Als Alexandra Popp im Presseraum der Wolfsburger Arena Platz nahm, wirkte sie keineswegs wie eine Profisportlerin auf Abschiedstournee. Sie scherzte, erzählte von ihrer künftigen „kleinen Wohnung“ am Rande des Ruhrgebiets und sprach mit jener schnörkellosen Direktheit, die sie hierzulande zu einer der glaubwürdigsten Stimmen des Fußballs der Frauen gemacht hat. Je länger der Auftritt dauerte, desto deutlicher wurde allerdings, wie schwer der nahende Abschied fallen wird. „Das ist eine Entscheidung, die man nicht einfach so trifft“, sagte Popp, „denn 14 Jahre gehen nicht spurlos an einem vorbei. Der VfL hat mich wachsen lassen.“ An diesem Donnerstag (16.00 Uhr im ZDF und bei Sky) soll in Köln, im Pokalendspiel gegen den FC Bayern München, ihr letzter großer Auftritt im Trikot des VfL folgen. Wie lange sie mitwirken kann, ist wegen einer Wadenverletzung, die sie seit Mitte März plagt, offen. Am Wochenende, beim 4:2-Sieg in Freiburg, saß sie erstmals wieder auf der Bank. Popp sprach entschlossen über ihre beabsichtigte Rückkehr aufs Feld: „Die Reha läuft sehr gut. Wir sind voll im Plan. Ziel ist definitiv das DFB-Pokalfinale.“ Wer ihre Laufbahn verfolgt hat, weiß, dass solche Sätze eine Kampfansage bedeuten. Sieben Meisterschaften, dreizehn Pokalsiege Popp baute ihre Karriere immer wieder neu auf. In ihrer Familie gehörte Fußball zum Alltag. „Ich bin quasi im Mittelkreis geboren“, schreibt sie in ihrer Biographie. Der Vater spielte beim TuS Wengern, der ältere Bruder war ihr erster Orientierungspunkt. Als sie mit 14 nicht länger bei den Jungs mitkicken durfte, protestierte sie unter Tränen. „Ich spiele nicht mit Mädchen“, lautete ihr Vorsatz. Erst ein Trainer überzeugte sie davon, sich auf das Abenteuer einzulassen. Schnell kam eine Karriere in Gang, die sie bis heute zu einer prägenden Figur machen sollte: Nach wie vor tragen bei Länderspielen unzählige Mädchen Trikots mit ihrem Namen. Sieben Meisterschaften gewann Popp mit Wolfsburg, dazu dreizehn Pokalsiege, olympisches Gold in Rio und dreimal die Auszeichnung zur „Fußballerin des Jahres“. Wer nur die Titelliste betrachtet, könnte den Eindruck gewinnen, ihre Laufbahn sei geradlinig verlaufen. Tatsächlich bestand sie über Jahre auch aus Rückschlägen, gravierenden Operationen und existenziellen Erfahrungen außerhalb des Sports. Ein Knorpelschaden drohte ihr Profidasein vorzeitig zu beenden Popp stammt aus einer Metzgerfamilie im Revier. Als ihre Eltern Privatinsolvenz anmelden mussten, half sie mit ihrem (damals kleinen) Fußballerinnengehalt aus. „Auch daran bin ich gewachsen“, sagte sie. Mehrmals war ihre Karriere wegen Verletzungen bedroht. So stand 2021 die Frage im Raum, ob ein Knorpelschaden im Knie ihr Profidasein beenden würde. Sie mühte sich durch die Reha und wurde danach mit ihren Toren bei der Europameisterschaft in England, die als Erweckungserlebnis der Branche gilt, zur Symbolfigur. Im Anschluss an das Turnier erhielt sie reihenweise Talkshow-Einladungen und Werbeangebote. Plötzlich interessierten sich Menschen für diesen Sport, die zuvor kaum ein Spiel verfolgt hatten. Popp, die parallel zum Fußball eine Ausbildung als Zootierpflegerin absolvierte, begegnete dem Hype stets mit Skepsis. „Ich hatte Angst, die Chance zu verpassen“ Auch jetzt, kurz vor ihrem Abschied aus Wolfsburg, formulierte sie unbequeme Wahrheiten mit Klarheit. Der VfL habe „Jahre verpasst, in denen wir hätten weitermachen müssen“, sagte sie mit Blick auf die Entwicklung im nationalen Vergleich. Die Bayern seien inzwischen „fast enteilt“. Viele Vereine hätten Frauenteams gegründet, machten auch „ein bisschen was“, aber eigentlich könnten sie viel mehr tun. Statements wie diese hört man im deutschen Fußball selten von aktiv Beteiligten. Dass Popp ihre Laufbahn nun ausgerechnet unweit der Heimat in Dortmund fortsetzt, wirkt folgerichtig. Der Wechsel ist weniger ein romantischer Ausklang als eine bewusste Entscheidung für ein Projekt, das sie überzeugt. „Ich hatte einfach ein Stück weit die Angst, diese Chance zu verpassen“, sagte sie über den Schritt zum BVB, der noch in der Regionalliga antritt und mit ihr weiter nach oben kommen möchte: „Der Plan ist, so schnell wie möglich in die erste Liga aufzusteigen.“ Für Wolfsburg endet mit dem Abschied eine Epoche. Viele Spielerinnen kamen und gingen, Popp blieb immer die Konstante. Sie erlebte Triumphe, die Professionalisierung und den Popularitätsschub. Nun verlässt sie den Klub in einer Phase, in der die Konkurrenz größer geworden ist und in der die fehlende Gewissheit, wie die Unterstützung des kriselnden Autobauers weitergehen wird, die Stimmung dämpft. „Es würde mir extrem viel bedeuten, den Pokal noch mal nach Wolfsburg zu holen. Das wäre ein schöner und runder Abschluss“, sagte sie. Popp war nie die Spielerin, die dem Fußball des VfL eine glitzernde Anmutung bescherte. Sie verlieh ihm mit ihrem Arbeitsethos Ernsthaftigkeit. Was sie hinterlässt, ist mehr als ein Loch in der Aufstellung – es ist vor allem der Maßstab für die ihr nachfolgenden Generationen.
