Arda Saatçi hat es nicht geschafft. Der Berliner, das sei Leserinnen und Lesern erklärt, deren Social-Media-Feeds ihnen in den vergangenen Tagen nichts zum Dauerläufer in die Timeline gespült haben, eventuell, weil ihnen Social-Media-Feeds herzlich egal sind, wollte laufend in 96 Stunden 600 Kilometer im Westen der Vereinigten Staaten zurücklegen. Arda Saatçi brauchte 123 Stunden und ein paar Minuten. Auch nicht schlecht. Uns allen könnte Arda Saatçi herzlich egal sein. Ein Mann setzt sich ein Ziel, erreicht es oder erreicht es nicht. Na und? Vielen aber war Arda Saatçi nicht egal, denn hinter ihm steht eine Vermarktungsmaschinerie, die aus einem jungen Mann mit Bewegungsdrang ein Social-Media-Zugpferd mit Botschaft macht. Alles geht besser, wenn du nur willst, dein größter Gegner bist du selbst. Arda Saatçi sieht sich als „Cyborg“. Halb Mensch, halb Maschine also, vermarktet von einem Energydrink-Giganten. Und hier wird es dann doch mehr als interessant. Arda Saatçi und all die anderen Protagonisten ihrer wenigstens ins Absurde, manchmal bis ins Gefährliche gesteigerten Selbstoptimierungsversuche reiten auf einer Welle, die über digitale Kanäle die Gesellschaft flutet: Körperliche Grenzen sind dazu da, gesprengt zu werden. Was das kostet? Eine nachrangige Erwägung. Die Grenzüberwindung wird durch Geld incentiviert Auch deshalb verdient eine Kampagne Beachtung, die gerade von der Nationalen Anti-Doping-Agentur initiiert wurde. Schwimmer Josha Salchow und Léa Krüger, Athletenvertreterin und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der NADA, warnen vor einer Normalisierung von Doping. Anlass sind die „Enhanced Games“, bei denen Doping das Mittel zum Zweck der Überwindung der Grenzen des eigenen Körpers sein soll. Die Wettkämpfe, die mit hohen Antritts- und Preisgeldern locken, und zum Trend vermarktete Hyperindividualisten wie Arda Saatçi sind Ausdruck einer gefährlichen Tendenz: Hier wie dort wird die Überwindung der körperlichen Grenzen durch das In-Aussicht-Stellen von Profit incentiviert. In ihrer NADA-Kampagne („Dein Sport. Deine Entscheidung“) sprechen Krüger und Salchow mit Andreas Krieger und Thomas Götze, zwei Opfern des DDR-Dopingsystems, über den Preis des Zwangsdopings, die irreparablen Schäden an Geist und Körper. Heute wirken andere Kräfte auf Sportlerinnen und Sportler als im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Schwächer sind sie nicht. Wo bleibt die verbindende Kraft des Sports? Gesellschaftliche Gefahren aber lauern weit unterhalb möglicher Verlockungen durch Profitversprechen und Pharma-Reiz. Wer den Wert des Sports allein oder vorrangig in der ständigen Verschiebung körperlicher Grenzen sieht, untergräbt die der sportlichen Aktivität inhärente, verbindende gesellschaftliche Kraft. Die drückt sich weder in Millionen Followern auf Instagram noch im nächsten Peak der Abrufe auf Youtube aus. You vs. You nennt Arda Saatçi das, sein „Mantra“. Du gegen dich. Drei Worte reichen, um vor dem klassischen Grundsatz vom gesunden Geist im gesunden Körper in Nullkommanichts fortzurennen. Die Individualisierung des Sports ist erst abgeschlossen, wenn das Ich als Gegner besiegt ist. Vereinsamung als Methode, ausgestrahlt auf digitale Endgeräte, auf die Augen aus vom Widerschein blassen Gesichtern starren. Das ist das Gegenteil von Sport als Faktor für gesellschaftlichen Mehrwert. Mag sein, dass Arda Saatçi das glücklich macht. Einträglich wird es sein. Gesund nicht. Und zum Vorbild taugt sein Ansatz erst recht nicht. Aber als Warnung allemal.
