FAZ 25.09.2026
07:03 Uhr

Angebot in Hofheim: Bürger dürfen mit der Stadtkasse spielen


Zwei Hofheimer Unternehmer haben ein Internetportal erstellt, um den Bürgern den städtischen Haushalt zu erklären. Dabei darf jeder einmal in die Rolle des Kämmerers schlüpfen.

Angebot in Hofheim: Bürger dürfen mit der Stadtkasse spielen

Dass die Stadt kein Geld hat, hat sich in Hofheim mittlerweile herumgesprochen. Aber warum hat sie kein Geld, und was kann sie dagegen tun? Warum steigt die Grundsteuer so stark an, und kann man das Geld nicht anderswo einsparen? Vorschläge haben die Bürger einige, Fragen auch. Vor allem aber ist die Materie äußerst komplex. Nun haben die Hofheimer eine neue Möglichkeit bekommen, sich über den städtischen Haushalt zu informieren. Auf dem neuen Portal hofheims-haushalt.de beginnt man am besten mit dem Video, in dem Bürgermeister Wilhelm Schultze (BfH) in 13 Minuten die Lage erklärt. Wer einen Begriff nicht verstanden hat, kann das Video anhalten und sich ein Erklärfenster dazu durchlesen. „Nicht jeder weiß, was ein ordentliches und was ein außerordentliches Ergebnis ist“, sagt Fabian Sprey, der mit seiner Firma Grainlab Medienproduktion in der Stadt ansässig ist. „So wird das Video barrierefrei.“ Bürger können selbst Kämmerer spielen Sprey selbst schlug Schultze den Erklärfilm vor und produzierte ihn ehrenamtlich für die Stadt. Unabhängig davon kam auch Konstantin Knapp auf eine Idee, wie man das komplexe Thema anschaulich aufbereiten könne. Der Unternehmer, der im Innovationszentrum Hofheim seine Firma Gearparts gegründet und lange geleitet hat, entwickelte eine Internetplattform, auf der Bürger sich umfassend über den Haushalt informieren und sich interaktiv beteiligen können. Drei Wochen brauchte Knapp dafür, KI sei Dank. Das Finanz-Dashboard auf der Startseite ist eine Art erweiterte Schuldenuhr, hier werden Liquidität und Finanzstatus der Kommune quartalsweise aktuell angezeigt. Wer will, kann auch ins Detail gehen und Mehraufnahmen gegen Grundsteuer-Hebesatzpunkte gegenrechnen. Unter dem Menüpunkt „Wohin geht mein Euro?“ sind hundert Euro beispielhaft nach Ausgaben aufgeschlüsselt. Und schließlich kann man selbst Kämmerer spielen, Ausgaben streichen oder hinzufügen und sehen, ob und wie schnell sich dadurch die Lücke in der Kasse schließt. Das Ergebnis kann man an die Stadt schicken, die auf diese Weise ein Stimmungsbild aus der Bürgerschaft erhält. „Dass sich Bevölkerung und Politik immer weiter entfernen, ist eine sehr bedenkliche Entwicklung“, sagt Unternehmer Knapp. „Wenn eine Einrichtung wie ein Schwimmbad schließt, entsteht ein Vakuum, in das jede mögliche Erzählung hineinpasst.“ Knapp möchte seine Entwicklung daher perspektivisch auch anderen Gemeinden anbieten. „Für mich als Unternehmer war auch ein Learning, dass man nicht einfach mit dem Rotstift da rankann“, sagt Knapp. Eine Stadt habe zahlreiche Kosten, die sie nicht beeinflussen kann. Am 1. November wird zusätzlich eine Funktion freigeschaltet, mit der Bürger, Unternehmen, aber auch städtische Mitarbeiter, Letztere anonym, Vorschläge einreichen können. Die Vorschläge stehen sichtbar auf der Seite und werden von der Verwaltung bewertet und beantwortet. Die Befragung soll bis zum 31. Dezember laufen, Anfang nächsten Jahres will die Stadt die Rückmeldungen liefern.