FAZ 01.10.2026
07:29 Uhr

Ärger um Kaliningrad: Was hinter Russlands Drohungen gegen die NATO steht


Die russischen Botschaften in Brüssel und Dublin beschwören eine Abtrennung Kaliningrads durch die NATO. Und drohen dem Bündnis selbst mit dem „ganzen Arsenal“.

Ärger um Kaliningrad: Was hinter Russlands Drohungen gegen die NATO steht

Kaliningrad, Russlands Exklave an der Ostsee, steht im Mittelpunkt der jüngsten Aufwallungen zwischen Moskau und der NATO. Russlands Botschaften in Belgien, wo die NATO ihr Hauptquartier hat, sowie in Irland, das nicht Mitglied des atlantischen Bündnisses ist und das nur 0,2 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgibt, drohen in koordinierter Vehemenz. Es geht nicht allein darum, die NATO und die Regierungen ihrer Mitgliedstaaten abzuschrecken, sondern allgemein darum, im Westen Angst zu säen. Russlands Brüsseler Vertretung beklagte am Montag „einen beispiellosen Aufwuchs“ von NATO-Aktivitäten „entlang unserer westlichen Grenzen“. Das Bündnis erstelle „spezifische Szenarien, um das Kaliningrader Gebiet abzutrennen“. Das hatten russische Diplomaten schon im Frühjahr geäußert. Die NATO, hieß es jetzt weiter, „propagiert den Mythos der ‚Russischen Bedrohung‘“ und verbreite „falsche Informationen“, dass Moskau „einen der baltischen Staaten spätestens 2029“ angreifen wolle. Gegenläufige Erklärungen der „obersten Führung unseres Landes“ würden „komplett ignoriert“, daher habe man nun die NATO und das belgische Außenministerium „gewarnt“, dass „die Risiken eines direkten bewaffneten Konflikts mit unserem Land“ deutlich stiegen. Russland sei bereit, „sein ganzes Arsenal einzusetzen, sollten NATO-Länder versuchen, das Kaliningrader Gebiet vom Rest unseres Landes zu isolieren“. NATO übt vermehrt an der Ostflanke Am Dienstagabend legte die Botschaft in Dublin nach. Sie zitierte Präsident Wladimir Putin, der am Freitag wiederholt hatte, „wir bereiten uns nicht auf irgendwelche Kampfhandlungen mit Europa vor“, habe keine „solchen Pläne“ und „keine realen Beweggründe, die Situation mit Europa zu verschärfen“. Allein von Juni bis September, beklagte die Botschaft, habe es „fast ununterbrochene NATO-Militärübungen“ mit „antirussischen Szenarien in Polen, Lettland, Litauen, Norwegen, Finnland und in der Ostsee“ gegeben. Besonders kritisierte sie ein „Gallant Boar“, „tapferer Eber“, genanntes litauisch-polnisch-französisches Manöver, bei dem im Juni die Verteidigung der sogenannten Suwałki-Lücke geübt wurde. Das 60 Kilometer breite Landstück in Polen und Litauen zwischen Belarus und Kaliningrad steht im Zentrum westlicher Sorgen, Putin könne versuchen, das Baltikum vom restlichen NATO-Gebiet abzuschneiden. „Gallant Boar 2026“ habe auf Kaliningrad „abgezielt“, klagte die Botschaft, vervollständigte die Drohung mit Russlands „ganzem Arsenal“ für den Fall, dass „NATO-Länder“ versuchten, Kaliningrad zu „isolieren“, um „Nuklearwaffen“ und drohte mit „Präventivschlägen gegen Entscheidungszentren in Bündnisländern“. Dass die NATO vermehrt an ihrer Ostflanke übt und dabei realistische Einsatzszenarien zugrunde legt, hängt mit ihren neuen Verteidigungsplänen zusammen. Diese sehen eine Vorneverteidigung vor. Russische Streitkräfte sollen dabei frühzeitig aufgehalten und abgeschreckt werden. Deshalb hat die Allianz 2022 beschlossen, ihre acht Kampfgruppen an der Ostflanke bei Bedarf auf Brigadegröße anwachsen zu lassen und zusätzlich rotierende Kräfte aus den USA einzusetzen. Nahe der Suwałki-Lücke baut die Bundeswehr eine ständige Panzerbrigade mit rund 5000 Soldaten auf. Deren Verteidigung wird regelmäßig geübt, zuletzt im Juni bei dem Manöver „Freedom Shield“. Kaliningrads empfindliche Stellung Kaliningrad spielt im Dispositiv der Allianz eine besondere Rolle – denn dort ist Russland seinerseits am verwundbarsten. Mit dem NATO-Beitritt Schwedens und Finnlands ist die Ostsee weitgehend zum Binnenmeer der Allianz geworden. Das macht es ihr viel leichter, im Konfliktfall die Exklave und die