Angesichts der Schwierigkeiten der aktuellen Regierung hat die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Diskussionskultur in der deutschen Politik kritisiert. Sie fordert mehr Gelassenheit im Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. „Ich finde, Politiker müssen klarmachen: Es gibt keine Lösungsfindung, die nicht über irgendeine Debatte geht. Aber die Debatte wird heute immer sofort ‚Streit‘ genannt“, sagt Merkel im Gespräch mit dem Magazin „Focus“. Notwendige Abstimmungsprozesse würden heute oft reflexhaft abgewertet. Für „schier ausgeschlossen“ erklärte die ehemalige Kanzlerin, dass in einer Koalition bei komplexen Themen wie der Gesundheitsreform nur gleiche Meinungen herrschten. „Das sind Meinungsfindungen, die finden im öffentlichen Raum statt. Aber dann müssen wir damit verantwortungsvoll umgehen und nicht immer skandalisieren.“ Besorgt zeigt sich Merkel über das schwindende Ansehen politischer Einigungen. „Der Kompromiss wird dann auch noch niedergemacht. Dabei liegt es in der Natur der Sache. Ich kann mich nicht mal in meiner eigenen Familie mit fünf, sechs Leuten durchsetzen“, so Merkel. Hinter den Kulissen arbeiteten Menschen „mit ziemlich viel Leidenschaft“ an Lösungen für komplizierte Probleme. Ein Grundvertrauen der Parteispitzen muss da sein Merkel, die von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin war, wollte sich in dem Interview nicht im Detail zur aktuellen Regierungspolitik äußern. „Ich wünsche dieser Regierung Erfolg“, bekräftigte sie. Sie habe den Eindruck, „dass sich alle Beteiligten der unglaublichen Verantwortung bewusst sind“. Die Regierung von Union und SPD arbeite „unter wirklich schwierigen äußeren Bedingungen“, sagte Merkel und verwies auf die Kriege in der Ukraine und in Iran. „Das sind große Herausforderungen.“ Angesichts der von Krisen geprägten Gesamtsituation hob sie die Bedeutung persönlicher Kanäle zwischen den Spitzen der Koalitionspartner hervor. Unabhängig von der Parteifarbe – ob FDP oder SPD – sei es für sie in ihrer Amtszeit entscheidend gewesen, einen Raum für Gespräche mit den Parteivorsitzenden zu haben, in dem eine „Vertrauens-Grundbasis“ geherrscht habe. Zu dem teilweise rauen Ton in der politischen Auseinandersetzung riet Merkel zu Gelassenheit. Man müsse in einer Demokratie sowohl Lob als auch „ziemliche Gegenwehr“ aushalten können. „Ich habe versucht, mich davon möglichst wenig beeindrucken zu lassen“. Sie erinnerte an den Ausspruch Helmut Kohls: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ Merkel verteidigte auch die Haushaltspolitik der von ihr geführten Regierungen. In der Finanzkrise 2008 habe man „irrsinnige Schulden“ aufgenommen, dann aber für solide Haushalte die Schuldenbremse eingeführt. „Man könnte heute kein Infrastrukturvermögen auflegen, könnte nicht unbegrenzt Verteidigungsausgaben stemmen, wenn wir nicht so gut gewirtschaftet hätten.“ In der damaligen Zeit sei die Schuldenbremse das Richtige gewesen. Im schwierigen Umgang mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump riet die frühere Kanzlerin, Gemeinsamkeiten zu benennen und ansonsten „angstfrei aufzutreten“. Sie sagte: „Nicht besonders gefallen zu wollen – jedenfalls habe ich mich da nie Illusionen hingegeben, wenn’s mal gut lief – noch besonders provokativ sein zu wollen: So habe ich es gehalten.“ Sie warnte davor, Trump zu unterschätzen: „Wer in solche Positionen gekommen ist, der hat einfach unglaublich viel Macht. Und deshalb muss man das sehr, sehr ernst nehmen.“ Das Laster der spätabendlichen Bratkartoffeln Aber auch Privates ließ Merkel durchblicken. Mit den Erfolgen ihrer Gartenarbeit sei sie nicht wirklich zufrieden. Sie seien „nicht so, wie ich es mir manchmal vorstelle“, meinte sie. Manches gelinge, manches nicht. „Ich tröste mich damit, dass es auch von der Bodenbeschaffenheit abhängt.“ Auf die Frage, welche schlechte Angewohnheit sie sich gern abgewöhnen würde, antwortete sie: „Manchmal zu gerne Bratkartoffeln abends um zehn zu essen.“ Beim körperlichen und mentalen Bewältigen ihres Amts habe ihr auch ihre „ganz robuste Natur“ geholfen, verriet sie. „Aber ich habe immer darauf geachtet, dass ich immer wieder Freizeit hatte, dass ich auch mal was lesen konnte.“ So sei sie an Sonnabenden fast nie aus dem Haus gegangen und habe stattdessen in der Uckermark versucht, „mich auf den Boden der Tatsachen zurückzubewegen“. Sie habe sich „sehr bewusst Ruheräume genommen“ und auch regelmäßig Urlaub gemacht.
