Manchmal lassen sich die komplexen Vorgänge aus großen Fußballspielen am Ende auf erstaunlich naheliegende Ursachen zurückführen. Er habe schon ein paar „Möglichkeiten“ gesehen, um das Achtelfinale gegen den FC Arsenal zu überstehen, sagte Kasper Hjulmand, der Trainer von Bayer Leverkusen: „Wir sind nicht so weit weg, wie es sich anfühlt“, aber: „Am Ende ist Arsenal ein bisschen besser. Es war ein Versuch, aber nicht genug von uns.“ Das ist die Essenz der beiden Partien des Bundesligasechsten gegen den Ersten der Premier League. Dem 1:1 im Hinspiel folgte ein 2:0 der Engländer gegen die Werkself. „Wir brauchten zwar einen magischen Moment von Eze, aber in der Gesamtbetrachtung haben wir diesen Sieg verdient“, sagte Mikel Arteta, der Trainer der Londoner. Dieser magische Moment, ein satter Volleyschuss von Eberechi Eze aus der Drehung (36.), war eines der vielen kleinen Details, die sich hinter dem Wort „besser“ verbergen. Es war keine Demonstration der Macht dieser äußerst reifen und flexiblen Londoner Mannschaft, kein Überrennen und auch keine Show individueller Großtaten. Aber der durchdachte Pragmatismus, mit dem das Team dieses Achtelfinale überstanden hat, ist kaum weniger beeindruckend. Der März ist ja gerade für die englischen Mannschaften eine besonders komplizierte Saisonphase. Die Müdigkeit sitzt tief, die Energie ist knapp, weil die Klubs bis zu zehn Spiele mehr absolviert haben als die Mannschaften aus anderen Nationen. Und jene Kräfte, die frei werden, wenn im Halbfinale oder Finale sehr konkrete Ziele greifbar werden, wirken noch nicht. Umso beeindruckender war dieses klug geplante Spiel des Teams von Mikel Arteta. Zunächst spielten die Londoner mit großem Energieeinsatz, druckvoll und auch etwas einschüchternd, womit sie das Stadion mitrissen. Der brillante Leverkusener Torhüter Janis Blaswich verhinderte mehrfach weitere Gegentreffer und sammelte weitere Argumente, auch nach der Genesung von Mark Flekken im Tor zu bleiben. Nach der Führung schaltete der FC Arsenal in eine Art Kontrollmodus um, Bayer hatte öfter den Ball, aber immer noch keine Chancen. Diese Fähigkeit, ein Spiel auf diesem Niveau sowohl mit als auch ohne Ball zu kontrollieren, ist imponierend. In der Mitte kontrolliert Arsenal das Spiel Das 2:0 des faszinierenden Mittelfeldspielers Declan Rice (63.) entschied die Partie schließlich und machte einen entscheidenden Unterschied deutlich: Im Mittelfeldzentrum sprachen die Machtverhältnisse zu eindeutig für den FC Arsenal. Besonders Aleix Gracia stieß an Grenzen, machte viele Fehler, aber auch Exequiel Palacios strahlte nicht die Ruhe und die Souveränität aus, die die jungen Kollegen Ibo Maza, Christian Kofane und Ernest Poku hätten stützen können. Im Fußball werden gerne Adjektive wie „erwachsen“ und „reif“ verwendet, um zu erklären, warum eine Mannschaft in den entscheidenden Momenten das Richtige tut und die andere nicht. Die Londoner Rice und Martin Zubimendi sind im Moment mit die besten der Welt im Steuern der verschiedenen Zustände, die eine Weltklassemannschaft in so einem Spiel durchlaufen muss. Das Besondere am FC Arsenal besteht somit auch darin, dass das Team seine wichtigste Stärke nicht aus der individuellen Stärke bestimmter Offensivspieler wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Erling Haaland, Michael Olise oder Vinicius Junior zieht, sondern aus einer strategischen Intelligenz des Kollektivs, das über Jahre gewachsen ist. Damit konnten sich die Leverkusener zumindest ein bisschen trösten, denn die Werkself steht nach dem Umbruch aus dem vorigen Sommer erst am Anfang solch eines Prozesses. „Wir haben noch viel Potenzial für eine Entwicklung“, sagte Blaswich, und Hjulmand erklärte: „Wir haben zwölf Spiele in der Champions League gespielt und nur drei verloren. Wir haben viele Erfahrungen mit jungen Spielern gesammelt, Kofane, Maza und Montrell Culbreth haben sehr viele Schritte nach vorne gemacht.“ Toll hat sich auch Jarrell Quansah entwickelt, dem es neben Blaswich am leichtesten fiel, auf diesem Niveau gut mitzuhalten. Den Sprung ins Viertelfinale, wo Bayer Leverkusen in seiner Klubgeschichte überhaupt erst zweimal stand, hat gerade in diesem Jahr des Neustarts ohnehin niemand ernsthaft erwartet. „Man kann uns nicht viel vorwerfen“, sagte Kapitän Robert Andrich. Und doch bleibt auch Wehmut. Ob schon bald weitere Champions-League-Spiele folgen, ist nämlich höchst ungewiss. Bayer 04 ist nur Sechster in der Bundesliga, Hoffenheim und Stuttgart auf Rang drei und vier haben bereits fünf Punkte Vorsprung. Daher stand bereits in der Nacht von London die Frage im Raum, ob die Entwicklung dieser jungen Mannschaft gebremst würde, wenn sie nach diesen zwölf Champions-League-Erlebnissen demnächst nur in der Europa League dabei wäre. Hjulmand gab eine schlaue Antwort: Auch Xabi Alonso habe ja in der einzigartigen Doublesaison nur in diesem kleineren Europapokal gespielt, was im Gesamtergebnis keinesfalls ein Nachteil gewesen sei. Aber selbstverständlich verfolge er das große Ziel, die abermalige Qualifikation für die Königsklasse zu schaffen. Zumal auch der Trainer Nachholbedarf hat. Hjulmand war nach einer Gruppenphase mit Nordsjaelland vor mehr als zehn Jahren erst zum zweiten Mal in der Champions League dabei und kann selber noch reifen in diesen besonderen Gefilden des Spitzenfußballs.