dort stationierte Baltische Flotte von See aus zu isolieren. Zudem ist ihre Stärke an Land nun größer als früher. „Die US-Armee und ihre Verbündeten verfügen inzwischen über die Fähigkeit, Kaliningrad vom Boden aus in einer Zeitspanne niederzuringen, die beispiellos ist – schneller, als wir das jemals zuvor konnten“, sagte der Befehlshaber der US-Army in Europa, Christopher T. Donahue, im Juli vorigen Jahres. Solche Äußerungen werden in Russland genau beachtet, stets aus der gleichsam spiegelverkehrten Perspektive, in der nicht Moskau Nachbarländer bedroht, sondern der Westen Russland. Besonders kritisiert werden Litauens unverzagt auftretende Politiker. „Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können“, sagte etwa Außenminister Kęstutis Budrys im Mai; die NATO habe „die Mittel, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort im Ernstfall dem Erdboden gleichzumachen“. Putin sagte dazu, Russland habe „alle Mittel, um diejenigen dem Erdboden gleichzumachen, die dies versuchen“. Auch die Kultur ist Kampfschauplatz. So kritisierte Litauens Präsident Gitanas Nausėda Anfang vorigen Jahres die russische Entscheidung, ein 1979 im Kaliningrader Gebiet eröffnetes, dem litauischen Dichter Kristijonas Donelaitis (1714 bis 1780) gewidmetes Museum in „Museum der Literatur“ umzubenennen. „Karaliaučius wird niemals Kaliningrad werden“, hob Nausėda mit der litauischen Bezeichnung für das frühere Königsberg hervor, das die Sowjetunion im April 1946 zusammen mit dem nördlichen Teil der deutschen Provinz Ostpreußen als „Kenigsbergskaja Oblast“ annektiert und bald darauf zu Ehren ihres gestorbenen formellen Staatsoberhaupts Michail Kalinin umbenannt hatte. Putins Sprecher warf Nausėda vor, „territoriale Ansprüche“ gegen Russland zu erheben. Moskaus Propaganda auf Englisch Jetzt verdeutlichen Russlands Erklärungen aus Brüssel und Dublin, dass man sich um die strategisch bedeutsame Exklave sorgt. Das Bewusstsein, dass Kaliningrad trotz der wohl dort stationierten Nuklearwaffen verwundbar ist, dürfte aufgrund der Kriegsverluste in der Ukraine gestiegen sein.  Journalisten haben allein für dieses russische Gebiet zwischen dem Überfall vom 24. Februar 2022 und Mitte September 1752 namentlich bekannte Gefallene gezählt. Die NATO hat auch die Verteidigung ihres Luftraums im Baltikum ausgeweitet. Vom bisherigen Air Policing, also Patrouillenflügen, ist sie zu Air Defence übergegangen. Zu den neuen Verteidigungsfähigkeiten gehören laut Allianz neben den bisherigen Alarmrotten auch see- und landgestützte Luft- und Raketenabwehrsysteme sowie Systeme zur Abwehr unbemannter Flugsysteme. Auch das führt neuerdings zu einer höheren Präsenz von NATO-Flugzeugen im Luftraum rund um Kaliningrad. Diese Aktivitäten erreichten Mitte August einen Höhepunkt im Rahmen eines Manövers, bei dem erstmals auch US-Flugzeuge des Typs EA-37B eingesetzt wurden, die auf elektronische Kriegsführung spezialisiert sind und gegnerische Systeme stören können. Eine NATO-Sprecherin stellte am Dienstag als Reaktion auf die russischen Vorhaltungen klar, dass „keine unserer Aktivitäten oder Übungen eine Gefahr für irgendeinen Teil Russlands“ bedeute. Man verurteile die Androhung von Gewalt, einschließlich jeglicher unverantwortlicher nuklearer Rhetorik. Der Einsatz hybrider Taktiken sei „ein Zeichen der Verzweiflung“, werde die NATO aber nicht davon abbringen, die Ukraine weiter zu unterstützen. Doch die auf Englisch verbreiteten russischen Warnungen zielen auch direkt auf die Bevölkerungen westlicher Staaten ab. So, wenn es heißt, „der Slogan einer ‚russischen Bedrohung‘“ solle „die allgemeine Militarisierung Europas“ und „weitere finanzielle, militärische und politische Unterstützung für das Kiew-Regime“ rechtfertigen. Die Führung der Ukraine also. Um die Feinde zu schwächen, setzt Putin auf Parteien wie die AfD, die Kremlnarrative an ihre Wählerschaft weitertragen. Und die Angst vor Eskalation spielt ihm und seinen westlichen Lautsprechern in die Karten.