Alle lieben die Mumins, aber ihre Schöpferin liebte eine Insel: Klovharun im Pellinge-Archipel, weit draußen im Meer vor der Küste Finnlands, zwischen Himmel und Sturm, Freiheit und Mut. Wind streicht über die kahlen Felsen. Hier stand sie barfuß, malte, schrieb und schaute aufs Meer: Tove Jansson, Erfinderin der Mumins, Künstlerin, Autorin und bekennende Liebhaberin von Stürmen. Man möchte es ihr gleichtun, sich jetzt einfach hinsetzen, atmen und schauen. Weit hinaus über das Meer, wo die Silhouette der Sonne die Wolken, das Meer und den Horizont in eine invertierte Welt aus Linien und Formen verwandelt. Als würden sie von hier stammen, die feinen klaren Linien und Schraffuren ihrer Illustrationen. Die kleine schwarze Hütte mit den himmelblauen Fenstern kauert sich in die Felsen, wo Gras und Margeriten wachsen, gelbes Moos, die Steine sind grau, rot, weiß. Am Rande des Archipels Tove Jansson träumte ein Leben lang von Inseln und verbrachte schon als Kind ihre Sommer im Pellinge-Archipel, einem flachen, weiten, windigen Landstrich, etwa eine Stunde von Helsinki entfernt. 1946, mit 32, schaute sie von ihrer Lieblingsinsel Kummelskär in den Sternhimmel, lauschte den Wellen und war „tief überwältigt von dem Drang, auf dieser Insel zu leben oder sie zu besitzen“. Als das nicht klappte, pachtete sie die Insel Bredskär, nur 15 Minuten von hier. Mit ihrem Bruder Lars baute sie dort 1947 das Haus Windrose, ein Onkel brachte die nach dem Krieg raren Nägel aus Schweden mit. Doch irgendwann wurden die Besuche selbst dem Familienmensch Tove zu trubelig, und als sogar japanische Touristen Kieselsteine als Souvenirs mitnahmen, denn sie hatte bereits zu Lebzeiten Weltruhm erlangt – baute sie 1963 mit ihrer Lebensgefährtin, der Künstlerin Tuulikki Pietilä, hier auf Klovharun am äußersten Rand des Archipels ein letztes Zuhause. Drinnen ist es noch so, wie es die beiden 1991 zurückließen: eine orange, holzbraune Gemütlichkeit, Gewürze im Regal, der Schaukelstuhl, an der Tafel eine Notiz ihres Helfers Brunström, das Bücherregal über dem Bett mit dem maßgefertigten Fach für Audiokassetten. Beide liebten Musik, sie hatten sich 1955 bei einer Weihnachtsfeier beim Plattenauflegen am Grammophon kennengelernt. 1963 schrieb sie an Tuulikki: „Hast du ‚Der Mann, der die Inseln liebte‘ gelesen? Wie wäre es mit der Geschichte von der Frau, die sich in eine Insel verliebte?“ Doch Anfang siebzig fühlte sich Tove zunehmend wackelig auf den Beinen. Und sie, die Stürme so liebte, hatte zum ersten Mal Angst vor dem Meer. „Bevor sie die Insel verließen, spülten sie die Tassen, hinterließen Zettel für künftige Besucher. Sie bestieg das Boot, und sie schaute sich nicht einmal um“, erinnert sich Fremdenführerin Lisbeth Forss. Spurensuche in Helsinki Katajanokka, Helsinki. Ein Viertel am Hafen. Die Häuser haben eigentümliche Fassaden: Folklore trifft Jugendstil, alles ist geordnet, aber nichts ist symmetrisch. Heute noch zählen die Straßen im Stil der Nationalromantik mit zu den schönsten in Helsinki. Hier, in der Lotsgatan, Nummer 4B, wuchs Tove Jansson auf, zwischen Pinseln, Gips, dem Duft nach Farben. Vater Viktor war Bildhauer, Mutter Signe Hammarsten, genannt Ham, war ebenfalls Künstlerin, eine unkonventionelle, starke Frau. Sie konnte schießen, reiten, gründete Pfadfinderinnen-Vereine, wollte reisen. Das Studio der Eltern war eine Schatzkiste aus Farben, Lehm, Büchern, Inspirationen und Stoffen. Von außen wirken die Gebäude wie 1914, als Tove geboren wurde: spitze Bögen, verzierte Holztüren, Ecktürmchen, Burgfriede. Wunderbar nachlesen kann man