Es war einmal ein Bürgermeister in dem kleinen Ort Grimmweiler. Er hieß Björn Schneider und war beliebt bei den Bürgern. Er kümmerte sich um ihre Anliegen, erfüllte ihnen aber nicht jeden Wunsch, sondern suchte nach vernünftigen Kompromissen. Seine Wiederwahl erschien sicher, wäre da nicht der betrügerische Wirt Alfons Knickel gewesen, der mit Hilfe der Zauberin Dabra und falschen Wahlversprechen das Volk so manipulierte, dass er die Bürgermeisterwahl gewann. Bald aber wurden die Leute unzufrieden, weil Knickel seine Versprechen nicht einhielt. Mit Geldgeschenken und kostenlosen Speisen, die er gestohlenen magischen Objekten zu verdanken hatte, gelang es ihm noch einmal, die Stimmung zu drehen. Doch er hatte die Rechnung nicht mit der guten Zauberin Gundik gemacht, die dafür sorgte, dass die Grimmweiler das Gute in ihrem alten Bürgermeister Schneider erkannten und ihn wieder einsetzten. Knickel musste das Weite suchen. Die Moral von der Geschichte: Gier und Betrug werden bestraft, Ehrlichkeit und Mut dagegen belohnt. Die Voraussetzung ist, dass die Menschen kritisch bleiben und nicht den falschen Propheten dieser Welt folgen. Das ist der Kern des Musicals „Tischlein, deck Dich“, das am Wochenende zum Auftakt der 42. Saison der Brüder-Grimm-Festspiele im Hanauer Amphitheater Premiere gefeiert hat. Die Erwartungen der Zuschauer an die vier Inszenierungen, die bis zum 31. Juli über die überdachte Freilichtbühne gehen, sind groß, denn noch nie in der Geschichte der Festspiele waren die Vorverkaufszahlen so hoch wie in dieser Spielzeit. Bis zur Premiere am Freitagabend waren mehr als 60.000 Karten verkauft. Das sind einige Hundert mehr als in der Vorsaison, als ebenfalls ein Verkaufsrekord erreicht wurde. Hervorragende Darsteller glänzen in ihren Rollen Die Voraussetzungen für einen Erfolg des Musicals, das in der Regel beliebteste Stück jeder Saison, sind gegeben. Dafür stehen vor allem die hervorragenden Darsteller. Andreas Bieber in dreiteiligem Anzug mit Krawatte und Hut als integrer Bürgermeister Björn Schneider erweist sich ebenso als gute Besetzung wie Tim Al-Windawe, der den skrupellosen Gastwirt Alfons Nickel gibt. Beide verkörpern überzeugend ihre jeweiligen Charaktere. Brillant agiert und singt auch Sophia Euskirchen als verruchte Zauberin und Nachtbarbetreiberin Dabra Caprana, mal in glitzernden Gewändern, mal als Ziege mit hochhackigen Pumps an den Füßen. Auch alle anderen Darsteller glänzen in ihren Rollen und bieten hervorragende tänzerischen Leistungen. Das Bühnenbild im Stil der zwanziger Jahre, Kostüme und Masken überzeugen ebenfalls. Das Konzept der Festspiele sieht vor, dass jede Inszenierung, abgesehen von dem Klassikstück, die Neufassung eines Grimm-Märchens auf die Bühne bringt. Dabei werden meist aktuelle Themen in das Märchen integriert. Wolfgang Adenberg, Verfasser des Stücks und der Liedtexte, hat den umgekehrten Weg eingeschlagen. Das Duell der Bürgermeister, die damit verbundene Gesellschaftskritik, die Darstellung gefährlicher totalitärer Entwicklungen und die Wirkung von Verschwörungstheorien stehen weit im Vordergrund der Erzählung. Das Märchen selbst spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Zur Erinnerung: Im Originalmärchen „Tischlein, deck Dich“ werden drei Brüder von ihrem Vater verjagt. Grund sind die Lügen einer Ziege. Alle drei machen eine Lehre. Als Lohn bekommen sie magische Geschenke: ein Tischlein, das sich selbst deckt, einen Esel, der Gold spuckt, und einen Knüppel, der Diebe verprügelt. Auf dem Heimweg stiehlt ein Wirt dem ältesten und dem mittleren Bruder ihre Schätze. Der jüngste Bruder sorgt mit seinem Zauberknüppel dafür, dass der Wirt das Diebesgut zurückgibt. Nun kommen die wohlhabenden Brüder zum Vater zurück, der seinen Irrtum mit der Zeige längst erkannt hat. In der aktuellen Inszenierung dauert es fast bis zur Pause in der Mitte der rund zweistündigen Vorstellung, bis deutlich wird, um welches Märchen es sich überhaupt handelt. Dann erst tritt erstmals die verleumderische Ziege aus dem Originalmärchen auf den Plan. Auf das hölzerne Tischchen, das Markenzeichen des Märchens, wartet der Zuschauer vergebens. Es wird ersetzt durch einen Butler, der eine Metallschale mit Deckel trägt. Das ist weit hergeholt. Das gilt ebenso für den Knüppel aus dem Sack, der am Ende in Gestalt eines menschlichen Boxers mehr oder weniger effektiv auf den fiesen Knickel losgeht. Schließlich gibt es noch die Liebesgeschichte zwischen der Tochter des guten Bürgermeisters und dem Sohn des Wirts. Sie sorgt zwar für die obligatorische Romantik. Für die Handlung spielt sie aber kaum eine Rolle. Auch wenn die Musicalinszenierung von „Tischlein deck dich“ inhaltlich nicht immer überzeugt, ist sie sehenswert, unterhaltsam und abwechslungsreich. Eine pfiffige Idee über die Inszenierung hinaus ist das vierseitige Zeitungsblatt „Grimmweiler Bote“, das an das Publikum verteilt wird und das, in reißerischer Aufmachung, die fiktiven Wähler auf die Bürgermeisterwahl einstimmen soll. „Der schmutzigste Wahlkampf in der Geschichte Grimmweilers – und morgen entscheidet das Volk“, heißt es darin. Ob das Stück zu einem Renner wird, entscheiden die Zuschauer. Das Premierenpublikum war jedenfalls begeistert. Sicher ist, dass sich Interessenten beeilen sollten, Karten zu besorgen, denn die sind vielleicht bald vergriffen. Informationen über die Stücke, die Termine und den Vorverkauf gibt es im Internet unter festspiele-hanau.de.
