FAZ 26.05.2026
10:18 Uhr

Brief aus dem Irankrieg: Jeder in seinem eigenen Schweigen


Unsere iranische Autorin hat sich auf einen Bauernhof in der Türkei zurückgezogen. Dort begegnet sie einer Einsamkeit, die allumfassend scheint und die sie doch mit den Menschen in diesem Krieg teilt.

Brief aus dem Irankrieg: Jeder in seinem eigenen Schweigen

Azizam, mein Lieber, der Hof der türkischen Farm liegt voller weißer Maulbeeren, die der Wind über den Boden verstreut hat. Ich hebe die süßen Früchte einzeln auf und lege sie mir in den Mund. Ich bürste das Fell von Herbie, dem langhaarigen Hofhund, und lege mich eine Weile in die Hängematte unter dem großen Baum in der Mitte des Hofes. Die Schwestern haben ihre Männer verloren oder sich getrennt Ich sehe hinauf in die Äste und denke an einen Satz vom großen Filmregisseur Abbas Kiarostami: „Ein Baum ist in der Einsamkeit mehr Baum, und ein Mensch ist in der Einsamkeit mehr Mensch.“ Und dann an diesen Satz: „In der Einsamkeit bin ich ein besserer Mensch.“ Mit diesen Sätzen lebe ich gerade. Und ich bewege mich durch eine heilige Einsamkeit, die sich anfühlt wie meine eigentliche Identität als Mensch. Ich denke an meine bulgarische Freundin D. und ihren US-amerikanischen Mann S., die einige Monate hier mit uns im Hof lebten. Ich schreibe ihr, dass sie die räumliche Trennung von ihrem Mann sicher schmerzt. Aber manchmal brauchen wir diese innere Abgeschiedenheit, um uns selbst zu begegnen. Um uns daran zu erinnern, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt einzigartig ist. S. ist inzwischen wieder in Massachusetts, bei seiner Familie und seinen alten Freunden. Eigentlich ist er wegen der Abschlussfeier seines kleinen Bruders dort. Aber nachts schläft er am Strand, damit er nicht mit seiner Familie zusammen sein muss. Gerade kommen die Familienmitglieder von O., meinem türkischen Freund, aus allen möglichen Teilen der Welt in diese Stadt, um den hundertsten Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Die Schwestern von O. haben entweder ihre Männer verloren oder sich von ihnen getrennt, und ihre Kinder leben und arbeiten längst in ihren eigenen Welten. Eigentlich wollten wir ein großes Fest für die Mutter organisieren. O. sagt, dass kaum jemand hundert Jahre alt wird — und noch seltener bei klarem Verstand. Doch die Mutter wollte es nicht. Sie scheint jeden Augenblick bereit zu sein zu gehen. Ihre alten Freunde und Nachbarn sind tot, und sie fühlt sich wie eine Fremde in dieser Stadt, in der sie nur noch die alten Häuser und das Meer wiedererkennt. Glücklich über den Tod des Diktators Teheran liegt weit entfernt und bewegt sich langsam auf die Hitze des Hochsommers zu. Meine Mitbewohnerin Sch., die wegen des Krieges keine neue Arbeit finden konnte, verbringt inzwischen fast ihre ganze Zeit zu Hause. Gestern hat sie am Telefon geweint und gefragt: „Warum liebt mich kein Mann?“ Auch M., unsere Freundin und Nachbarin, schrieb mir, dass es ihr nicht gut geht. Und ich weiß, warum. Wegen ihrer offenen Ehe trifft sie sich mit anderen Männern — und je mehr sie das tut, desto größer werden ihre Einsamkeit und ihre Sehnsucht nach ihrem Mann in Kalifornien. Und du schweigst ebenfalls. Selbst wenn wir miteinander sprechen, kann ich dein Schweigen hören. Ich weiß, dass du in diesen Tagen viel an deinen Cousin denkst. Deinen kranken Cousin, der sterben wird. Vor ein paar Tagen habe ich angefangen, eine Geschichte zu schreiben. Ich habe vier Figuren erschaffen — Frauen, die ich tief aus meinem Gedächtnis hervorgeholt habe. Nach einigen Tagen ununterbrochenen Schreibens ließ ich schließlich alles liegen, machte Musik an und begann zu tanzen. Ich zog mein T-Shirt aus, um freier tanzen zu können. Eine halbe Stunde, eine Stunde. Ich tanzte so lange, bis mein Körper heiß war und vor Schweiß glänzte. In der Nacht träumte ich von den Frauen meiner Geschichte. Sie hatten sich verwandelt — in Hunderte Frauen aus Ilam, mit schwarzen arabischen Tschadors, staubig, mit Tätowierungen auf Stirn und Kinn. Es war, als wären alle Kriege nach Teheran gekommen. Die Frauen trauerten auf Kurdisch, zu arabischen Melodien, und überall roch es nach Erde und Schweiß. Eine der Frauen flehte mich um etwas an, aber ich verstand ihre Sprache nicht. Als ich morgens aufwachte, war ich erschöpft. Als käme ich von einer langen Reise zurück. Ich beschloss, Abstand von meiner Geschichte zu nehmen. Für eine Weile an nichts mehr zu denken. Morgen werde ich einundvierzig. Mein vierzigstes Lebensjahr war das seltsamste, komplizierteste, schwerste und zugleich glücklichste Jahr meines Lebens. Wenn ich dieses ganze Jahr in einem einzigen Bild festhalten müsste, dann sehe ich mich barfuß mitten auf der Farm tanzen — glücklich über den Tod des Diktators. D. und S. spielten Daf und Akkordeon, und ich hatte das Gefühl, dass dieser lange schwarze Schatten endlich vom Himmel meines Lebens verschwunden war. Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet.