FAZ 21.05.2026
12:52 Uhr

Alexander gerst: „Der Mond ist wie ein offenes Geschichtsbuch“


Nach Jahrzehnten rückt der Mond wieder in den Fokus der Raumfahrt. ESA-Astronaut und Geophysiker Alexander Gerst erklärt im Interview, warum die Mondforschung entscheidend für Europas Zukunft im All ist.

Alexander gerst: „Der Mond ist wie ein offenes Geschichtsbuch“

Herr Gerst, nach Jahrzehnten steht der Mond plötzlich wieder im Zentrum der Raumfahrt. Damals war er ein Symbol des Wettlaufs. Ist dies heute wieder der Fall? Der Mond war eigentlich nie uninteressant. In der breiten Öffentlichkeit stand er natürlich während der Apollo-Missionen im Fokus: das Wettrennen der Nationen, das Aufstellen der Flagge. Aber auch damals gab es schon sehr wichtige wissenschaftliche Gründe, zum Mond zu fliegen. Die Apollo-Missionen haben einen riesigen Sprung im Verständnis des Erde-Mond-Systems ermöglicht, insbesondere zur Entstehung des Sonnensystems. Vieles davon konnte man aus dem Mondgestein herauslesen, von dem fast 400 Kilogramm zur Erde zurückgebracht wurden. Seither ist das Interesse nie verschwunden. Man hat heute neue technische Möglichkeiten, etwa zum Südpol des Mondes zu fliegen. Das ging in den Apollo-Zeiten nicht; damals konnte man nur in Äquatornähe landen. Auch die Politik spielt eine Rolle. Es gibt das Artemis-Programm, ein stark internationales Momentum, und natürlich auch den Wettlauf mit China, der zusätzlichen Schwung gibt. Warum ist es für uns so wichtig, noch einmal zum Mond zu fliegen? Der Mond ist aus der Erde entstanden. Wie genau, wissen wir noch nicht. Wahrscheinlich durch eine Kollision mit einem großen Objekt, einem protoplanetaren Körper, der die junge Erde getroffen hat. Dadurch ist klar, dass der Mond ein gutes Archiv ist, weil er aus Material der frühen Erde besteht, aber keine Atmosphäre hat. Das bedeutet: Wir können dort viel über die Frühgeschichte der Erde lernen – also über eine Zeit, die auf der Erde selbst nicht mehr zugänglich ist, weil sie durch Geologie und Erosion an der Oberfläche ausgelöscht wurde. Der Mond ist im Grunde wie ein offenes Geschichtsbuch. Das Wassereis, das wir in den Kratern am Südpol finden, ist möglicherweise Milliarden Jahre alt. Es könnte Bausteine des Lebens enthalten, die vor Milliarden Jahren auch auf die Erde gelangt sind. Auf dem Mond ist seit seiner Entstehung kaum etwas passiert. Auf der Erde dagegen ist Leben entstanden, aber wie genau, weiß niemand. Jeder hat sich schon einmal beim Blick in den Nachthimmel gefragt: Sind wir allein? Gibt es dort draußen noch Leben? Wir wissen es nicht, und wir haben bislang keine belastbare Antwort. Der Mond kann uns helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Als weiterer Grund der Reise wird die planetare Sicherheit genannt. Wie kann die Mondmission dazu beitragen? Der Mond ist voller Einschlagskrater, genauso wie die Erde – denken Sie an das Nördlinger Ries in Deutschland, ein Krater mit etwa 25 Kilometer Durchmesser. Solche großen Einschläge könnten sich wiederholen, aber wir wissen nicht genau, wie wahrscheinlich das ist. Diese Risiken müssen wir besser verstehen, und das können wir nur durch die Untersuchung des Mondes, weil dort die Einschlagsgeschichte erhalten geblieben ist. Wenn wir dort Krater analysieren, datieren und nach Größen sortieren, können wir abschätzen, wie häufig große Einschläge vorkommen. Das hilft uns, das Risiko für die Erde besser zu bewerten und schneller zu erkennen. Im Idealfall könnten wir zukünftige Asteroiden leicht aus ihrer Bahn bringen, wenn wir sie rechtzeitig entdecken und so potentiell Millionen Leben schützen. Was hat die Erforschung des Sonnenwindes und des Weltraumwetters mit dem Schutz der Erde zu tun? Diese Phänomene können erhebliche