„Was an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) zurzeit passiert, ist Anstiftung zum akademischen Kannibalismus: Ein Opfer (Archäologie) wird ausgesondert, wer sich vor es stellt (andere Fächer), riskiert, selbst gerupft zu werden“, sagt der Direktor des archäologischen Parks in Pompeji, Gabriel Zuchtriegel, wutentbrannt in den sozialen Medien. Als ehemaliger HU-Student und Projektpartner der HU-Archäologie hält er die Schließung des Instituts für Archäologie für ein Desaster mit unabsehbaren Folgen für alle kulturwissenschaftlichen und historischen Fächer sowie für die gesamte Universität. Am Institut für Archäologie der HU gibt es zwei archäologische Studiengänge, zum einen die Klassische Archäologie am traditionsreichen Winckelmann-Institut, zum anderen die Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas (AKNOA). Seit 1992 gehört das Institut zur Fakultät für Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaften, die in den nächsten Jahren 1,5 Millionen Euro einsparen muss. Insgesamt muss die HU acht Millionen Euro einsparen. Die betroffenen Kulturwissenschaftler klagen darüber, dass 90 Prozent der Einsparungen an ihrer Fakultät von ihnen erbracht werden müssten, während andere Fächer geschont würden. Dass das Institut für Archäologie in der bisherigen Form nicht weitergeführt wird, weil eine der drei Professuren gestrichen wird, steht fest. Zwischenzeitlich schien nicht einmal mehr klar, ob man künftig an der Humboldt-Universität überhaupt noch Archäologie studieren kann. Petition mit über 16.000 Unterschriften Studenten und Professoren sind mehr als beunruhigt und planen lautstarken Protest. Einer der studentischen Vertreter im Fachschaftsrat spricht gegenüber der F.A.Z. von „PR-Nebelkerzen“ des Präsidiums und verweist auf die nötige Spezialisierung in der Archäologie, um überhaupt auf dem Arbeitsmarkt Chancen zu haben. Es sei eine „kommunikative Katastrophe“, die das Vertrauen der Studenten grundlegend zerstört habe. Eine Studentin berichtet von Kommilitonen, die den Studienort wechseln, weil die Zukunft an der HU offen ist. Das Präsidium hat zwar allen, die mit dem Archäologie-Studium beginnen, garantiert, dass sie es auch beenden können, aber das beruhigt nicht. Eine Petition gegen die Schließung trägt die Unterschriften von über 16.000 Unterstützern. Bemerkenswert und womöglich paradigmatisch für den Umgang mit kleinen geisteswissenschaftlichen Fächern ist, dass erst die Kürzungsvorschläge auf dem Tisch liegen sollen und danach die inhaltliche Arbeit an einem Zukunftskonzept für die Studiengänge beginnen soll. Das HU-Präsidium will sich Mitte Juli ein Gesamtbild machen, danach befasst sich der Akademische Senat damit. Im Herbst soll er als oberstes Beschlussgremium über den Struktur- und Entwicklungsplan beschließen. Das Präsidium dachte offenbar zunächst an ein „Institut für Altertumswissenschaften“ mit klassischer Philologie, alter Geschichte und antiker Philosophie sowie Archäologie. Solch ein Konstrukt hatte die Strukturkommission der HU in der Nachwendezeit im Jahr 1992 schon einmal erwogen, durchsetzen konnte es sich nicht. Erschwerend kommt dazu, dass die FU Berlin schon ein vergleichbares Institut hat und Doppelstrukturen in Zeiten der Einsparungen neue Kürzungen begünstigen könnten. Chance für einen innovativen Studiengang Nun liegt seit Kurzem ein Konzept des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte vor, das ein Bündnis mit dem Institut für Archäologie vorschlägt. Die Kunst- und Bildgeschichte hat sich als einziges Fach solidarisch mit der Archäologie gezeigt und muss nun selbst fürchten, beschädigt zu werden. In dieser Woche wird der Fakultätsrat über das Vorhaben beraten. „Wie so oft bietet ein Elend eine Möglichkeit, einen neuen Horizont zu erreichen und endlich Universität und Museumsinsel wieder zusammenzubringen“, kommentiert der emeritierte HU-Kunsthistoriker Horst Bredekamp. „Ohne eine starke Kunstgeschichte und Archäologie ist die HU nicht mehr das, was sie ist“, ergänzt er. HU-Präsidentin Julia von Blumenthal findet die Idee des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte äußerst interessant, wie sie im Gespräch mit der F.A.Z. versichert. Sie sieht in einem Konzept zur Bewahrung und Erforschung des kulturellen Erbes viel Innovationspotential, das Studiengänge ab 2035 attraktiv machen könnte. Schließlich ist die HU von den vier wichtigen archäologischen Museen auf der Museumsinsel umgeben, die schon jetzt regelmäßig auf die studentischen Hilfskräfte des Instituts für Archäologie zurückgreifen. Auf die Frage, ob künftig überhaupt noch Archäologie an der HU studiert werden kann, antwortet von Blumenthal ausweichend. Zugleich aber bestätigt die Präsidentin, dass die Archäologie aus Sicht des Präsidiums nicht völlig verschwinden kann. Laut Berliner Hochschulgesetz sind zwei Professuren die Voraussetzung für einen Studiengang. Von zwei Professuren (klassische Archäologie und AKNOA) und einer Dauerstelle, die sich um die Sammlungen kümmert, spricht von Blumenthal auch gegenüber der F.A.Z., aber darüber müssten die Gremien entscheiden. Ohne die beiden archäologischen Studiengänge geriete die einst weltweit größte Lehrsammlung der HU, die durch Krieg und mutwillige Zerstörung in der DDR-Zeit schon gelitten hat, zum Dekorationsobjekt im Hauptgebäude der HU. Das kann sich die HU eigentlich nicht leisten.
