FAZ 14.05.2026
11:01 Uhr

Brief aus Istanbul: Bosch steht am Pranger


Wie hysterisch Erdoğans Regime agiert, zeigt der Aufruhr um einen eigentlich herzerweichenden Werbeclip für einen Tierhaarstaubsauger.  Die deutsche Haushaltsgerätefirma hatte es nur gut gemeint.

Brief aus Istanbul: Bosch steht am Pranger

Am Zweiten Weltkrieg nahm die Türkei nicht aktiv teil, verarmte aber stark. Das beste Buch über das Elend der Bevölkerung schrieb wohl der bekannte Journalist und Erzähler Oktay Akbal mit „Önce Ekmekler Bozuldu“ (“Zuerst verdarb das Brot“). In der titelgebenden Erzählung schildert Akbal, wie wirtschaftliche Umstände eine Gesellschaft zerstören: „Zuerst verdarb das Brot und danach alles andere. Die Welt machte keinen Spaß mehr. Alles war auf einmal anders. Das Brot, das Wasser, das Wetter, die Straßen und Plätze, die Menschen … Die Guten wurden schlecht, die Freigebigen geizig, die Gefühlvollen kaltherzig. Ach, das verdorbene Brot – die Substanz der Menschen ist sicherlich das Brot.“ Zur türkischen Fassung der Kolumne:Yazının Türkçe orijinalini okumak için tıklayın Auch in diesem Jahrhundert sind wir kein aktiver Teil eines Kriegs, doch die Wirtschaftspolitik Erdoğans stört unsere Gesellschaft empfindlich. Wir sind nicht bloß politisch gespalten, sondern auch zu einer beunruhigten, gestressten Gesellschaft geworden, in der keiner mehr dem anderen traut. Laut einer Umfrage aus dem letzten Monat leidet die Hälfte der Bevölkerung unter einem hohen Stresslevel. Das ist zu 65 Prozent durch die ökonomischen Verhältnisse verursacht. Und der Stress beschränkt sich nicht auf die Gegenwart. Mit größter Sorge blicken wir in die Zukunft. Fünf von sechs Personen machen sich in mittlerem oder hohem Maß Sorgen. Betroffen sind insbesondere die Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen. Sie glauben nicht, dass die Zukunft besser als die Gegenwart wird. Wie Oktay Akbal in seiner Erzählung von 1946 andeutete, ist heute die Substanz unserer Gesellschaft ebenso verdorben wie unser Brot. Die Gesellschaft, in der man sich einst vertraut und traditionell gegenseitig unterstützt hat, ist nicht wiederzuerkennen. Das Gefühl, dass die Ressourcen begrenzt sind, hat das Vertrauen „dem anderen“ gegenüber verringert. Nicht von ungefähr sind wir laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center unter 25 Ländern dasjenige mit dem geringsten gegenseitigen Vertrauen. 84 Prozent der Menschen in der Türkei haben kein Vertrauen in andere. Da helfen nur illusionäre Feindbilder Die Wirtschaft dezimiert nicht bloß das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft per se. Der von der Regierung verursachte Niedergang der Wirtschaft hat die Geburtenrate auf Rekordniveau sinken lassen. „Bekommt mindestens drei Kinder“, hatte Erdoğan verordnet. Doch mittlerweile verzichten die Leute selbst auf ein zweites Kind, weil die hohe Inflation sowie die steigenden Ausgaben für Unterkunft, Lebensmittel und Bildung die Familienbudgets schwer belasten. Vor zehn Jahren lag die durchschnittliche Kinderzahl bei 2,11 pro Familie, heute ist sie auf 1,51 gesunken und damit auf das niedrigste Niveau der 103-jährigen Geschichte unserer Republik. Aufgrund der Politik des Palastregimes haben wir zudem den Vorteil eingebüßt, über eine junge Bevölkerung zu verfügen, auf den wir so stolz waren. Es besteht sogar die Gefahr, dass wir nur mit der Hälfte unserer zurzeit 86 Millionen Einwohner ins 22. Jahrhundert gehen. Drei Kinder pro Paar wollte die Regierung, hat aber genau das Gegenteil bewirkt und versucht nun panisch, die selbst verschuldete Situation zu verbessern. Es geht ihr lediglich darum, sich mit symbolischen Maßnahmen beliebt zu machen. So hatte sie 2025 zum „Jahr der Familie“ ausgerufen und Kampagnen initiiert, mit denen Eheschließungen gefördert werden sollten. Wer ein Kind bekam, erhielt 5000 Lira, das entspricht etwa 90 Euro. Dieser Betrag reicht nicht einmal, um auch nur einen Monat lang die Windeln für ein Baby zu bezahlen. Als solche Instrumente nichts nützten, schlug die Regierung den üblichen Weg ein und machte sich daran, illusionäre Feindbilder zu schaffen. Wehrlos gegen die Hasskampagne Jüngstes Opfer wurde der deutsche Haushaltsgerätehersteller Bosch. In einem Werbeclip für einen Tierhaarstaubsauger betritt eine Frau ein Geschäft und spricht von ihrem „Jungen“, woraufhin die Verkäuferin von ihren eigenen unartigen Kindern erzählt. Am Ende stellt sich heraus, dass die Kundin mit „mein Junge“ ihren daheim wartenden Hund meint. Der Clip endet mit dem Spruch: „Du bist auch Mutter, wenn du ein Wesen ins Herz geschlossen hast und dich um es kümmerst.