FAZ 08.05.2026
10:27 Uhr

Ballet de Lorraine: Schuhe, um darin zu sterben


Neue französische Choreographien zu alter deutscher Musik: „Concerto Danzante“ von Maud Le Pladec und Josepha Madoki als Uraufführung mit dem Ballet de Lorraine in Nancy.

Ballet de Lorraine: Schuhe, um darin zu sterben

Das ist die französische Tanzkultur außerhalb der Pariser Oper: Die neunzehn Centres Chorégraphiques Nationaux sind künstlerisch sehr unterschiedlich ausgerichtete unabhängige Institutionen. Ein einziges von ihnen, das Ballet du Rhin, bildet mit der Oper eine gemeinsame Einrichtung, die anderen sind räumlich getrennt und eigenständig. Seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde so in Frankreich systematisch der zeitgenössische Tanz als Bühnenkunst gefördert, entsprechend selbstbewusst und unabhängig begreift der Tanz seine Position in der französischen Kulturwelt und wird vom Publikum als solcher geschätzt. Intellektuell, philosophisch und gesellschaftlich orientiert, sieht man, dass der zeitgenössische Tanz Frankreichs die amerikanische Postmoderne aufmerksam studiert hat. Und sosehr Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater in Paris über Jahrzehnte gefeiert wurde: Merce Cunningham, Trisha Brown, Lucinda Childs, Twyla Tharp, Bill T. Jones haben französische Choreographen letztlich stärker geprägt, von dem früh verstorbenen Dominique Bagouet bis hin zu Noé Soulier heute. Das Ballet de Lorraine, ein von der Opéra national de Nancy unabhängiges Centre Chorégraphique, stand bis zum Beginn des vergangenen Jahres unter einer Leitung, die das besonders widerspiegelte. Der Schwede Petter Jacobsson, der das Königlich Schwedische Ballett geleitet und in New York in Merce Cunninghams Repertory Understudy Group getanzt hatte, war dort mit dem ehemaligen Cunningham-Tänzer Thomas Caley von 2011 bis 2025. Unter ihnen war das Ballet de Lorraine nach der Auflösung der Merce Cunningham Dance Company 2011 weltweit jenes das choreographische Erbe des 2009 Verstorbenen am besten tanzende Ensemble. Mit Maud Le Pladec ist jetzt eine neue Generation in der Verantwortung. Alle 24 Tänzer hat die fünfzigjährige Französin übernommen und arbeitet seit Anfang 2025 entschieden daran, ein neues Repertoire aufzubauen. Das Training hat sie wieder auf klassisch umgestellt, einschließlich Spitzentraining für die Frauen. Für Le Pladecs erstes in Nancy geschaffenes Stück „Ad Vitam Aeternam“, das jetzt im Opernhaus uraufgeführt wurde, brauchen die Frauen ihre Spitzenschuhe auch gleich. Erfahrung damit, ein Centre Chorégraphique zu leiten, sammelte die Choreographin von 2017 bis 2024 in Orléans. Dass sie eine glückliche Hand hat, das Talent anderer zu erkennen, und keine Angst, große Projekte anzugehen, zeigte sie 2024, als sie die Leitung für den Tanz bei der Zeremonie der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris innehatte, eine große, fröhliche, als sensationeller Erfolg gefeierte öffentliche Inszenierung. Le Pladec ist sehr geradeheraus und spricht trocken über sich, über ihre Tänzer, über Disposition, Dramaturgie, Budget, Human Resource. Ihr erstes Stück hieß „Professor“ (2010), ihr zweites im Jahr darauf „Poetry“. Das ist auch der Eindruck, wenn man sie erlebt und ein Stück von ihr sieht – dass sie mit geradezu akademischer Präzision an ihre Arbeit geht und den Problemen mit einer gewissen Härte zu Leibe rückt und dass sie zugleich eine Künstlerin ist, die von Risiken spricht, davon, dass ihr neues Stück „Ad Vitam Aeternam“ eine Art Tanztheater geworden sei, während sie sonst abstrakter arbeite, und wie düster es geraten sei, obwohl sie selbst keineswegs zu Depressionen neige. Zwei Hasen und ein Harlekin Inspiriert von Dantes „Göttlicher Komödie“ sei ihr Gruppenstück, aber diesen Einfluss muss man sich sehr weitgefasst vorstellen. Das assoziative Ergebnis ist aber mehr als interessant. Der Hase beispielsweise, nach dem sich in Dantes 23. Gesang die Hunde strecken, ist bei ihr keine Illustration literarischer Figuren, sondern ein in weißes Latex gekleideter Tänzer, dessen Kopfhaube wie eine Maske über den Augen sitzt und zwei sehr lange Hasenohren aufrecht hält. Es scheint mehr um die ewige Jagd nach Lust, nach erotischer Verkleidung und um das Ausleben von Phantasien zu gehen. In einem schwarzen Latex-Ganzanzug geht ein weiterer Hase auf allen vieren über die Bühne. Auch die anderen erscheinen in schwarzen oder weißen aufreizenden Kostümen, in knappen Shorts, mit gekreuzten, verschnallten Oberteilen und schweren Stiefeln an den Füßen, Netz, Federn und Halsbändern. Dann tritt der Harlekin, der nicht der Divina Commedia, sondern der Commedia dell’arte entstammt, ins Rampenlicht. Seine Rauten glitzern wie aus Tausenden silberner und schwarzer Pailletten. Seine Füße stehen auf Stilettos, deren schwindelerregende Plateau-Höhe in einen mindestens 25 Zentimeter hohen Pfennigabsatz übergeht, Schuhe, mit denen