die Beschreibung dieser Gegend in ihrer Kurzgeschichte: „Der Stein“. Unten am Fuß der Straße ist heute eine kleine Bäckerei, leicht schief im Fenster hängt ein Croissant unter Glas. Töölö, ein anderer Stadtteil, im Nordwesten der Stadt: Es dampft auf dem Teller. Hübsch sieht er nicht aus, der braune Klecks mit dem Kartoffelpüree, aber duftet und schmeckt herrlich: Vovan Vorschmack, benannt nach dem ehemaligen Türsteher des Restaurants, ist eine Mischung aus Labskaus und Grützwurst an Kartoffelpüree, nichts für Veganer. Im Elite-Restaurant serviert man heute noch das Künstlermenü, das wie die vielen Ölbilder an ihre Urheber erinnert, die seit 1932 die holzvertäfelten rotbraunen Sitzecken als ihre Kantine betrachteten. 1933 zog Familie Jansson wie viele andere Künstler auch nach nebenan, ins Lallukka-Künstlerwohnheim am Apollonkatu (13, Apollogatan). Hinter hohen weißen Fenstern mit kleinen Balkonen war es erneut ein Studio, in dem Tove aufwuchs, sie und ihre beiden Brüder Lars und Per Olov. Doch heil war die Welt dort nicht mehr. Der finnische Bürgerkrieg hatte den Vater mental ruiniert. Mutter Ham sorgte fürs Familieneinkommen als Illustratorin, zeichnete Banknoten, Bonds und Briefmarken. „Ich muss Künstlerin werden, um meiner Familie willen“, schrieb Tove, die sich in einem lebenslangen Konflikt zwischen Liebe und Pflichtbewusstsein befand. „Soll ich meine Mutter allein schuften lassen?“ Es ist der lebenslange Fleiß, der sie auszeichnet, aber es sind auch ihre Tagträume, eine zauberhafte Welt der Geister und Kreaturen, die sonst nirgendwo hingehören. Während eines Aufenthaltes im Sommerhaus der Familie Hammarsten in Blidö in Schweden erzählte ihr Onkel Einar von Mumintrollen, die den Kindern „in den Nacken hauchen“. 1930 zeichnete sie bei einem Familienurlaub in Pellinge eine Krickelei an eine Wand, inspiriert von der Nase eines verschneiten Baumstumpfes: Snork, den ersten Mumin. 1938 begann sie, die Geschichten aufzuschreiben, 1946 erschien das erste Kinderbuch: Die Mumins und die große Flut. Wirkten die Mumintrolle vielleicht zunächst niedlich – sie sind klein, weiß, leben im Einklang mit der Natur, ernähren sich vegetarisch und halten Winterschlaf –, waren sie in ihrem Kern von Beginn an eine Art Anti-Disney. Ihre Welt war voller Brüche, Neurosen, Schwächen, Zwänge, Angst. Immer haben sie Heimweh, und immer ist der Vater melancholisch, mit sich beschäftigt. Der geheime Gang Ullanlinna, ein anderes Viertel Helsinkis. Im Designmuseum läuft gerade die Ausstellung „Escape to Moominvalley“, eine Ausstellung, die sich mit den Orten in Janssons Werk befasst. Direkt nebenan befindet sich ihr „Studio Utopia“, in das sie zog, als die Spannungen mit dem Vater, der an die Deutschen und Härte glaubte, zu Hause unaushaltbar geworden waren. Ein hohes, rosa Wohnhaus, obendrauf wie ein Türmchen ein helles Obergeschoss mit Fernsicht. Der kathedralenhafte, hohe, eiskalte Raum hatte zuvor der Künstlerin Olga Nordström und davor Hjalmar Hagelstam gehört. Da oben hat sie zeitlebens gemalt, geraucht, geschrieben, gefeiert und gelebt. In den Jahren nach dem Krieg waren es gut bezahlte Aufträge, Fresken, die Mittsommernachtsträumen ähneln, oft hockt versteckt auch irgendwo ein Mumin, als Signatur. Zu sehen sind sie im Helsinki Art Museum, das gerade einen neuen Flügel ihr zu Ehren eröffnete. Den geheimen Gang über den Dachboden, der ihr Studio in Ullanlinna mit der Wohnung ihrer Partnerin Tuulikki Pietilä im Nachbarhaus verband, so wie sie es in ihrem Roman „Fair Play“ beschrieb, gibt es leider nicht mehr. Heute sind dort