FAZ 20.09.2026
11:06 Uhr

Buch zu Renaud Camus: Er erfand den „Großen Austausch“


Wie wurde Renaud Camus von einer Galionsfigur der französischen Schwulenszene zum Spiritus Rector rechtsextremer Bewegungen überall auf der Welt? Ein Blick in seine Tagebücher, Briefe und Mails gibt Antworten.

Buch zu Renaud Camus: Er erfand den „Großen Austausch“

Zum ersten Mal tauchte der Begriff in seinem Tagebuch auf, in einem Eintrag unter dem 10. August 2009. Renaud Camus reiste gerade durch Norwegen. Mit seinem jungen Geliebten Pierre wandelte er auf den Spuren skandinavischer Künstler, deren Lebensorte er in einem in Frankreich bei Fayard verlegten Buch beschreiben wollte. In Skien, der Geburtsstadt von Henrik Ibsen, fielen ihm die vielen Frauen auf, die einen Schleier trugen. Die Norweger, schrieb er, hätten keine Manieren, würden sich in der Öffentlichkeit die Zähne putzen, die Ellbogen auf die Tische legen und zu laut sprechen. Und außerdem, fuhr er fort, ließen sie zu, dass die „Anderen“ sie „ersetzen“. „Der große Austausch ist weit fortgeschritten, auch hier.“ In Frankreich, wo Camus zu dieser Zeit schon seit einigen Jahren im Schloss von Plieux lebte, einer 650 Quadratmeter großen, mittelalterlichen Burg in der Gascogne, hatte er Ähnliches längst beobachtet und auch öffentlich beklagt. Er verurteilte bereits in den frühen Neunzigerjahren (ebenfalls in seinem Tagebuch) einen „antirassistischen öffentlichen Diskurs“, der eine „ethnische Vermischung“ propagiere, und äußerte die Ansicht, der „koranische Glaube“ sei unvereinbar mit der „französischen Identität im ursprünglichen Sinne“. In einer Kolumne, die er seit den frühen Achtzigerjahren regelmäßig in der Homosexuellen-Zeitschrift „Gai Pied“ veröffentlicht, zeigte er sich überzeugt, dass die „muslimische Zivilisation“ eine Gefahr darstelle, insbesondere für Homosexuelle. Er sprach aus eigener, demütigender Erfahrung. Zumindest nach Ansicht der beiden Journalisten Gaspard Dhellemmes  und Olivier Faye, die dem großen Apologeten des Untergangs der westlichen Zivilisation ein sehr lesenswertes, in diesem Jahr in Frankreich erschienenes Buch gewidmet haben. Drei Jahre lang haben sie die Tagebücher gelesen, die Camus seit Jahrzehnten täglich schreibt und seit 1987 sukzessive veröffentlichte. Sie haben ihn in seinem Schloss besucht, seine Bibliothek durchstöbert, alte Briefe, Kalender und seine Mails gelesen. Wer ist dieser Mann, der das Schlagwort vom „großen Austausch“ prägte? „Innerhalb von vierzig Jahren ist er von Louis Aragon zu Eric Zemmour gewechselt. Von den fuck-rooms im ,Anvil‘, dem New Yorker Sadomaso-Club, zu den Treffen in Rungis, dem jährlichen Hochamt der radikalen Rechtsextremen.“ Wie wurde Renaud Camus von einer Galionsfigur der französischen Schwulenszene zum Spiritus rector neurechter Bewegungen überall auf der Welt? Die Autoren suchen die Antwort in einem Lebenslauf, den sie detailreich nacherzählen, mit politischen Figuren und gesellschaftlichen Ereignissen verknüpfen und immer wieder psychologisch zu deuten versuchen. Renaud Camus, der den Journalisten zunächst äußerst skeptisch gegenübertrat, bevor er ihnen allmählich Zugang zu so gut wie allen persönlichen Quellen gewährte, lehnt die von ihnen vertretene These zwar ab: Er meint nicht, dass es seine Unfähigkeit war, sich als großer Schriftsteller seiner Zeit zu etablieren, die ihn habe verbittern lassen. Trotzdem zeichnen die beiden in ihrem Buch das Bild eines Mannes, der zeitlebens zwischen Größenwahn