José Armando Jalomo-Cervantes hat kurz nach dem Studium in seiner Heimat als angestellter Mediziner angefangen. Der Alltag als Assistenzarzt sagt ihm einerseits zu. Es könnte ihm schlechter ergehen als in der Privatpraxis, in der er untergekommen ist. Andererseits verdient er nicht gut. 1000 Euro überweist ihm sein Chef. Nicht in der Woche – sondern im Monat. Dabei hat er doch sechs Jahre lang studiert und darf nun als Internist arbeiten. So fragt sich der junge Arzt eines Tages: „Wie soll ich mich mit einem solchen Gehalt selbständig machen?“ Auf der Suche nach einer Antwort landet er zunächst auf der Internetseite der Bundesagentur für Arbeit und schließlich am St.-Josefs-Krankenhaus in Gießen. Die Seite der Arbeitsagentur hat der freundliche Mann mit den pechschwarzen Haaren nicht aus Zufall angesteuert. Während der Recherche nach Aufstiegsmöglichkeiten ist ihm ein Hinweis aus seiner Studienzeit an der Universität von Guadalajara in den Sinn gekommen. Seinerzeit ging es um das sogenannte Specialized-Programm. Mit diesem Angebot richtet sich die Arbeitsagentur auf Spanisch gezielt an angehende Mediziner aus Kolumbien und Mexiko. „Da habe ich vertieft recherchiert und auch einen Sprachkurs gemacht“, berichtet Cervantes an seinem neuen Arbeitsplatz in der Unistadt an der Lahn. Nach anderthalb Jahren hatte er ein B2-Zertifikat in der Tasche, konnte auch schwierigere Texte auf Deutsch lesen und sich gut mit deutschen Muttersprachlern unterhalten. Krankenhaus lobt Zusammenarbeit mit Arbeitsagentur In der Folge wandte er sich schriftlich an die Arbeitsagentur, wie er sagt, reichte bei der Behörde seine Dokumente ein und bereitete seine Bewerbung bei einem Krankenhaus in Deutschland vor. Die Arbeitsagentur schlug ihm die im Volksmund als katholisches Schwesternhaus bezeichnete Klinik in der Nähe des Gießener Hauptbahnhofs vor. Dies war ebenfalls kein Zufall. Das Krankenhaus arbeitet schon seit elf Jahren mit der Arbeitsagentur zusammen, wie Personalchef Marco Meißner sagt. Er lobt die Kooperation als hervorragend. Das gelte für die Agentur am Ort wie den internationalen Dienst der Behörde, hebt er hervor. Vor sechs Jahren habe das Krankenhaus noch keine Erfahrung mit ausländischen Fachkräften gemacht. Das habe sich seitdem grundlegend geändert, auch dank des Specialized-Programms. Die Arbeitsagentur hat es wegen des sich verschärfenden Ärztemangels aufgelegt. Zwar arbeiten nach Angaben der Bundesärztekammer immer mehr Mediziner als Angestellte. Ende 2024, neuere Daten gibt es noch nicht, waren es demnach in ganz Deutschland fast 171.000. Binnen fünf Jahren seit 2019 sei aber die Zahl der niedergelassenen Kollegen um mehr als acht Prozent zurückgegangen. Und Tausende, vor allem Ärztinnen, arbeiten gerne in Teilzeit. Ohne die Zuwanderung von Ärzten aus dem Ausland, zuletzt rund 68.100, wäre der Mangel noch größer, teilt die Bundesärztekammer mit. Wobei die meisten ausländischen Ärzte aus Syrien, Rumänien und der Türkei kämen. Lateinamerikaner müssen Deutschkurse selbst bezahlen Krankenhäuser und Mediziner müssen vor diesem Hintergrund für die Vermittlung von Lateinamerikanern durch den Specialized-Dienst nichts zahlen. Ganz anders sieht es bei den Sprachkursen im Heimatland aus. Cervantes musste die Gebühr selbst zahlen, wie der Ärztliche Direktor des St.-Josefs-Krankenhauses, Ahmet Akinci, berichtet. Sprachkurse seien auch notwendig für die Kontaktaufnahme und den persönlichen Austausch: „Die Deutschkenntnisse sind die Grundlage für die Bewerbung, sonst hätten sie das Teams-Videogespräch nicht geschafft.“ Das war Ende 2023, im August darauf kamen Cervantes und drei Kollegen in Mittelhessen an. Sie mussten einige Prüfungen ablegen und noch einen Fachsprachkurs meistern. Zwischendrin arbeiteten die Lateinamerikaner zunächst fachlich überqualifiziert als Hilfskraft im ärztlichen Dienst. Mittlerweile darf Cervantes als Assistenzarzt unter der Aufsicht eines approbierten Mediziners wirken, der gleichzeitig sein Mentor ist. So will es die Bürokratie. Während seiner Schicht arbeite aber ohnehin ein Oberarzt auf der Station, sagt der 30 Jahre alte Mexikaner. „Es hat von Anfang an gepasst“, sagt Cervantes. Ähnlich geht es seinem Kollegen Nicolas Rodriguez. Der Mexikaner arbeitet in der Psychiatrie im nordhessischen Haina. Dorthin ist er im doppelten Sinn über Umwege gekommen. Zunächst hatte er sich vor zehn Jahren in Tübingen als Forscher mit Hautkrebs beschäftigt. „Da konnte ich noch gar kein Deutsch“, erinnert er sich. Sein Professor habe ihm aber geholfen, sich zurechtzufinden, er habe Freunde gefunden, die ihm die Sprache beibrachten, und das Land schätzen gelernt. „In Deutschland gibt es in der Medizin mehr Ressourcen als in Mexiko. Die Patienten zeigen sich dankbar, und die Arbeitsatmosphäre ist gut“, zählt Rodriguez einige Vorteile auf. Sein Medizinstudium konnte er in Deutschland aber nicht absolvieren, wie er berichtet, und zog es in der Heimat durch. Er schickte seine Unterlagen an die Arbeitsagentur – „und dann ging es ganz schnell“. Auf seine Bewerbung meldete sich das Krankenhaus in Haina und holte ihn nach Nordhessen. Schnitzel mit Tacos zu Weihnachten bei 80 Jahre alter Nachbarin Anders als Cervantes kam Rodriguez nicht allein, vielmehr brachte er seine Frau mit. Sie fanden sich in einer freundlichen Nachbarschaft wieder, die das fremde Paar zum Essen einlud, wie er sagt. Weihnachten verbrachten sie mit einer 80 Jahre alten Nachbarin. „Wir haben Schnitzel mit Tacos gegessen“, erzählt der Arzt und lacht. Für seine Arbeit und die Kollegen ist er voll des Lobes. Vom ersten Tag an habe er viel Verantwortung übertragen bekommen und Hilfe von Kollegen erfahren. „Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt und liebe diese Gesellschaft“, sagt er. Auch Cervantes ist mittlerweile verheiratet. Und zwar mit einer deutschen Frau. Das Paar lebt in Bad Homburg, wo seine Frau herkommt. Die tägliche Pendelei quittiert er mit einem Schulterzucken. Der Aufwand in einer Millionenstadt wie Guadalajara sei sicher nicht geringer. Zudem schätze er die Natur rund um die Kurstadt. Er wandere gerne. „Das geht in Mexiko so gar nicht, weil es an Sicherheit mangelt.“
