FAZ 30.09.2026
10:20 Uhr

Buch von Cornelia Funke: Jetzt glaubst du an Feen, oder?


Cornelia Funke feiert mit ihren Büchern weltweit Erfolge. Nun erscheint „Emma glaubt nicht an Feen“, das von einem Mädchen erzählt, das schrumpft, im Wald um sein Leben kämpft und unter Fabelwesen Verbündete sucht.

Buch von Cornelia Funke: Jetzt glaubst du an Feen, oder?

Wenn Menschen allzu sehr an die Existenz von Feen glauben wollen, passieren wunderliche Dinge. Vor gut 100 Jahren behaupteten zwei britische Mädchen, im Wald regelmäßig mit Feen zu spielen. Die Fotos, die sie mit der Kamera des Vaters des einen Mädchens von diesen Begegnungen anfertigten, überzeugten sogar den berühmten Arthur Conan Doyle, den Erfinder von Sherlock Holmes. Heute betrachtet, erkennen wir die Fotos auf den ersten Blick als niedliche, aber dilettantische Fälschungen und die angeblichen Feen als flache Papierfiguren, die ins Bild gehalten werden. Dass es abgesehen von technischen Fragen einen weiteren Grund gibt, diesen Fotos zu misstrauen, gerät dabei leicht aus dem Blick. Es ist eine verbreitete Vorstellung, Feen seien eine Art geflügelte und geschrumpfte Version des Menschen, dem sie daher auch weitgehend ähnelten; die Feen auf den Fotos der Cousinen sind angezogen wie für eine Cocktailparty. Diese Feen haben vier Arme und Krallen Cornelia Funkes Kinderbuch „Emma glaubt nicht an Feen“ ist weit davon entfernt, in die Falle eines solchen Stereotyps zu geraten. Niedlich ist bei ihr nichts, schon gar nicht die Fee, der das Mädchen Emma in einem entfernten Winkel des Parks hinter dem Haus der Familie begegnet. Zufällig ist sie hinter eine Dornenhecke geraten, die einen abgegrenzten Bereich umgibt, und weil die darüber erzürnte Fee Emma mit einem gezielten Stich in die Stirn auf Mausgröße schrumpfen lässt, ist das eigentlich kleine Gelände für sie auf einmal riesengroß. Und es ist gefährlich für das nun winzige Mädchen, was die Fee offenbar nicht nur in Kauf nimmt, sondern sogar begrüßt. Bevor sie sich kurzerhand davonmacht, sagt sie voraus, dass Emma in kürzester Zeit zwischen den spitzen Zähnen eines Wildtieres enden werde, wahrscheinlich denen eines Fuchses. Wie in der „Tintenwelt“, wie in „Reckless“ macht Funke Ernst. Ihre Welten sind niemals harmlos, sie sind bedrohlich und die Protagonisten in Gefahr. Manchmal geht es ihnen ans Leben, und gerade in „Reckless“ tragen sie an Leib und Seele Blessuren davon, die nicht so leicht heilen – manche heilen nie. Das ist kein Selbstzweck, es geht nicht um Grausamkeit zur Steigerung der Spannung. Es geht um Wahrhaftigkeit in einer erfundenen Welt, um Abenteuer, die nicht leicht zu haben sind, und um eine Erzählweise, die jeden Anflug von Bequemlichkeit wittert und dann konsequent vermeidet. Emma jedenfalls, die wie einst Nils Holgersson plötzlich geschrumpft eine jähe Umkehrung der Machtverhältnisse erfahren muss, überlebt in einer Umgebung, der sie körperlich wenig entgegenzusetzen hat. Aber es gelingt ihr, in einigen der Feen Verbündete zu finden, weil sie sich für sie und ihre Lebensweise interessiert – für Wesen also, die zu den Flügeln vier Arme und Krallen haben, die zunächst keinerlei Empathie für das Mädchen aufzubringen scheinen und keine Verbindung akzeptieren mögen: Der Mensch als Ungeziefer, um den es nicht weiter schade ist. Funke betont klugerweise den Graben zwischen Emma und den Wesen, die sich dann widerwillig und zögernd doch noch ihrer annehmen. Feen sind hier als Naturwesen den Pflanzen näher als den Menschen, schließlich werden sie auch aus Blüten geboren und tragen diese Herkunft sichtbar an sich. Sie leiden, wenn Menschen Wäldern und Wiesen auf den Leib rücken, und haben kaum Anlass, Emma von der Ursache dieses Leids auszunehmen. Dass Funke dieses Unbehagen der Natur vermitteln kann, dass sie daraus eine ganze, höchst spannende Erzählung gestaltet, ohne über dieser Haltung ihre Geschichte zu vergessen, zeigt ihre literarische Klasse. Und dass sie den Graben nicht einebnet, wohl aber überbrückt, ist Ausdruck von Verantwortung ihren Protagonisten gegenüber: Wer eben noch Mensch war, wird nicht zur Fee, nur weil er jetzt mit welchen Umgang hat und von ihnen abhängt. Funke schildert eine Welt, in der alles belebt ist, alles spricht, die Pflanzen so gut wie die Tiere oder auch der rieselnde Bach. In der eigensinnige Wesen keinen Grund sehen, ausgerechnet einem Menschen zu helfen, und es dann doch tun, weil Eigensinn auch gutmütig sein kann. Emma aber wird mit einem wunderbaren Satz vollkommen charakterisiert. Am Ende, als eine Rückverwandlung vorstellbar wird, prüft sie sich nochmals in ihren winzigen Dimensionen: „So klein war sie keine Bedrohung. Emma würde das vermissen.“ Das ist der Unterschied. Cornelia Funke: „Emma glaubt nicht an Feen“. Illustriert von Elias Linnekuhl. Insel Verlag, Berlin 2026. 192 S., geb., 18,– €. Ab 8 J.