und Niedergeschlagenheit schwankte und dessen verzweifeltes Streben nach Aufmerksamkeit ihn letztlich dazu bewog, die Rolle des Ausgestoßenen anzunehmen, des poète maudit in Maurras’scher Tradition. Man verglich ihn mit André Gide und Jack Kerouac Renaud Camus kam in Clermont-Ferrand als Sohn eines Möbelhändlers zur Welt, der immer wieder (berechtigte, wie sich spät herausstellte) Zweifel daran hegte, der leibliche Vater des Kindes zu sein. Die Mutter verzweifelte derweil an der auch mit therapeutischen Mitteln nicht auszutreibenden Homosexualität ihres Sohnes. Vom Vater, so liest man zwischen den Zeilen, könnte Camusʼ Obsession um Fragen der Herkunft rühren; von der Mutter die Überzeugung, eigentlich etwas Besseres zu sein. Camus ging zum Studium nach Paris und begegnete dort an Sciences Po seiner großen Liebe William Burke, mit dem er in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren ein Jetset-Leben zwischen New York und Paris führte: Sie feierten mit Gilbert und George, trafen Cy Twombly, David Hockney, Marguerite Duras und Andy Warhol, der in Frankreich später von William Burke geschäftlich vertreten wurde. In Warhols Pariser Appartement verbrachten die beiden gute Jahre. In dieser Zeit versuchte sich Camus im Schreiben, verdiente aber kaum eigenes Geld. Sein erstes Buch „Passage“ erregte nur wenig Aufmerksamkeit. Er begegnete Roland Barthes, der Mentor und Geliebter wurde, und Louis Aragon, der ihm für sein zweites Buch „Échange“ im Herbst 1977 immerhin zum „Prix Fénéon“ verhalf. Erst ein paar Jahre später erschien mit dem „Journal d’un voyage en France“ ein Werk, das Camus eine Einladung zu „Apostrophes“ bescherte, der legendären Literatursendung im französischen Fernsehen, wo er mit André Gide und Jack Kerouac verglichen wurde. Moderator Bernard Pivot lobte die unbedingte Ehrlichkeit des Textes, der Schlösser und Burgen mit derselben Akribie beschrieb wie Camusʼ sexuelle Abenteuer. Diesem Stil blieb Camus treu. Vor allem in „Tricks“, dem von Barthes mit einem Vorwort versehenen Buch, das ohne moralischen oder aktivistischen Impetus, dafür mit Detailversessenheit aus dem Sexleben eines Homosexuellen berichtete und das ihn zum „Bannerträger der französischen Schwulen“ machte, wie Dhellemmes und Faye schreiben. „Tricks“ wurde mehrfach aufgelegt und übersetzt, auch ins Englische. Allen Ginsberg soll es als „Meisterwerk der Aufrichtigkeit“ gelobt haben. Dass Renaud Camus allerdings mit so gut wie allem, was er danach schrieb (und er schrieb nach Zählung seiner Biographen rund 160 Bücher), nicht gelang, an diesen Erfolg anzuknüpfen, darin liegt nach Lesart der beiden Journalisten die entscheidende Niederlage seines Lebens. Beschleunigt wurde sie im Jahr 2000 durch die mittlerweile fast in Vergessenheit geratene „affaire Camus“: In „La Campagne de France“ (das von seinem Stammverlag P.O.L. abgelehnt, aber bei Fayard veröffentlicht worden war) hatte Camus einen offenen, aggressiven Antisemitismus artikuliert, zu dem er sich gegenüber einem Reporter von „Les Inrockuptibles“ auch öffentlich bekannte: Insbesondere störte ihn, dass beim Radiosender France Culture überproportional viele Juden arbeiteten, was sich auf das Programm auswirke. Die Kulturministerin und der Senderpräsident protestierten. Le Tout-Paris diskutierte in Artikeln, offenen Briefen und Aufrufen wochenlang, ob Camus ein Antisemit sei und ob ein Schriftsteller alles sagen dürfe. Claude Lanzmann, Serge Klarsfeld und Jacques Derrida griffen