FAZ 12.05.2026
19:32 Uhr

Aus dem Koma erwacht: So klingt die Grenzerfahrung des Bewusstseins


Die 1943 geborene Schriftstellerin Marleen Stoessel hat ein mehrwöchiges Koma erlebt. In ihrer Erzählung „An den Grenzen des Lichts“ findet sie eindrucksvolle Worte für das Gefühl der Rückkehr ins Leben.

Aus dem Koma erwacht: So klingt die Grenzerfahrung des Bewusstseins

Jedes Verstehen setzt eine Verstehenshaltung voraus. Wir „verstehen“ Musik anders als Malerei, anders als einen Text. Das hat nicht zuletzt mit dem Verhältnis der Künste zur Zeit zu tun. Wenn eine Autorin jedoch Wörter, Buchstaben, Silben als Farben oder Formen sieht oder hört, wird es irritierend. Und aufregend. Es vollzieht sich ein Ineinanderfließen von Bild, Klang, Bedeutung. In ihrem schönen Essay „Der siebte Sinn oder die Zwölf ist ein Löwe“ hat Marleen Stoessel sich als Synästhetikerin bekannt. So ist das Wort „Aroma“ für sie „aschblau“, die Zahl vier „veilchenblau“, aber über ihre Geschwistersituation (drei Brüder und sie) ist vier auch ein „Brüderblau“. Die Zahl zwölf ist „nur goldbraun“, als ausgeschriebenes Wort hingegen „ist die Zwölf der Löwe: dahingelagert mit seinem schweren Rumpf und dem mächtigen Kopf mit der Mähne“. Diese ererbte Gabe sei ein „Geschenk, das mir lange Zeit nicht bewußt, sondern selbstverständlicher Begleiter jeglicher Wahrnehmung war“. Die Erzählung „An den Grenzen des Lichts“ nimmt den Leser mit in eine autobiographische Grenzerfahrung, in die „Rückkehr von einer langen Reise, der Fahrt in das Brachland zwischen Leben und Tod“. Nach einem Darmverschluss erlitt Marleen Stoessel eine Blutvergiftung, eine Lungenentzündung folgte. „Das war Spitz auf Knopf“, hört sie „eine ältere Stimme, weiblich, sehr freundlich“ sagen, als sie nach achtzehn Tagen Koma und künstlicher Beatmung wieder damit beginnt, die Außenwelt wahrzunehmen. Erste Geräusche kommen, sie erahnt schwimmende, schemenhafte Bewegungen im Raum. Der erste Teil des in zwei Heften gegliederten Textes heißt „Das Erwachen“. Die Autorin schildert darin ihre erste Orientierung im Klinikalltag, Momente in Reha-Einrichtungen. Wieder-Ich-Werden? Eine andere werden? Da ist im ersten Dämmer zunächst eine Zeile aus Nietzsches Gondellied, das zu ihr schwingt. Am Geländer von Literatur und Musik gelingen dem rekonvaleszenten Ich erste Schritte zur Bewusstwerdung (Kafkas untoter Jäger Gracchus erscheint, Orpheus, der Eurydike nicht aus der Unterwelt führen kann, Beethovens „Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“). Wo die Genesene wieder auf den Piepton der Intensivstation stößt Ein Jahr später entsteht mit „Die große Terz“ der zweite Teil des Textes (der sich nun im zweiten Heft findet). Der Piepton der Intensivstation, die Terz des Atemgeräts, kommt zurück bei einer Fernsehdokumentation über die Charité und mischt sich mit Berichten über Corona-Fälle auf Intensivstationen. So erwacht die eigene Geschichte noch einmal in Modulationen. Verstärkt tauchen nun Erinnerungsbilder aus der Kindheit auf. Die wieder- oder gar neugefundene Vergangenheit hilft bei der Klärung der gegenwärtigen Identität. Brauchten tieferliegende Verletzungen neue Erschütterungen, um ins Wissen zu finden? Der Text