Auswirkungen auf die Erde haben, etwa durch die Störung oder Zerstörung von Satelliten oder sogar durch Ausfälle von Stromnetzen. Um solche Ereignisse besser zu verstehen, lohnt sich ebenfalls der Blick zum Mond. Der Mondstaub könnte ein Archiv der Sonnenaktivität über Milliarden Jahre sein – ähnlich wie Eisbohrkerne in der Antarktis Klimaarchive enthalten sind. Auf dem Mond wäre es ein Archiv des Weltraumwetters. All diese Beispiele zeigen: Es geht bei der Erforschung des Mondes nicht nur um wissenschaftliche Neugier, sondern um sehr konkrete Fragen, die für unsere Zukunft auf der Erde entscheidend werden können. Manche Unternehmen erhoffen sich auch einen wirtschaftlichen Vorteil von der Mission. Das letzte Jahrzehnt der Weltraumfahrt ist dadurch geprägt, dass nicht nur staatliche Raumfahrtagenturen im All aktiv sind, sondern auch viele Unternehmen. Es gibt Weltraumtourismus, Unternehmen, die große Satellitenkonstellationen aufbauen, und auch solche, die überlegen, ob man Ressourcen vom Mond abbauen und zur Erde zurückbringen kann. Ob das überhaupt wirtschaftlich oder technisch sinnvoll ist, ist fraglich. Wodurch unterscheidet sich der Fokus der ESA gegenüber den anderen Raumfahrtorganisationen? Unser Fokus liegt auf Exploration, also der Erkundung dieses neuen „Kontinents“. Da müssen wir als Europäerinnen und Europäer dabei sein, sonst hätten wir später keinen Zugang zu diesem entstehenden Raum. Dieser Raum ist voller Wissen, Daten, Kommunikation und neuer Infrastruktur. Dort wird viel entstehen, und es ist wichtig, dass wir daran beteiligt sind. Wir wollen auf dem Mond aber auch präsent sein, damit wir dort lokal Ressourcen sinnvoll nutzen. Es geht nicht darum, Helium-3, Seltene Erden oder Wasser zur Erde zu transportieren, sondern wir wollen sie auf dem Mond nutzen, etwa als Treibstoff oder um Sauerstoff oder Trinkwasser zu erzeugen. Die ESA will Teil der internationalen Explorationsumgebung sein, wissenschaftliche Ziele verfolgen und gleichzeitig sicherzustellen, dass Europa an dieser neuen Phase der Raumfahrt aktiv beteiligt ist. Die ESA setzt in ihren Mondprojekten viel auf Roboter und KI, darunter auch auf den neuen Mondlander Argonaut. Müssen auf dem Mond überhaupt noch Menschen arbeiten? Interessante Frage. Aber wenn wir zur ISS blicken, sehen wir dort eine Art Mensch-Maschine-Zusammenspiel. Etwa 90 Prozent der Arbeit sind robotisch und etwa zehn Prozent jedes Experiments werden direkt von Menschen durchgeführt. Diese Synergie ist extrem effizient. In einer einjährigen Expedition können so rund 300 Experimente durchgeführt werden. Das wäre weder möglich, wenn man nur Roboter hochschicken würde, noch, wenn man ausschließlich Menschen einsetzen würde. Der Schlüssel ist also die Zusammenarbeit. Roboter sind wichtig als Vorreiter, um zunächst gefährliche oder unbekannte Umgebungen zu erkunden. Aber wenn es darum geht, wirklich umfassende Daten zu gewinnen, braucht man Menschen mit Intuition, Erfahrung und der Fähigkeit, schnell zu entscheiden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist aber auch die emotionale Wirkung. Das hat man bei der Artemis-II-Mission gesehen: Die Bilder, die die Crew zurückgeschickt hat, haben viele Menschen auf der Erde tief beeindruckt – mich eingeschlossen. Diese Aufnahmen zeigen nicht nur Daten, sondern echte Perspektiven von Menschen im All. Genau das inspiriert. Und diese Inspiration ist entscheidend für die nächste Generation. In Europa ist das besonders wichtig. Junge Menschen, die heute mit „Die Sendung mit der Maus“ aufwachsen, sollen sehen, dass solche Karrieren möglich sind. Diese Generation entscheidet in den nächsten zehn Jahren, wo sie leben, studieren und ihre Zukunft gestalten will. Wenn wir ihnen zeigen