Herr Pauls, Sie sitzen seit einem Jahr im Bundestag. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt? Vieles. Zum Beispiel hat mich die Vielfalt der Standpunkte innerhalb der CDU/CSU-Fraktion überrascht. Gemeinhin heißt es ja, wir seien ein monolithischer Block. Aber das stimmt nicht. Das zeigt sich zum Beispiel in der Rentenfrage oder bei der Gesundheitsreform. Fühlen Sie sich dort wohl? Auf jeden Fall. Es ist eine Ehre für mich, die Wetterau im Bundestag vertreten zu dürfen. Man wird montagmorgens in den Betrieb eingesaugt und freitags wieder ausgespuckt. Es ist anstrengend, klar. Nicht alle Abläufe stellen sich von Anfang an übersichtlich dar, manche sind es auch nicht. Und längst gehe ich nicht jeden Abend nach Hause im Bewusstsein, das Ziel erreicht zu haben. Aber das ist in anderen Berufen nicht anders. Apropos Ziele erreichen: In der Bevölkerung kommt die Koalition nicht besonders gut an. Ständig gibt es Streit. Aus dem CDU-Wirtschaftsflügel kam jüngst sogar die Prognose, Schwarz-Rot werde die vier Jahre nicht überleben. Wie bewerten Sie solche Stimmen? Ich habe diese Aussage mit etwas Verwunderung wahrgenommen. Nun hat jeder Politiker seine eigenen Erfahrungen. Hier im Wahlkreis arbeite ich mit meiner SPD-Kollegin Natalie Pawlik aus Bad Nauheim gut zusammen und auch mit Sozialdemokraten in Berlin. Die Aussagen meines Kollegen teile ich nicht so, wie er sie getätigt hat, und von einer Minderheitsregierung halte ich gar nichts. Aber in einem Punkt muss ich zustimmen: Wir müssen in der Koalition schon endlich an einem Strang ziehen. Das gilt für meine Partei wie für die SPD und die CSU. Es ist nicht hilfreich, wenn große Vorhaben von Einzelnen gleich zerredet werden. Wir haben den Koalitionsvertrag nicht von ungefähr mit „Aus Verantwortung für Deutschland“ überschrieben. Nennen Sie doch bitte ein Beispiel. Das gilt etwa für die Frage, ob die Beiträge zur Krankenversicherung für Bürgergeldempfänger weiter zum Großteil auf die Beitragszahler abgewälzt werden und ob sie nicht besser vom Bund aus Steuern gezahlt werden sollten. Letzteres befürworte ich, um die Bürger und Unternehmen zu entlasten. Eigentlich müsste man meinen, dies sei ein Selbstläufer. Denn das wäre aus meiner Sicht ein echter Reformbeitrag und ein gutes Signal. Aber das ist es anscheinend nicht, es gibt noch Klärungsbedarf. Außer der Gesundheitsreform steht die Rentenreform an, den Haushalt für 2027 nicht zu vergessen. Schafft Schwarz-Rot dies alles noch vor dem Sommer im Einvernehmen – was meinen Sie? Wenn wir keines dieser Reformvorhaben bis zur Sommerpause geschafft haben sollten, hätten wir ein ordentliches Problem. Mit Blick auf die Gesundheitsreform bin ich aber guter Dinge. Wir müssen Gas geben. Sehen Sie im Bundestag eine Fraktion, die CDU und CSU inhaltlich nähersteht als die SPD? Nehmen wir die Linkspartei: Die Kollegen sehen bei den Krankenkassen kein Ausgabenproblem, sondern zu wenige Einnahmen. Die Lücke wollen sie schließen, indem sie das Geld von den Gutverdienern holen. Das ist nicht unsere Sicht der Dinge. Mit der AfD sehe ich keine Gemeinsamkeiten, höchstens bei der Benennung von Problemen. Wenn es dann aber an die Lösung besagter Probleme geht, hört man plötzlich nichts mehr. Die Grünen werden mit der Energiepolitik von Wirtschaftsministerin Reiche nicht warm, auf der anderen Seite sind sie bei der Unterstützung der Ukraine nah bei uns. Wie also lautet Ihre Antwort? Wir sollten auf den Gemeinsamkeiten mit den Sozialdemokraten aufbauen und nicht auf den Unterschieden herumreiten. Ich sehe in meiner Arbeit als Gesundheitspolitiker so manche Gemeinsamkeit mit den Kollegen der SPD. Jüngst haben Ihre Wahlkreiskollegin Natalie Pawlik und Sie einen Instagram-Beitrag veröffentlicht aus Anlass einer 750.000-Euro-Förderung des Bundes für eine Sporthalle in Rosbach. Dort scheint die Zusammenarbeit gut zu klappen. Warum schaffen das SPD und CDU/CSU im Bundestag nicht auch? Es geht auch im Großen, nur nicht in jedem Fall. Natalie und ich haben uns schon im Wahlkampf versprochen, uns nach der Wahl gemeinsam um die Wetterau zu kümmern – egal, wer das Direktmandat gewinnt. Auf Kreisebene haben CDU und SPD gerade sehr flott die Fortsetzung der Koalition im Kreistag vereinbart. Es hängt aber im Kreis wie im Bundestag immer auch davon ab, ob Personen miteinander können. Doch selbst wenn das auf der Arbeitsebene der Fall ist, kann es haken, weil jemand auf einer höheren Ebene dazwischenschießt. Das führt dann zu Frust. Nehmen wir an, Sie haben für den Bundestag einen Wunsch frei: Was wünschen Sie sich? Ich wünsche mir, dass wir als Koalition ein Bild der Geschlossenheit abgeben und bei den Reformen vorankommen. Im Zweifel kommen wir sogar besser voran, als es dann öffentlich erscheint. Ich hoffe nicht, dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir einiges geleistet haben, was uns aber kaum noch einer abnimmt angesichts der Streitereien. In Berlin arbeiten wirklich viele kluge Köpfe zusammen. Es ist die letzte Chance, es aus der Mitte heraus zu schaffen.