mäandert in Motiven, die einander anstoßen, sich spiegeln oder wie in einem Kaleidoskop splitterhaft immer wieder neu formieren. Vom anfänglichen Gondellied durchzieht ein „Goldbraun“ als freundliche Farbe des Geborgenseins die Szenen. Im „finsteren Schullabyrinth“ hörte das Kind die „Gegenmelodie“ als Stimme der Lehrerin Fräulein Simon, „warm und zugeneigt, mit unendlich gütigem honigbraunem Gesicht wie ein gebackenes Brötchen“ – und nun geht die Assoziation weiter – „so eines, wie es dir einmal der zweite große Bruder aus der Schule mitbrachte. Dir schenkte! Mir – in Hungerjahren! Warm und rund schmiegt es sich in die beiden Kinderhände, die kaum seinen knusprigen Leib zu umfassen vermögen (. . .) eine Handvoll duftendes überquellendes Glück. Und genauso goldbraun gebacken war auch das Gesicht von Fräulein Simon, rosig, rund und honigblond wie der Name selbst.“ Schlüsseltext ist ein persischer Mystik-Mythos „Goldschimmernd“ ist das Haupt des Wiedehopfs, wenn die Autorin „Die Konferenz der Vögel“ des Mystikers Fariduddin Attar zitiert. In diesem Schlüsseltext aus dem zwölften Jahrhundert leitet der Wiedehopf die Vögel, die ihren König Simorg suchen, durch die Wüste und sieben Täler, eine Reise voller Qualen, bei der viele Vögel sterben. Am Ende bleiben dreißig Vögel übrig, und sie erkennen, dass ihr Flug zu Simorg Simorg selbst ist. Übersetzt heißt Simorg „dreißig Vögel“. Dieser Vogelflug durchzieht Stoessels Erzählung als Botschaft des Lichts (gegen die Welt der Schatten), als Weisheit des Wiedehopfs, dessen „goldleuchtendes Siegel“ jeder in sich trage. Obwohl das Wort Resilienz nie fällt, geht es genau darum. Dabei ist es immer wieder die Suchbewegung des Schreibens, des Erzählens, in der Genesung und Rettung liegen. In Marleen Stoessels Leben – sie ist Jahrgang 1943 – bleibt der Krieg „tief eingeschrieben in das bewusstlose Gedächtnis des Körpers“. Jetzt reißt der „Nebelvorhang, der innere, wirklich auf, zu wirklicher Klarheit“. Das Sirenengeheul kommt wieder und die Mutter, die das nackte Kind aus der Badewanne hebt, in Tücher wickelt und flieht. Szenen an der Grünen Grenze, der Gewehrlauf auf den Vater gerichtet. Gelingende Flucht aus Thüringen in den Westen. Dort Monate ohne Strom und Wasser im Wald. Die Verantwortung für die Eltern: „dein unbewusst gespürter Auftrag vielleicht von Beginn deines Lebens an, den Eltern Mut zu machen, sie zu beruhigen, ihnen Glück zu bringen“. Die Eltern werden zum „Daseinsrecht“. Das prägt bis ins Alter. Sorge um die Mutter, Panikaufbrüche zu ihr, wenn sie wieder zu sterben scheint. Und dann kommt die tote Mutter in den Träumen zurück. Und wird schreibend fast gebannt. Es sind zwei besondere Hefte, versehen mit einem Nachwort von Gernot Krämer und eingeschlagen in Original-Buntpapier aus dem Jahr 1920, ein florales Blau (Aschblau, Veilchenblau), in dem goldbraune Blüten schwimmen. Und die Fingerspitzen streichen über die Struktur des Umschlags, mal glatt oder doch rau, bevor sie das Heft wieder öffnen, zum erneuten Lesen. Marleen Stoessel: „An der Grenze des Lichts“. Erzählung aus der Zeit der Schatten. I: Das Erwachen, II: Die große Terz. Golden Luft Verlag, Mainz. Zwei Hefte, zus. 80 S., br., 39, – €.