FAZ 12.03.2026
14:41 Uhr

Alltag im Krieg: Auf eine Pizza in Teheran


Trotz des Kriegs bestellen Menschen in Teheran Essen. Zwei Lieferdienstfahrer erzählen, was das für sie bedeutet.

Alltag im Krieg: Auf eine Pizza in Teheran

In Teheran gibt es nach wie vor Menschen, die Pizza bestellen. Und es gibt Lieferdienstfahrer, die inmitten des Krieges Essen ausfahren. Der 33 Jahre alte Mahmoud Reza nimmt Bestellungen über die iranische Telefonanwendung Snapp entgegen. „Gestern bin ich mit meinem Motorrad durch die Fereshteh-Straße und das Ekbatan-Viertel gefahren, wo es vorher Angriffe gab und Gebäude brannten. Es war wie in einem Film“, sagt Reza am Telefon. „Ich habe keine Wahl“, sagt er. „Ich habe eine Tochter, ich bin geschieden und muss Unterhalt zahlen. Ich muss meine Miete zahlen und für meine Mutter sorgen.“ Sein Vermieter habe schon angerufen und gedrängt, weil dieser wegen des Krieges selbst in finanziellen Schwierigkeiten sei. Reza sagt, er fahre in der Hauptstadt überall hin, selbst in die Straßen rund um das sogenannte „Haus des Führers“, in dem am ersten Kriegstag Ali Khamenei getötet wurde und das anschließend noch mindestens einmal angegriffen wurde, um einen unterirdischen Bunker zu zerstören. „Luren haben keine Angst“, sagt der Lieferdienstfahrer. Außerdem könne er ja nicht im Voraus wissen, welches Gebiet angegriffen werde. „Die ganze Stadt ist jetzt ein einziges Kriegsgebiet.“ Luren sind eine ethnische Minderheit in Iran, Reza gehört ihr an. „Die Leute kaufen nur das Nötigste“ Es gibt nur noch wenige Restaurants und Cafés in der Hauptstadt, die geöffnet haben und Bestellungen entgegennehmen. Reza liefert deshalb auch Brot, Obst und andere Lebensmittel für Supermärkte aus. Vor dem Krieg hat er Kleidungspakete ausgetragen. „Aber jetzt kaufen die Leute nur noch das Nötigste.“ Beim Herumfahren hat er gesehen, dass die Außentüren mancher Wohnhäuser offengelassen werden. Er versteht das als Hilfsangebot, falls jemand vor einem Luftangriff fliehen muss. Es zeige, dass die Leute zusammenhielten. „Ich mache das in meinem Haus jetzt auch“, sagt er. Aber es gebe auch Menschen, die sogar in dieser Situation nur an ihren eigenen Vorteil dächten. Damit meint er Händler, die aus seiner Sicht Wucherpreise verlangen. So sei der Preis für ein Kilo Fleisch innerhalb eines Tages von umgerechnet acht auf 13 Euro gestiegen. Eine Schachtel Eier koste inzwischen umgerechnet mehr als 2,70 Euro. „Die Regierung muss die Händler bestrafen, die die Lage ausnutzen“, findet er. Angesichts der angespannten Wirtschaftslage bekomme er fast nie Trinkgeld und erwarte es auch nicht. Aber neulich habe er umgerechnet 1,30 Euro bekommen, weil jemand ihn lange habe warten lassen. Rahim meidet Straßen in der Nähe von Militäranlagen Der 22 Jahre alte Rahim, der nur seinen Vornamen nennen will, arbeitet jetzt als Motorradtaxifahrer. Die Pizzeria, für die er bisher fuhr, hat geschlossen. Der Besitzer ist nach einigen Kriegstagen in den Norden des Landes geflohen, als die Luftangriffe heftiger wurden. Früher habe er etwa 30 Pizzen am Tag ausgeteilt. In den ersten Kriegstagen sei es nur noch eine je Tag gewesen. „Ich hätte niemals erwartet, dass es so weit kommt, dass die ganze Stadt in Rauch aufgeht“, sagt Rahim, den die F.A.Z. mithilfe eines lokalen Mitarbeiters kontaktiert hat. Wenn er Fahrgäste transportiert, meidet er Straßen in der Nähe von Militäranlagen und das Gebiet rund um das „Haus des Führers“. Rahim schläft in der Pizzeria, in der er weiter angestellt ist. Er verdient den Mindestlohn von rund 85 Euro im Monat. Eine eigene Wohnung in Teheran hat er nicht. Rahim sagt, er habe noch umgerechnet 6,50 Euro auf dem Konto. Neulich habe ihm ein Fahrgast etwas zu essen angeboten. Das habe ihn so gerührt, dass er seiner Mutter in seiner Heimatstadt Nurabad im Südwesten des Landes davon erzählt habe. „Sie hat geweint, weil sie sich große Sorgen um mich macht.“ Aus Sicherheitsgründen wagt er es nicht, nach Nurabad zu fahren. Aber auch in der Hauptstadt fürchtet er um sein Leben. Der Preis für eine Fahrt mit dem Motorrad habe sich seit Kriegsbeginn verdoppelt. Das liegt unter anderem an den gestiegenen Benzinpreisen. Außerdem ist Benzin schlechter zu bekommen. Manche Tankstellen sind geschlossen, offenbar gibt es Versorgungsengpässe, nachdem Israel mehrere Öllagerstätten und Raffinerien bombardiert hat. Das hat außerdem die Luft so sehr verpestet, dass viele Leute es vorziehen, zu Hause zu bleiben, um Essen zu bestellen, statt selbst einkaufen zu gehen.