FAZ 15.09.2026
16:23 Uhr

Betrug beim Cybertrading: Fast 22 Millionen Euro Schaden für Kleinanleger


In Göttingen startet der Prozess gegen mutmaßliche Drahtzieher eines großen Cybertrading-Betrugs. Die Ermittler sprechen von millionenschweren Verlusten für Tausende Anleger.

Betrug beim Cybertrading: Fast 22 Millionen Euro Schaden für Kleinanleger

Als die Staatsanwälte aus Niedersachsen den ersten Anzeigen wegen mutmaßlichen Betrugs auf Handelsplattformen im Internet nachgingen, konnten sie nicht ahnen, dass sich ihre Ermittlungsarbeit über mehrere Jahre und diverse langwierige Gerichtsverfahren hinziehen würde. Was 2019 in einer Sondereinheit in Göttingen begann, die sich im Kern eigentlich mit der Aufklärung von Hassdelikten in sozialen Netzwerken beschäftigte, wuchs zur strafrechtlichen Aufarbeitung eines internationalen Betrugs an Kapitalanlegern auf der ganzen Welt heran. Zwischenzeitlich gingen die Strafverfolgungsbehörden von einem Schaden in Milliardenhöhe aus. Heute, rund sieben Jahre nach den ersten Strafanzeigen von Anlegern aus dem südlichen Niedersachsen, wissen die Fahnder und Staatsanwälte, dass im Zeitraum zwischen 2017 und Oktober 2021 global 33.000 Geschädigte auf Onlineplattformen mit Namen wie fx-leader.com, invcenter.com oder interactivetrading.com gut 90 Millionen Euro verloren haben. In Deutschland beläuft sich der Schaden der 5500 ermittelten Betrugsopfer auf rund 22 Millionen Euro. Doch die Dunkelziffer dürfte höher liegen, denn wie in fast allen Betrugsserien auf Onlineplattformen, die auch als „Cybertrading Fraud“ bekannt sind, melden längst nicht alle Kleinanleger ihre Verluste bei der Hausbank oder der Polizei. Mutmaßliche Köpfe der Bande auf der Anklagebank Am Dienstag hat vor der fünften Großen Strafkammer am Landgericht Göttingen ein weiteres Strafverfahren in dem Komplex begonnen, diesmal gegen die beiden mutmaßlichen Köpfe hinter den betrügerischen Plattformen. Die Angeklagten, nach Auskunft einer Gerichtssprecherin israelische Staatsbürger, müssen sich wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verantworten (Az. 5 Kls 14/25). Sie sollen gutgläubige Anleger aus ganz Deutschland mit gezielter Werbung und gefälschten Kursgrafiken zum Investieren auf diversen Handelsplattformen bewogen haben. Häufig begannen die Investitionen mit Beträgen von 250 Euro an, in Einzelfällen investierten Privatanleger aber auch deutlich höhere Beträge und Teile ihrer Altersvorsorge. Doch das Kapital wurde nicht gewinnbringend angelegt. Am Ende landete es in den Taschen der Hintermänner und ihrer zahlreichen Mitarbeiter in Callcentern in Südosteuropa, davon sind die Ankläger der Staatsanwaltschaft Göttingen überzeugt. Im Fall einer Verurteilung droht den beiden mutmaßlichen Köpfen der Bande eine lange Freiheitsstrafe. Nach Auskunft einer Justizsprecherin hat die Strafkammer das Verfahren gegen zwei weitere Angeschuldigte abgetrennt, gegen sie soll zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt werden. Für den aktuellen Prozess gegen die beiden Angeklagten hat die Strafkammer zehn Verhandlungstage bis Mitte November vorgesehen. Im Komplex rund um Plattformen wie Fx-leader.com hat das Landgericht Göttingen in den vergangenen Jahren schon mehrere Mitglieder der international agierenden Bande zu Haftstrafen verurteilt. Im Januar dieses Jahres wurde ein neunundreißigjähriger Mann wegen 278 Fällen des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs schuldig gesprochen; mindestens vier Entscheidungen der Strafkammern aus Göttingen sind mittlerweile rechtskräftig. Razzien in den Jahren 2023 und 2024 Neben den Erkenntnissen aus den vorangegangenen Prozessen stützte sich die Anklage vom Dienstag maßgeblich auf die akribische Arbeit der Fahnder. So hatten Ermittler aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern in Abstimmung mit Europol und Eurojust im Oktober 2021 zunächst Gewerbe- und Privaträume auf Zypern, in Bulgarien, der Ukraine und den Niederlanden durchsucht. Offenbar erhielten die Staatsanwälte dadurch Zugriff auf belastende Daten und Hinweise zu Strukturen von Callcentern in Südosteuropa sowie zu internationalen Geldflüssen der kriminellen Organisation. Im Frühjahr 2023 folgte der zweite „Action Day“ mit Durchsuchungen weiterer Objekte in Bulgarien, Rumänien, Georgien und Israel, darunter mehrere Callcenter. Zudem vollstreckten die lokalen Behörden fünf europäische Haftbefehle. Die Betreiber stellten die Plattformen und die Infrastruktur in den Büros bereit. Den Mitarbeitern in den Callcentern kam in dem straff organisierten Betrugsnetzwerk eine zentrale Rolle zu. Nachdem sich die Kunden auf der Plattform registriert hatten, bewegten die vermeintlichen Finanzberater die Anleger am Telefon oder über Messenger zu weiteren Überweisungen. Teilweise wurden die Betrugsopfer mit simulierten Kursgewinnen zu weiteren Zahlungen bewegt. Misstrauische Kunden wurden vertröstet und Auszahlungswünsche verhindert oder an Gebühren sowie weitere Einzahlungen geknüpft. Justizverwaltung reagiert auf Anstieg von Straftaten im Internet Mitte dieses Jahres hat Niedersachsen eine neue Zentralstelle Cybercrime ins Leben gerufen. Sie ist bei der Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg angesiedelt. „Damit schaffen wir eine schlagkräftige und hochspezialisierte Einheit im Kampf gegen Cyberkriminalität“, sagte Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD) anlässlich der Eröffnung im Juni 2026. Neben juristischer Expertise wurden dafür auch ausgewiesene IT-Spezialisten gewonnen. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Damit das so bleibt, müssen wir als Justiz entschlossen reagieren“, betonte Wahlmann, die das Justizressort in Hannover seit 2022 verantwortet. Mit diesem Schritt reagiert Niedersachsen auf die starke Zunahme solcher Straftaten. Andere Bundesländer wie Bayern, Hessen oder Nordrhein-Westfalen haben vergleichbare Zentralstellen schon seit Jahren eingerichtet. Das jüngste Lagebild des Bundeskriminalamts weist eine bundesweite Schadenssumme für Anleger durch Anlagebetrug auf Onlineplattformen nicht separat aus. Das Phänomen dürfte regional unterschiedliche Größenordnungen erreichen. So entstand laut Landeskriminalamt Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr ein Schaden von mehr als 41 Millionen Euro. Die Zentralstelle Cybercrime Bayern hingegen geht über den Zeitraum von mehreren Jahren von einem Schaden von rund 500 Millionen Euro für Privatanleger im Freistaat aus.