man jemanden umbringen könnte, Schuhe, die eine Tanzkarriere beim ersten Schritt beenden können. Das auf diesen Fetischobjekten in souveräner Ruhe getanzte Harlekin-Solo ist das Virtuosenstück von Le Pladecs Choreographie, bedrohte, befremdende Schönheit und Laszivität. Die passende Colombine erscheint auch, tritt aber weniger spektakulär auf, fast wie in der Natur erscheint das Weibliche unauffälliger, zurückhaltender. Johann Sebastian Bachs Kompositionen für Streicher oder Clavecin werden unter der Leitung des Geigers Théotime Langlois de Swarte von dem weltberühmten Barockensemble „Les Arts Florissants“ auf historischen Instrumenten gespielt. In dem historischen, anheimelnden Opernhaus von Nancy kann man sie im Graben beobachten und ihre Interaktionen auch mit den Tänzern bewundern. Le Pladecs Tanz und Ausstattung mögen auf Stile und Techniken des Clublebens zugreifen, aber die metaphysische Ausgesetztheit ihrer divenhaft kostümierten Nachtwesen ist echt und gründet in der hochmusikalischen Verschwisterung aller Bewegung mit Bach. „Les Arts Flo“, wie sie in Frankreich zärtlich genannt werden, übertreffen sich auch hier wieder selbst, ihre Intonation, ihr gemeinsamer Atem des Musizierens, ihre dunkle, nichts versüßende Klangschönheit ist außerordentlich in der Wirkung. Die Subkultur oder Subversivität der Inszenierung, das Thema des menschlichen Leidens „bis in alle Ewigkeit“, all das fängt die Musik auf. Sie baut die Brücke für jene Teile des Publikums, für die das Tanzen wie in der Disco etwas Fremdes ist, und sie geht jenen zu Herzen, die eher in den Club gehen und eine ganz andere Musikkultur leben. Nicht jeder hört Bach zum Frühstück, aber an diesem Abend versteht ihn jeder, auch dank der Choreographie. Le Pladec und Langlois de Swarte waren beide von der Philharmonie Paris eingeladen, eine Aufführung zu entwickeln, und vereinbarten dann von sich aus, daraus ein gemeinsames Projekt zu machen in Kooperation mit der Oper Nancy. Der Erfolg des Abends ist das Verfolgen von Integration auf mehreren Ebenen. Le Pladecs Uraufführung „Ad Vitam Aeternam“, die mit einem Zitat von Kurt Jooss’ Antikriegsstück „Der Grüne Tisch“ von 1931 endet und dann Scheinwerfer ins Publikum richtet, um klarzumachen, dass es um die Kriege heute geht, ist der zweite Teil des „Concerto Danzante“ überschriebenen Ballettabends. Ihrer ebenfalls französischen Gastchoreographin Josepha Madoki, die 2024 auch an der Choreographie der olympischen Eröffnungszeremonie beteiligt war, lässt Le Pladec den Vortritt. Zum ersten Mal arbeitet Madoki, die mit ihren eigenen Tänzern an der in Paris und demnächst in Madrid zu sehenden Opernaufführung von Hector Berlioz’ „Roméo et Juliette“ beteiligt ist, mit anderen Tänzern in einem Opernhaus-Kontext. „Garbo“ heißt ihr quirliges, tableauhafte Szenen arrangierendes Tanzstück für das ganze Ensemble, das mit dem Bild eines am Boden sitzenden Tänzers endet. Er trägt einen roten, langen Fransenrock und posiert. Hinter ihm scheint Greta Garbos Gesicht als Schwarz-Weiß-Porträt auf, mit der berühmten juwelenglitzernden Haube, die sie als Mata Hari trug. Madoki ist in zeitgenössischem Tanz ausgebildet und im Hip-Hop ein Star. Sie arbeitete mit Sidi Larbi Cherkaoui und betreute als Assistentin alle Vorstellungen seiner Musicalinszenierung „Starmania“. Seit sie für sich das „Waacking“ entdeckt hat, fühlt sie sich als Tänzerin und Choreographin in dieser Tradition von der amerikanischen Westküste zu Hause. Wie das New Yorker „Vogueing“, für dessen Eingang in den zeitgenössischen Tanz und Würdigung Trajal Harrells Arbeiten stehen, ist das „Waacking“ eine Tradition der Subkultur. In Los Angeles entwickelte es sich in den Clubs, es waren Homosexuelle, die diesen Tanz erfanden, eine schwierig zu erlernende Technik, in der wie im Hip-Hop die sogenannten Battles in der Community ausgetragen werden. Aus den Stockkämpfen der Martial Arts stammen die wirbelnden, schnellen und exakten Armbewegungen, die phantasievollen, selbst geschneiderten Kostüme drücken aus, dass es wichtig ist, beim Tanzen die Diva in sich, die Göttin, zu wecken. Der Tanz ist individuell, artistisch, unterhaltsam und selbstbewusst. Die Verehrung für die Leinwandgöttinnen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist real. Das alles repräsentiert Josepha Madoki, deren selbst gewählter Waacking-Künstlerinnen-Name „Princess“ ist, in ihrem ersten Stück für ein klassisch trainiertes Ensemble. „Garbo“ beginnt mit einem Defilee der Tänzer durch die Reihen des Parketts, wie um zu sagen, wir gehören zu euch. Wir machen das für uns selbst, aber auch um euch zu zeigen, wie ihr euch vielleicht ausdrücken könntet. Le Pladec hat recht, den französischen Weg der Integration einzuschlagen, den Weg der Einladung, und so daran zu erinnern, dass wir alle einen Körper haben, in Plüsch oder in Latex, und ein Körpergedächtnis, einen Puls und eine Geschichte.