FAZ 30.09.2026
18:11 Uhr

Brexit: Burnham erwägt „den ganzen Weg zurück in die EU“


Premierminister Burnham will Großbritannien enger an die EU binden – und schließt dafür die Option einer vollständigen Mitgliedschaft nicht aus. Die Opposition kritisiert das direkt.

Brexit: Burnham erwägt „den ganzen Weg zurück in die EU“

Zu den Optionen des künftigen Verhältnisses zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union gehört für die neue Regierung in London auch eine neuerliche vollständige EU-Mitgliedschaft. Das hat der britische Premierminister Andrew Burnham am Mittwoch dem Sender BBC bestätigt. Burnham hatte schon vor den Delegierten des Labour-Parteitags in Liverpool Anfang der Woche in Aussicht gestellt, er wolle in diesem Herbst eine Grundsatzdiskussion über Tiefe und Ausmaß der künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel führen. Der jetzige Zustand sei „nicht gut genug“; der Brexit habe Britannien „mehr geschadet als genutzt“. Am Mittwoch sagte Burnham, Großbritannien könne sich „nicht ein weiteres Jahrzehnt einfach treiben lassen“. Daher wolle er alle „Optionen“ betrachten und in den kommenden Monaten möglichst einen Konsens über den weiteren Weg finden. Als Zieldatum nannte er den für November in Aussicht gestellten Gipfel der britischen Regierung mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Dieses zweite Gipfeltreffen seit dem Brexit hätte schon vor der Sommerpause Ende Juli stattfinden sollen, doch es wurde nach dem Rücktritt des Premierministers Keir Starmer und der Umbildung der britischen Regierung verschoben. Burnham zählte mehrere Möglichkeiten einer künftigen Verbindung mit der EU auf. Er sagte, „wir können bleiben, wo wir sind“, doch sei dies offenkundig kein attraktiver Vorschlag. Eine weitere Möglichkeit sei die Bildung einer Zollunion, wie das etwa der frühere konservative Finanzminister George Osborne vorgeschlagen habe. Die dritte Variante bestehe mit der Rückkehr in den Gemeinsamen Markt, wie es die Liberaldemokraten forderten. Der Premierminister sagte, es gebe schließlich die vierte Option, „den ganzen Weg zu gehen“, also als Vollmitglied in die EU zurückzukehren. Burnham geht weit über das Wahlprogramm hinaus Der britische Regierungschef sagte, er könne dem Vereinigten Königreich „keinen klaren Weg in diesem Jahrhundert“ weisen, solange „die langfristigen Beziehungen mit unserem größten Markt und Handelspartner ungeklärt sind“. In der EU-Frage führt Burnham damit seine Partei weit über das Wahlprogramm hinaus, mit dem sein Vorgänger vor zwei Jahren die Unterhauswahl gewonnen hatte. Damals hatte Labours Ankündigung gelautet, die Regierung wolle „den Brexit funktionsfähig machen“. Noch während der Nachwahl-Kampagne im Wahlkreis Makerfield, wo Burnham sich im Juni die Rückkehr ins Unterhaus und damit die Möglichkeit sicherte, Starmer herauszufordern, hatte er sich als Kandidat eher unbestimmt geäußert. Damals gab Burnham an, er wolle das Land nicht durch eine zweite Auflage der Brexit-Debatte lähmen. Zu jener Zeit hatte er sich auch nicht bereitwillig daran erinnern wollen, dass er zu früheren Zeiten bekannte, er hoffe, die Rückkehr Großbritanniens in die EU selbst noch zu erleben. Am Mittwoch sagte er jedoch, er stehe zu dieser Aussage, doch heiße das nicht notwendigerweise, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür sei. In den vergangenen Wochen hatten der frühere Premierminister Tony Blair und der gegenwärtige Londoner Bürgermeister Sadiq Khan deutlich für eine Rückkehr in die Europäische Union geworben. Die Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage, Reform UK, warf Burnham vor, er wolle „Großbritannien durch die Hintertür zurück in die EU mogeln“. Die oppositionellen Konservativen gaben an, Labour wolle für die eigenen „desaströsen wirtschaftlichen Entscheidungen“ nun den Brexit verantwortlich machen. Die Liberaldemokraten, die bislang als einzige größere politische Kraft in Großbritannien geschlossen für eine Rückkehr in den Gemeinsamen Markt plädieren, forderten Burnham auf, er möge sofort mit entsprechenden Verhandlungen mit Brüssel beginnen.