Invasion im Irak im Jahr 2003, die in Teheran als Vorbote für einen eigenen Krieg mit Amerika betrachtet wurde; zweitens der Abzug des israelischen Militärs aus dem Libanon im Jahr 2000, der der Hizbullah Aufwind verlieh; und drittens die zweite Intifada palästinensischer Gruppen nach dem Scheitern des Oslo-Friedensprozesses. In dieser Gemengelage habe Iran die Chance erkannt, den eigenen ideologischen und geopolitischen Einfluss auszuweiten. Azizi analysiert die ideologischen Grundlagen der „Achse“: die Feindschaft mit Israel, die Idee vom Export der Revolution, die Glaubenslehre des Schiismus, die Erfahrungen aus dem Iran/Irak-Krieg mit asymmetrischer Kriegsführung sowie das Konzept der „strategischen Einsamkeit“, mit dem Irans Außenseiterposition in der internationalen Politik oft beschrieben wird. Was Trumps Politik des maximalen Drucks bewirkte Azizi argumentiert, dass die Eigeninteressen der Achsenmitglieder und ihrer lokalen Machtbasen längst nicht immer mit jenen Teherans im Einklang stünden. Er skizziert, wie die Organisationsstrukturen der „Achse“ sich neuen Gegebenheiten anpassten. Unter Führung des Quds-Kommandeurs Qassem Soleimani, dem Architekten des Bündnisses, war die Struktur streng hierarchisch. Nach dessen Ermordung im Jahr 2020 wurde daraus ein dezentrales Netzwerk. Nach dem Hamas-Massaker veränderte es abermals seine Form – und die Milizen vernetzten sich untereinander. Die anschließende Dezimierung der palästinensischen Terrorgruppe und der Hizbullah haben die „Achse“ nachhaltig geschwächt. Mit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad verlor Iran ein militärisch-ideologisches Experimentierfeld und seinen Transitkorridor für Waffenlieferungen an Hamas und Hizbullah. Teherans Finanzkraft ist durch den aktuellen Krieg so weit geschwächt, dass es die Milizen wohl nicht mehr in gleichem Maße aufrüsten kann wie früher. Azizi geht der Frage nach, welche Rolle die „Achse“ künftig noch spielen wird – und was geschehen würde, wenn Iran die Milizen nicht mehr mit Geld und Waffen unterstützen würde. „Viele dieser Gruppen würden wahrscheinlich weiterhin politisch relevant und militärisch aktiv bleiben“, schreibt er. Zugleich hält er es für unwahrscheinlich, dass Teheran die „Achse“ komplett aufgebe. Eher werde Iran eine losere Form der Kooperation wählen, die weniger Geld und Engagement erfordere. „Während das institutionelle Modell im Niedergang sein mag, sind die Motivationen und Narrative, die  (die Achse) erhalten haben, noch nicht vollkommen erloschen.“ Die Rhetorik des Widerstands und das Modell der asymmetrischen Kriegsführung übe weiter Anziehungskraft auf Gruppen aus, die sich von ihren Regierungen vernachlässigt, von ausländischen Mächten im Stich gelassen und von Israels Expansion bedroht fühlten, schreibt Azizi. Das Buch leistet einen Beitrag zum Verständnis der Region, indem es die Verflechtungen und Interdependenzen zwischen den verschiedenen Konfliktherden Gaza, Iran, Irak, Syrien und Jemen aufzeigt, die oft nur getrennt voneinander betrachtet werden. Azizi gibt außerdem seltene Einblicke in die Blackbox des iranischen Sicherheitsapparats. Er blickt durch die kühle Brille des iranischen Strategen auf die Region. Kritische Worte über die Brutalität der Hamas und die Destruktivität der „Achse“ findet man bei ihm deshalb nicht. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage sind auch Azizis Ausführungen darüber interessant, wie Trumps Politik des maximalen Drucks in seiner ersten Amtszeit Irans Finanzkraft und damit dessen Kontrolle über das Milizennetzwerk schwächten. Die Gruppen waren gezwungen, sich alternative Einnahmequellen zu erschließen: den Handel mit Captagon, Ölschmuggel, illegale Steuern und Zölle, von denen am Ende auch Iran profitierte. Trumps Sanktionspolitik zeigte also Wirkung – aber Iran fand Wege, damit umzugehen. So scheint es aktuell auch mit der amerikanischen Seeblockade zu sein.