FAZ 10.05.2026
16:21 Uhr

Börne-Preis in der Paulskirche: Gutes Gespür für die Gegenwart


Appell für mehr Medienbildung und für die Paulskirche als Ort der Demokratie: Christopher Clark bekommt in Frankfurt den Börne-Preis.

Börne-Preis in der Paulskirche: Gutes Gespür für die Gegenwart

Liest Donald Trump Geschichtsbücher? Der australische Historiker Christopher Clark geht nicht davon aus. Trump sei eine Kreatur des Fernsehens und der sozialen Medien mit einem Gespür für Kommunikation, sagte Clark. Anlässlich der Verleihung des diesjährigen Börne-Preises an ihn sprach er in der Paulskirche mit dem Vorsitzenden der Börne-Stiftung, Michael Gotthelf, und dem alleinigen Preisrichter, F.A.Z.-Redakteur Reinhard Müller. Trumps Erfolg innerhalb eines demokratischen Systems sei ein Argument für das, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) seit Jahren fordere: Medienbildung in Schulen vom ersten bis zum letzten Unterrichtsjahr. Einher ging mit dieser Feststellung ein mehrfacher Appell zur Aufwertung der Paulskirche als Ort der Demokratiebildung während der Feierstunde. Clark, der an der Universität Cambridge zur deutschen und europäischen Geschichte forscht und lehrt, hat den mit 20.000 Euro dotierten Preis entgegengenommen, der seit 1993 von der Börne-Stiftung verliehen wird. Fremdenhass und Antisemitismus seien damals Auslöser für deren Gründung gewesen, so Michael Gotthelf, heute sei der Rechtsradikalismus „aus dem Winterschlaf erwacht“.  Müller, in der F.A.Z. verantwortlich für die Ressorts „Zeitgeschehen“ sowie für „Staat und Recht“, hob in seiner Rede vor allem auf Clarks Forschungen zu Preußen und einer strukturellen Balance von Pflicht, Verantwortung und Freiheit ab, die auch heute relevant sei. Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) verband das Lob für Clarks Forschung zur Revolution von 1848, die manche gängige historische These auf den Kopf stelle, mit dem Engagement für die Paulskirche und ein Haus der Demokratie, das auch mit Blick auf die in Frankfurt ansässigen europäischen Institutionen weiterentwickelt werden solle. Bundespräsident Steinmeier, Clarks Laudator, appellierte an die Stadt, das Land Hessen und den Bund, nun „gemeinsam einen Schritt weiter“ zu gehen. Es müsse eine Trägerstiftung geschaffen werden, um die Paulskirche als lebendigen Ort der Erinnerung an demokratische und freiheitliche Traditionen, als Ort der Gegenwart und der Auseinandersetzung zu gestalten. Preis, Preisträger und Preisort fielen glücklich zusammen wie selten, sagte Steinmeier. Wie sehr, das belegte Clark selbst: In der mit 620 geladenen Gästen gefüllten Paulskirche hat er nicht nur Lacher für seine kleine Trump-Imitation geerntet. Historiker machten keine Vorhersagen, so Clark, der Blick in die Geschichte aber ergebe ein Gespür für die Komplexität einer Situation.  Clarks Dankesrede belegte das eindrucksvoll: eine kluge, witzige, in makellosem Deutsch vorgetragene Tour d’Horizon von einem Börne-Text über Rousseaus „Rêveries“ und die Völkerschlacht von 1813 bis zu medialen Fragen der Gegenwart.