ihn an. Der „Neubekehrte“ Alain Finkielkraut verteidigte ihn (noch). Nachdem Camus von etwa 2012 an aber die Nähe zu Marine Le Pen suchte, ließ auch er ihn fallen. Camus wird oft zitiert, aber selten selbst gefragt – oder eingeladen Als weiteren entscheidenden Kipppunkt seines Lebens beschreiben die beiden Autoren von „L’homme par qui la peste arriva“ eine Nacht in Clermond-Ferrand etliche Jahre zuvor. Auf dem Weg zu einem stadtbekannten Schwulen-Treffpunkt wurde Camus von einem Wagen mit maghrebinisch aussehenden Insassen verfolgt – casser du pédé, Homos aufmischen, das hatten sie wohl im Sinn. Camus entkam. Aber in ihm glomm eine Wut auf die vermeintlich verklemmte Sexualität der Nordafrikaner auf, die er in seiner Kolumne in „Gai Pied“ beschrieb und mit der er seine Haltung gegenüber Menschen dieser Herkunft rechtfertigte. Jede Zivilisation, schrieb er, solle sich eigenständig entwickeln, frei von fremden Einflüssen. Die Zeitschrift kündigte die Zusammenarbeit, die Kolumne wurde eingestellt. „Der Bruch mit ,Gai Pied‘ scheint ihn von seinen Hemmungen befreit zu haben.“ Sein Rassismus wurde aggressiver, offener. Und mit jeder Wortmeldung verstärkte sich ein Phänomen, das Dhellemmes und Faye als desillusionierend für Camus persönlich und symptomatisch für seine zweite Lebenshälfte beschreiben: Seine immer radikaleren Thesen von der décivilisation, der wachsenden Kulturlosigkeit, der Okkupation Europas fielen auf fruchtbaren Boden. Man zitierte ihn. Aber er selbst wurde selten gefragt, geschweige denn eingeladen. Daran konnten weder die kulturellen Rendezvous etwas ändern, die er in seinem Schloss organisierte, noch die 2002 gegründete „Partie de l’In-nocence“, deren Mitteilungen gleichwohl dazu beitrugen, den Begriff des „Großen Austauschs“ unter die Leute zu bringen. Insbesondere die von Frankreichs Rechtsextremen gut besuchte Website „Fdesouche“ griff ihn auf. Als Hashtag verbreitete er sich auf Twitter. Über Vertreter der „White Supremacy“ in den USA wie Jared Taylor, der an der Sciences Po in Paris studiert hatte, gelangte die Theorie des „great replacement“ in die Vereinigten Staaten. Nach der Wiederwahl von Donald Trump besuchten Jared Taylor, Curtis Yarvin und Rod Dreher den alten Camus in seinem Schloss. Aber es blieb dabei. Camus wurde immer wieder von Journalisten angerufen, wenn sich ein rassistisch motivierter Attentäter auf seine Begrifflichkeit berief – wie 2019 in Texas und im neuseeländischen Christchurch oder 2022 in Buffalo. Seine Gedanken standen Pate, als der rechtsextreme Kandidat Eric Zemmour mit dem Versprechen, den „großen Austausch“ zu stoppen, vor vier Jahren in den Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich zog. Er stand auch im Mittelpunkt des 2018 uraufgeführten Theaterstücks „Les Idoles“ von Christophe Honoré, der eine seiner Figuren fragen lässt, ob alle Schwulen, die Aids überlebt haben, so geworden seien wie Renaud Camus. Was ist passiert? Diese Frage haben die beiden Journalisten auch Camus selbst gestellt. Und er antwortete: „Was soll ich Ihnen sagen? Die Macht liegt bei ihm (bei dem Theaterautor Christophe Honoré; Anm. d. Red.). Bei dem, der in seiner Epoche lebt, in seiner Zeit, im Erfolg, in den Subventionen … Ich bin nur ein armer Ausgestoßener, ohne Geld und ohne Möglichkeit, mich zu äußern.“ Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye: „L’homme par qui la peste arriva“. Aux origines du „grand remplacement“. Flammarion, Paris 2026. 250 S., br., 20,90 €.