FAZ 14.09.2026
07:38 Uhr

Angine de Poitrine: „Angine de Poitrine werden 2030 auf dem Mond spielen“


Das dadaistische Rockmusikduo Angine de Poitrine erlebt gerade einen unglaublichen Popularitätsschub. Die Identität der Musiker hinter den Masken ist geheim – aber ihrem Manager in Québec konnten wir einige Fragen stellen.

Angine de Poitrine: „Angine de Poitrine werden 2030 auf dem Mond spielen“

Sébastien Collin, Sie sind der Manager des Duos Angine de Poitrine, um das in den vergangenen Monaten ein riesiger Hype entstanden ist. Die beiden Musiker treten nur hinter Puppenmasken mit ulkigen Nasen auf. Ihr Genre bezeichnen sie selbst als „Dada Pythago-Cubist Mantra-Rock“. Seit wann kennen Sie die Musiker? Das ist top secret! Ich kann es nicht verraten, weil sie weiter anonym bleiben wollen. Aber wir trafen uns schon ein paar Jahre bevor sie „Angine de Poitrine“ wurden. War das auf dem Planeten Erde? Ja. Aber die beiden Musiker hinter den Masken sind angeblich Außerirdische namens Khn und Klek. Wie spricht man diese Namen eigentlich aus? „Ken“ und „Kleck“. Nachdem das Konzert der beiden beim Radiosender KEXP mit Songs auch vom neuen Album „Vol. II“ im Frühjahr als Video veröffentlicht wurde, ist es millionenfach angeschaut, geteilt und kommentiert worden. Jetzt sind sie auf Welttournee, auch in Deutschland, und die Nachfrage übersteigt das Angebot an Karten bei Weitem. Das konnte wirklich niemand voraussehen, oder? Es wäre sehr kühn, das zu behaupten. Aber andererseits hatte ich ihnen noch vor dem KEXP-Auftritt einmal vorausgesagt, dass sie 2030 auf dem Mond spielen werden. So gut, wie es derzeit läuft – wer weiß? Im Ernst: Dieser plötzliche Ruhm, die vielen ausverkauften Konzerte mit großen Sprüngen zwischen Kontinenten innerhalb kurzer Zeit, während auf Youtube Leute kommentieren, dass das Duo vor Kurzem noch auf einem Parkplatz gespielt habe – wie geht man damit um? Es ist schwer, sich vorzustellen, wo die Grenze ist. Es ist ein neues Leben für sie. Sie haben viel Energie, sie haben zu vielem Ja gesagt – aber sie mussten jetzt auch schon oft Nein sagen! Wie groß ist die Nachfrage? In London zum Beispiel sind inzwischen zwei Konzerte geplant mit Platz für je knapp dreitausend Menschen, aber auf der Warteliste stehen noch mal über zwanzigtausend. Wie schaffen Sie es, rund um die Auftritte und besonders bei Festivals die Identität der Musiker geheim zu halten? Das stelle ich mir auch nicht einfach vor. (Lacht) Nun, man muss vorher viel kommunizieren mit den Veranstaltern, um das Geheimnis zu bewahren. Die Musiker tragen abseits der Bühne andere Masken, aus Gummi, so wie bei einem Banküberfall. So können sie in Frieden leben und werden, wenn sie woanders auftauchen, nicht erkannt und in Ruhe gelassen. Klingt trotzdem auch ein bisschen anstrengend. Ja, es ist jetzt anstrengend für sie, aber mir ist noch etwas wichtig: Es ist auch anstrengend für so viele andere Musiker, die die ganze Zeit hart touren und über die wir gerade nicht reden! Wir sollten Empathie mit den anderen haben... Das stimmt. Und es werden ja sogar derzeit oft auch Konzerte abgesagt, weil zu wenige sie sehen wollen. Auf der anderen Seite kann Angine de Poitrine vielleicht ein leuchtendes Beispiel dafür sein, dass eine Indie-Band mit sehr eigenartiger Musik solchen Erfolg haben kann? Ein Teil Glück und ein Teil Genie haben sie dorthin gebracht. Ja, es ist extrem motivierend, dass Musiker mit so großem Talent, die künstlerisch keine Kompromisse machen, so viel Erfolg haben. Angine sind das Ergebnis einer sehr lebendigen Musikszene hier in Québec – und für diese und weit darüber hinaus jetzt wiederum ein Signal, dass immer noch alles möglich ist. Ihre Musik wird vor allem auch als „Anti-KI-Musik“ wahrgenommen und gefeiert. Wie erklären Sie sich das? Ach, vor fünf Jahren hätte es vielleicht geheißen, das sei Anti-Autotune-Musik. Es geht vielleicht einfach um Abgrenzung vom Mainstream-Pop. Aber es stimmt schon, Angine de Poitrine machen komplexe, sehr gute Musik, die wohl nie von KI-Algorithmen hätte erzeugt werden können. Beide Musiker sind extrem virtuos. Etwas vereinfachter wird ihr Genre auch als „Microtonal Math Rock“ beschrieben. Also einerseits mathematisch konstruiert wirkende Musik, bei der auf faszinierende Weise Loop-Pedale zum Einsatz kommen, die aber andererseits mikrotonale Melodien aufweist, jenseits gängiger Tonabstände. Das liegt an Kleks besonderem Doppelhals-Instrument zwischen Bass und Gitarre mit individuell gesetzten Bünden in so engem Abstand, dass die Tonschritte kleiner sind als Halbtonschritte. Ist es das erste seiner Art? Ich bin nicht sicher – schwer vorstellbar, dass es das allererste sein sollte, doch ich hab zuvor nie so eines gesehen. Was ich kurios finde: Es gibt im Netz viele Reaktionsvideos von Musikexperten oder Jazzgitarristen, aber die meisten können eigentlich gar nicht erklären, was jenseits der Kostüme und Masken das Geheimnis an diesem Duo ist. Sie stehen auch nur staunend davor. Ich glaube, viele, die überrascht sind von Angine de Poitrine, genießen es aber auch, diesen Moment des „Was zur Hölle ist das?“ gespiegelt zu sehen in anderen Gesichtern. Das macht Spaß, und weil die Band äußerlich auffällig, leicht wiedererkennbar ist, hat sich so was wie ein Lauffeuer verbreitet. Es gibt aber auch schon ernsthaftere Versuche, diese Musik zu verstehen und zu deuten. An mehreren Universitäten hier in Kanada haben Dozenten sie aus ganz verschiedenen Perspektiven aufgegriffen. Einer zum Beispiel sagt, das Unerwartete, Unvorhersagbare an dieser Musik wirke sehr befriedigend für das Gehirn. Wie, glauben Sie, wird es für die Band weitergehen in den nächsten Jahren? Vielleicht flacht der Hype ein bisschen ab, aber die Popularität ist jetzt schon so groß und es wollen so viele die Band live sehen, dass sie wohl ein paar Jahre touren könnte, und dabei zählen wir ja noch nicht mal die Menschen mit, die sie gern noch weitere Male sehen würden. Eine neue Version von Dylans „Never Ending Tour“? Es ist eine Frage der Energie und des Abwägens, um neue Musik zu machen – und der Lust zu reisen. Sie müssen ja erst mal viele Teile dieser Welt neu entdecken, um dann zu sehen, in welche es sich lohnt, wiederzukommen. Bislang machen Klek und Khn nur seltsame Geräusche zum Kommunizieren. Werden sie in Zukunft auch singen? Das kann ich mir eher nicht vorstellen. Aber ich bin nicht in ihrem Kopf!