können, dass sie hier in Europa an solchen Projekten mitarbeiten und vielleicht sogar einmal zum Mond fliegen können, ist das langfristig extrem wertvoll für unsere Gesellschaft. Welche zentralen Missions- oder Entwicklungsschritte sind bei Artemis II nun entscheidend, damit ein Aufenthalt auf dem Mond überhaupt möglich ist? Derzeit werden gemeinsam mit Unternehmen wie SpaceX Landegefährte entwickelt. In kommenden Testmissionen dockt dann das Orion-Raumschiff mit ihnen im Erdorbit an. Dabei wird überprüft, ob das Zusammenspiel funktioniert. Das ist entscheidend, bevor man den nächsten Schritt geht: nämlich das Andocken im Mondorbit und anschließend den Transfer in das Landemodul, das dann zur Mondoberfläche fliegt. Ein wichtiger Meilenstein ist also, dass es nicht nur einzelne Landeplattformen gibt, sondern ein vollständiges System, mit dem unterschiedliche Anbieter zuverlässig Fracht und später auch Menschen zum Mond bringen können. Beim Starship zum Beispiel müssen noch zentrale Technologien wie das Betanken im Orbit demonstriert werden – das ist derzeit noch nicht abgeschlossen. Wenn Menschen dann tatsächlich auf der Mondoberfläche sind, werden die ersten Aufenthalte zunächst nur wenige Tage dauern. Denn der Südpol, an dem sie landen, ist sehr anspruchsvoll: die Lichtverhältnisse sind extrem, das Sonnenlicht fällt sehr flach ein, die Umgebung ist stark zerklüftet, und Landungen müssen häufig auf Kraterrändern erfolgen. In den Kratern selbst herrscht dauerhaft Schatten, weshalb dort extreme Kälte herrscht und sich Wassereis über Milliarden Jahre erhalten konnte. Das macht diese Region technisch viel anspruchsvoller als die Apollo-Landegebiete. Falls Sie bei einer zukünftigen Artemis-Mission auf dem Mond landen würden, wären Sie nach Harrison Schmitt von Apollo 17 erst der zweite ausgebildete Geoforscher auf dem Mond. Welche Bedeutung hat dies für Sie persönlich? Für mich wäre das etwas ganz Besonderes, eine wunderbare Erweiterung meines bisherigen Aufgabenfelds. Mich hat es immer fasziniert, ins Unbekannte vorzudringen, in Umgebungen zu reisen, die lebensfeindlich sind, weil dort wichtige Antworten auf grundlegende Fragen liegen. Aus genau diesem Grund bin ich auch in die Antarktis gegangen und habe Vulkane erforscht. Das Prinzip ist immer dasselbe: Wir gehen in extreme Umgebungen, um Wissen zu gewinnen, das für unser Leben hier entscheidend ist. Das gilt für die Antarktis genauso wie für die Raumfahrt. Auch die Forschung auf der ISS hat bereits gezeigt, wie wichtig solche Arbeiten sind – etwa für das Verständnis von Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer. Und auf dem Mond wird es ähnlich sein: Die dort gewonnenen Erkenntnisse werden uns helfen, die Erde besser zu verstehen und besser zu schützen. Wenn ich mit meinen Fähigkeiten dazu einen Beitrag leisten könnte, wäre das für mich ein großes Privileg und eine sehr erfüllende Aufgabe. Wie bereiten Sie sich darauf vor? Ich halte mich natürlich fit und bleibe grundsätzlich im Training. Dazu gehören zum Beispiel Flugtraining, Tauchtraining, Roboterarmsteuerung und ähnliche Übungen. Das mache ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Es gibt in Europa im Moment sechs Astronautinnen und Astronauten mit dem entsprechenden Erfahrungshintergrund, um potentiell zum Mond zu fliegen. Wir alle halten uns also generell fit für diese Möglichkeit. Gleichzeitig haben wir aber auch andere Aufgaben. Ich leite bei der ESA die Abteilung „Astronaut Operations“ am Europäischen Astronautenzentrum und unterstütze junge Astronautinnen und Astronauten dabei, in ihren Beruf einzusteigen. Das ist im Grunde mein Hauptjob bei der ESA: Die eine Hälfte besteht aus dieser Tätigkeit, die andere Hälfte aus Training und Vorbereitung.