Eigentumswohnungen. Noch bis 1971 war Homosexualität in Finnland strafbar, bis 1981 wurde sie als Krankheit gesehen. Daheim wurde nicht darüber gesprochen. Tove und Tuulikki bezeichneten sich als „Ghosts“, als Geister. „Es war nicht Gender, das sie interessierte, es war das Individuum“, sagt Nichte Sophia Jansson, die nach dem Tod ihrer Mutter Nita bei ihrem Vater Lars, ihrer Großmutter Ham und Tuulikki und Tove aufwuchs. Erschöpft von 10.221 Comicstrips Wie alle in Janssons Umfeld wanderte auch das Kind Sophia als Inspiration ins schriftstellerische Werk. Die Muminbücher waren seit dem Durchbruch 1954 immer erfolgreicher geworden. Der tägliche Comicstrip in den britischen „Evening News“ machte sie weltberühmt: Auflage zwölf Millionen, später in 120 Ländern. Doch selbst Janssons beeindruckende Arbeitsmoral ließ sie ermüden. Erschöpft von 10.221 Comicstrips schrieb sie an ihre Freundin Eva: „Ich kann einfach nicht Nein sagen“, so wie jemand, der den Krieg und den Hunger kennt, kein Brot wegwerfen kann. 1960 übernahm Bruder Lars den täglichen Comicstrip. Ein Gebäude am Hafen, eine Glasfront. Moomin steht auf der Klingel. 1969 gründeten die Geschwister bereits die Firma Moomin Characters, heute noch immer ein Familienunternehmen, das 2025 schneller wuchs als Techfirmen, allein in den USA um 500 Prozent. Weltweit gibt es über 800 Lizenznehmer, Firmen wie artek, Acne kommen auf sie zu, sie betreiben Shops, Cafés und Themenparks, erwirtschaften in Japan 40 Prozent der Umsätze. „Gute Kunst ist phantastisch, wenn sie Adaptionen aushält, vor allem wenn man den Werten und den Storys treu bleibt“, sagt Roleff Kråkström, Ehemann von Toves Nichte Sophia, ein im britischen Stil elegant gekleideter Mann, der zuvor im Literaturbetrieb arbeitete und ebenfalls aus einer finnischen Künstlerfamilie stammt. Er erklärt, dass sie sich mehr als Kuratoren begreifen und dass sie Anfang der Nullerjahre in einem waghalsigen Manöver die japanischen Zeichentricklizenzen vom Markt nahmen, weil die das Werk verwässerten. „Unterhaltung gibt mir mehr von dem, was ich bereits habe. Kunst gibt mir das, was ich noch nicht kenne“, erklärt Kråkström den Grund hinter der Rückkehr zum Original. Denn der Kern ihres Schaffens hatte einen Antrieb: „Sie hat in der Tiefe verstanden, wie man seine Hoffnung verliert.“ So ist die Botschaft der Mumins heute aktueller denn je: „Es ist okay, Angst zu haben. Wir müssen jeden Tag aufs Neue mutig sein.“ Erinnerungen in Turku Die zwölf Bücher für Erwachsene, die Tove Jansson von 1969 an in den letzten drei Jahrzehnten ihres Lebens verfasste, wirken ebenfalls moderner als vieles, was momentan in der Literatur auf den Markt kommt. Autorinnen wie Esther Freud, Ali Smith schreiben Vorworte. „Das Sommerbuch und ein Kapitel aus ‚Fair Play‘ gehören zu der besten Prosa, die in Finnland geschrieben wurde“, sagt Kråkström. Doch das schönste Kompliment als Autorin erhielt Jansson von ihrem einstigen Lebensgefährten Atos Wirtanen noch zu Lebzeiten: „Du schreibst alterslos, als würdest du immer wieder am Anfang eines Lebens stehen, das du schon viele Male gelebt hast.