FAZ 31.05.2026
14:15 Uhr

Auktion in Köln: Kühle Schönheit


Nach mehr als 100 Jahren in einer Privatsammlung kommt eine eigenhändige Marmorskulptur von Wilhelm Lehmbruck erstmals zur Auktion: Vorschau auf den „Evening Sale“  bei Lempertz in Köln.

Auktion in Köln: Kühle Schönheit

Im Jahr 1910 zog es Wilhelm Lehmbruck wie viele Künstler seiner Zeit nach Paris. Zwei Jahre zuvor hatte der Bildhauer Anita Kaufmann geheiratet, mit der er bald den ersten gemeinsamen Sohn bekam. Lehmbruck hatte seit 1907 erfolgreich in der französischen Hauptstadt ausgestellt: Es entstanden, inspiriert von den Skulpturen Auguste Rodins und Aristide Maillols, einige von Lehmbrucks wichtigsten Werken wie die „Große Stehende“, die „Kniende“, die „Große Sinnende“ – und auch die „Frauenbüste (Büste Frau L.)“. Als Spitzenlos im „Evening Sale“ moderner und zeitgenössischer Kunst kommt sie am 5. Juni bei Lempertz in Köln zur Auktion. Variationen eines Motivs Die Figur ist eine der wenigen von Lehmbruck eigenhändig in weißem Marmor gefertigten Skulpturen auf dem Markt. Um 1910 schuf der Künstler mehrere Torsi, darunter auch die „Frauenbüste (Büste L.)“, die er außerdem in Bronze und Kunststein gießen ließ. Mit einer leicht veränderten Kopfhaltung schuf Lehmbruck etwa gleichzeitig die Marmorfassung. Anders als bei den vor 1910 entstandenen Frauenskulpturen gestaltete er den Torso mit asymmetrisch verkürzten Armlängen sowie einem deutlich geneigten Kopf. 1912 war der Marmor-Torso eines von fünf Werken, die Lehmbruck bei der Sonderbundausstellung in Köln präsentierte, die Arbeiten herausragender internationaler Künstler wie Vincent van Gogh, Edvard Munch, Pablo Picasso und Ernst Ludwig Kirchner versammelte. Dort erwarb Hermann Hertz, Mitbegründer der Sonderbundausstellung und Kunstsammler, die marmorne „Frauenbüste (Büste L.)“ aus der Präsentation heraus und nahm sie in seine Privatsammlung auf – in der sie mehr als 114 Jahre verblieb und nun erstmals für eine Taxe von 500.000 bis 700.000 Euro zur Versteigerung kommt. Auch Paula Modersohn-Becker, die derzeit anlässlich ihres 150. Geburtstags mit zahlreichen Ausstellungen geehrt wird, lebte einige Zeit in Paris. Doch die ländliche Idylle und Naturverbundenheit der Künstlerkolonie Worpswede ließen sie schnell das Großstadtflair gegen das Landleben eintauschen. Ihre beiden bei Lempertz angebotenen Ölgemälde mit Kindermotiven sind typisch für die Malerin, die in ihren Werken oft im Hintergrund die Moorlandschaft aus dem Bremer Umland zeigte. 1901 setzte sie die Köpfe zweier Jungen ins Bild (Taxe 100.000 bis 120.000 Euro), 1905 entstand ein Bild mit drei sitzenden Kindern (160.000/180.000). Renoirs jüngster Sohn Aus der Sammlung des Worcester Museum of Art in den USA kommen vier Werke unter den Hammer, deren Verkauf einen Ankauf mitfinanzieren soll, darunter Karl Hofers Gemälde „Mädchen mit Kürbissen“ von 1929/30 (120.000/140.000) und ein Kinderporträt Auguste Renoirs: „Coco mangeant sa soupe“ zeigt den 1901 geborenen jüngsten Sohn des Malers. In der das spätere Werk des Impressionisten kennzeichnenden weichen Malweise hält der Vater in warmen Farben fest, wie das pausbäckige Kleinkind seine Suppe löffelt (500.000/600.000). Mit der Versteigerung von Museumssammlungen war Lempertz bereits mit der Auktion zur Sammlung von Klaus J. Jacobs erfolgreich, als das Züricher Museum des Kaffee-Unternehmers 2017 aufgelöst wurde. Das teuerste zeitgenössische Kunstwerk ist „Borcke“, eine 1986 gemalte Arbeit des kürzlich verstorbenen Malers Georg Baselitz, mit einer Schätzung von 400.000 bis 450.000 Euro. Auf 162 mal 130 Zentimetern und rückseitig mit der für den Künstler typischen Richtungsangabe versehen, füllen figurative und abstrakte Formen die Leinwand. Klar definierte Motive findet man bei Yoshitomo Nara. Der japanische Maler malte 1997 seine Kinderdarstellung „Bunny in blue“. Das Bild eines Jungen im Hasenkostüm inmitten einer räumlich nicht deutbaren blauen Fläche entstand 1997, nachdem Nara in Düsseldorf an der Kunstakademie bei A. R. Penck studiert hatte und seinen reduzierten, flächigen Stil fand (350.000 /450.000). Von Zdeněk Sýkora ist eine der bekannten Linienkompositionen dabei, die den Künstler in den 1970er-Jahren berühmt machten: „Linie Nr.145“ von 1998 stammt aus einer tschechischen Privatsammlung und ist auf 200.000 bis 300.000 Euro taxiert. Als einzige fotografische Arbeit ist die monumentale Fotoserie „The Island Series“ von Ólafur Elíasson im „Evening Sale“ vertreten: Sie umfasst 56 Farbdrucke auf Aludibond und misst insgesamt 245 mal 368 Zentimeter. Der Blick des Künstlers umkreist darin vom Wasser aus die zerklüftete Insellandschaft seines Heimatlandes Island. In einem eigenen Rastersystem mit sieben Fotografien nebeneinander in acht untereinanderliegenden Reihen nähert sich der Betrachter scheinbar immer weiter den Felsformationen an, wobei die verschiedenen Motive zu einem Tableau auf einem Raster in ein vermeintlich systematisches Ordnungssystem eingefügt wurden (Auflage von drei; 30.000/40.000). Die Summe der Schätzpreise von Lempertz’ „Evening Sale“ beträgt zwischen sechs und 7,9 Millionen Euro für 55 Lose.