“ Mit dieser Werbung zum Muttertag wollte Bosch Elternschaft erweitern und „alle Mütter“, die sich um ein Geschöpf kümmern und es selbstlos lieben, adressieren. Damit hatte die Regierung ihren Feind gefunden. Zunächst nahm die regierungsnahe Presse Bosch aufs Korn, weil das Unternehmen das Konzept Mutterschaft „entwertet“ habe. Der Konzern habe den Besitz von Haustieren damit gleichgesetzt, Kinder zu haben, hieß es in der Hasskampagne. Die Familienministerin kündigte rechtliche Schritte an. Die Rundfunkaufsichtsbehörde RTÜK, das staatliche Zensurinstrument, gab bekannt, sie habe Ermittlungen eingeleitet. Außerstande, sich gegen den Proteststurm zu wehren, musste Bosch die Werbung zurückziehen. Bereits zum Verkauf angeboten Bosch eröffnete 1910 seine erste Vertretung in Istanbul und lässt seit 1972 an verschiedenen Orten in der Türkei Automobilteile, Komponenten der Automatisierungstechnik und Haushaltsgeräte herstellen. Dass der Konzern es jetzt wegen eines Werbeclips mit der Justiz zu tun bekommt, ist keine Kleinigkeit. Denken Sie daran, was Mercedes zustieß, das ebenso lange wie Bosch in der Türkei verkauft und produziert. 2017 hatte ich Ihnen berichtet, dass Ankara Mercedes auf die Liste der Unternehmen gesetzt hatte, die angeblich Terrorismus unterstützen. In letzter Sekunde wurde der Konzern dann doch von der Liste gestrichen. Heute aber kann der Mangel an Rechtsstaatlichkeit in der Türkei neben inländischen auch internationale Unternehmen ernsthaft in Gefahr bringen. Zwei Gesetze erlauben es dem Palastregime, inländischen wie ausländischen Investoren Eigentumsrechte vollständig zu entziehen. Sie wissen, wie schnell man in der Türkei zum Terroristen erklärt werden kann. Leute, die Devisen anlegen oder nicht für die Regierung stimmen, Finanzinstitute, die die Kreditnote der Türkei herabsetzen, protestierende Studenten, Journalisten, unseren Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und viele andere hat Erdoğan schon des Terrorismus bezichtigt. Aufgrund eines Anfang 2025 in Kraft getretenen Gesetzes reicht es für die Konfiszierung eines Unternehmens durch den Staat bereits, wenn gegen es ermittelt wird. Hegt also ein vom Palast eingesetzter Staatsanwalt den Verdacht, Sie könnten ein „Terrorist“ sein, kann er über Nacht Ihre Firma beschlagnahmen. Zuletzt fiel einer der wenigen letzten unabhängigen Fernsehsender diesem Gesetz zum Opfer. Im laufenden Prozess wird dem Journalisten Merdan Yanardağ, Inhaber von Tele1, Agententätigkeit vorgeworfen. Noch vor seiner Festnahme wurde die Beschlagnahme des Senders bekannt gegeben. Ein Gerichtsurteil steht aus, doch wurde Tele1 staatlicherseits bereits zum Verkauf angeboten. Vollkommene Sicherheit Die Bedrohung des Eigentums betrifft nicht allein Unternehmen. Es kann passieren, dass Sie durch einen Federstrich der Regierung Haus oder Grundstück mit Grundbucheintrag verlieren, das Ihnen seit Generationen gehört. Dafür sorgt ein nach der Erdbebenkatastrophe 2023 erlassenes Gesetz für „Reserveflächen“. Aber denken Sie nicht, Ihr Haus würde nun durch einen erdbebensicheren Bau ersetzt. Vielmehr werden wertvolle Grundstücke regierungsnahen Unternehmern überlassen, die anstelle Ihres Hauses einen Luxusbau, ein Einkaufszentrum oder ein Hochhaus errichten. Ein oppositioneller Bürgermeister widersetzt sich? Dann landet er über Nacht hinter Gittern und wird durch einen Zwangsverwalter ersetzt. Investiert jemand in einem Land, in dem keine Rechtsstaatlichkeit herrscht und Eigentum über Nacht beschlagnahmt werden kann? Leider nicht. Obwohl der türkische Staat rekordverdächtige Verzinsung anbietet, zieht es weder heißes Geld noch ausländische Investoren ins Land. Inländische Investoren transferieren ihre Anlagen seit Jahren ins Ausland. Was tut die Regierung dagegen? Sie gibt vollmundige Versprechen ab, statt sich um echte Lösungen zu bemühen. „Wir werden die Türkei zum globalen Anziehungspunkt machen“, versprach Erdoğan. Sein Justizminister Akın Gürlek behauptete auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Rechtssicherheit“: „In der Türkei wird niemandes Eigentumsrecht verletzt werden, das Rechtswesen bietet Investoren vollkommene Sicherheit.“ Zum Zeitpunkt der Aussage saß der Bürgermeister des Istanbuler Bezirks Şişli, Emrah Şahan, im Gefängnis. Er hatte einem regierungsnahen Unternehmer die Baugenehmigung für einen Wolkenkratzer auf einer „Reservefläche“ verweigert. Die Ausschreibung für den Verkauf des Senders Tele1 läuft. Die Ermittlungen gegen Bosch sind im Gange. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.