“ Eine Open-Air-Bühne in der Stadt Turku im Norden. Streicher nehmen Platz. Ein langhaariger Dirigent steht vor dem Pult. Die hohen Bäume rascheln. Bereits 2021 komponierte Lauri Porra, Metal-Bassist, Filmkomponist, Urenkel von Jean Sibelius, seinen Reigen „Seasons in Moominvalley“ und bewies damit: Nach Mumintal kann man auch mit den Ohren reisen. „Ich wollte eine Welt erschaffen, in der sich der Hörer aufhalten kann. Wir erleben es ja wieder: Wir haben Krieg. Das Abgeschnittensein von der Natur, von Kernerfahrungen“, erzählt Porra. In Zeiten des Klimawandels ist die Rolle der Mumins als Bewahrer der Natur wichtig: „Finnen leben mit den Realitäten“, sagt er. „Die Mumins leben das Leben, das wir alle gerne führen würden: einfach relaxen, irgendwo im Archipel“, sagt Ann-Karin einen Tag später. Wir stehen am Eingang von Muumimaailma in Naantali, zwanzig Autominuten von Turku entfernt. Es ist ein kleines, süßes Märchendorf auf einer Insel, die einst der Kirche gehörte und wo zur Sommerzeit etwa 200 Mitarbeitende in Kostüme schlüpfen und zwischen dem Muminhaus, der Höhle der Hatifnatten und dem See hin und her wuseln. Bei der Eröffnung 1995 war Tove Jansson noch anwesend. Inzwischen spazieren pro Saison 170.000 Besucher über den breiten Holzsteg auf die Insel. Janssons Werk ist bevölkert von Inseln, auf denen „die Füße irgendwann von allein ihren Weg finden“ und wo die „immer gleichen kleinen Dinge in der gleichen Reihenfolge Bedeutung haben und Befriedigung bringen“ und „nie Routine sind, so wie in der Stadt“. Wo es Privatsphäre, Abstand, Intimität und Freiheit zugleich gibt. In der Kurzgeschichte „Die Insel“ schrieb sie: „Keiner kann kommen, keiner muss gehen, du fühlst dich vollkommen entspannt. Die Uhren haben schon vor einer Weile aufgehört, und es ist eine Ewigkeit her, dass du Schuhe getragen hast. (...) Alles über dich hat sich ausgeglichen, ist neutral und nicht besonders interessant, du bist dir Gesellschaft, die selten spricht und nie Fragen stellt; eine Person, mit der du leben kannst.“ Zurück im Pellinge-Archipel. Wir gehen durch den Wald, in dem sie Pilze sammelten, und stehen irgendwann an einem Feld. Da hinten liegt das ehemalige Sommerhaus des jüngsten Bruders Per Olov, Prolle, des einzigen Janssons, der nicht wie ein Schlot rauchte, weil er Asthma hatte. „Sie hatten nicht viele Freunde“, sagt Lisbeth Forss über die Jahre der Familie Jansson. Da wäre die Familie der Gustafssons, deren Sohn „Abbe“ Toves Kindheitsfreund war, der ihr Boot „Victoria“ baute, und deren Nachkommen heute an der Marina eine Galerie betreiben. Lisbeth erzählt, dass Tove tagsüber schrieb und es abends ihren Freunden vorlas. Dass sie alle Outdoortricks von ihrer Mutter lernte, etwa an heißen Tagen die Butter im Sand zu verbuddeln, um sie kühl zu halten. In diesem Wald baute Tove Jansson 1942, kurz bevor sie von zu Hause auszog, eine Hütte vor eine kleine Höhle. „Man macht sich ganz klein“, heißt es an einer Stelle in der Kurzgeschichte „Der Stein“, „schließt die Augen fest und sagt immer wieder ein großes Wort, bis man in Sicherheit ist.“ Krabbelt man heute in diese Höhle und schaut hoch, sieht man sie über sich: Insel Blau, der Himmel. Anreise Finnair fliegt mehrmals die Woche direkt von Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt und München nach Helsinki. Gerne dekoriert Finnair ihre Flugzeuge mit Mumins, zuletzt im Jahr 2023. Auf Tove Janssons Spuren in Helsinki Erste Adresse der Familie Jansson: Lotsgatan 4B, Katajanokka. Mittagessen: Ravintola Elite Restaurant, Eteläinen Hesperiankatu 22, Töölö. Im AD Museo (Korkeavuorenkatu 23, Kaartinkaupunki) ist „Escape to Moominvalley“ zu sehen. Ateneum: Malschule, Kaivokatu 2, Vironniemi HAM. Im Helsinki Art Museum eröffnete die neue Tove-Jansson-Galerie.Auf Pellinge (anderthalb Stunden von Helsinki, plus Fähre) gibt es die Galleria Art Marina, Eidiksentie 261, Mehr unter pellingehembygdsforening.fi und visitpellinge.fiMehr Infos unter tovejansson.com. Die Ausstellung „Die Welt der Mumins“ im Literaturhaus München wurde bis 31. Juli verlängert
