Auf den ersten Blick ist am Dienstagabend nicht allzu viel passiert. Der FC Arsenal hat Atlético Madrid 1:0 besiegt, und weil das Hinspiel vor einer Woche 1:1 unentschieden ausgegangen war, genügte der knappe Vorsprung den Londonern, um ins Finale der Champions League vorzudringen. In Wirklichkeit aber reicht die Bedeutung dieses Erfolgs weit über das Ergebnis hinaus. Er kippt das Narrativ dieser Saison wieder zugunsten der „Gunners“, bei denen ganz England seit Wochen darauf wartet, dass sie es im Kampf um die Meisterschaft wieder einmal vermasseln. Er gibt einer aus Angst vor dem Scheitern zuletzt völlig verkrampften Mannschaft den Glauben an sich selbst zurück. Er versammelt die Fans so lautstark wie selten hinter dem Team. Denn wenn alles so kommt, wie es sich das Team und seine Anhänger nun erträumen, war dieser 1:0-Sieg im Halbfinale der Champions League zugleich auch das entscheidende Spiel im Kampf um die englische Meisterschaft. Dabei bekamen die Zuschauer nicht gerade einen fußballerischen Leckerbissen zu sehen. Das entscheidende Tor schoss Bukayo Saka kurz vor der Pause, und die wahre Leistung bestand darin, diesen zarten Vorsprung gegen ein traditionell ungemütliches Atlético zu verteidigen. Gefragt war Resilienz, und die demonstrierte das Team eindrucksvoll – allen voran verkörpert durch den zentralen Mittelfeldspieler Declan Rice und dessen erst 19 Jahre alten Partner Myles Lewis-Skelly. Vor der gut organisierten Viererkette war es ihre Aufgabe, die Ordnung zu halten und größtmögliche Dominanz aufzubauen. Es war Risikomanagement ganz nach dem Geschmack von Trainer Mikel Arteta: Auf ihrem Weg ins Finale haben sie kein Spiel verloren; in 14 Begegnungen haben sie gerade einmal sechs Gegentore zugelassen. Die Nerven lagen blank Dadurch steht Arsenal zum ersten Mal seit der Saison 2005/06 wieder im Endspiel des europäischen Spitzenwettbewerbs. Damals unterlagen die Londoner dem FC Barcelona, dieses Mal treffen sie in Budapest entweder auf Paris Saint-Germain oder den FC Bayern München. Weitgehend unabhängig vom Ausgang ist es schon jetzt eine Bestätigung für den langfristig angelegten Neuaufbau unter Arteta, der den Klub im Dezember 2019 inmitten einer Krise übernommen und wieder in die Spur gebracht hat. Doch die ganz großen Titel gewann der Spanier mit dem Team bislang noch nicht. In den drei zurückliegenden Saisons wurde Arsenal jeweils Zweiter, und auch derzeit ist das Duell mit Manchester City kurz vor Saisonende noch offen. Wird Arsenal nicht Meister, obwohl der Vorsprung zwischenzeitlich schon groß war, wird sich Arteta gegen den Vorwurf verteidigen müssen, dass ihm als Trainer auf dem höchsten Niveau die entscheidenden paar Prozent fehlen, um das nach seinen Wünschen teuer zusammengestellte Team zum Titel zu coachen. Die Kritik kocht immer dann hoch, wenn Arsenal scheitert. Und bei allem Erfolg gehören auch die Niederlagen zu dieser Story. Im März verloren sie das Liga-Pokalfinale – ausgerechnet gegen Manchester City –, im April schieden sie im Viertelfinale aus dem FA Cup aus. In der Liga verloren sie nacheinander gegen den AFC Bournemouth und ein weiteres Mal gegen City, wodurch ihr Vorsprung an der Tabellenspitze innerhalb weniger Tage von neun auf drei Punkte schrumpfte. Jedes Momentum schien verpufft, die Nerven vieler Fans lagen blank, im Stadion waren sogar Pfiffe zu hören – und der Boulevard verspottete Artetas manchmal verkopfte Trainingsmethoden. Wendepunkt in Manchester Seltsamerweise aber stellte sich die Niederlage in Manchester als Wendepunkt heraus: Arsenal hatte sich dort erfrischend kämpferisch präsentiert, seitdem hat die Mannschaft zuerst Newcastle United (1:0) und dann den FC Fulham (3:0) geschlagen, während City beim FC Everton am Montag nur unentschieden spielte. Aus dem Erfolg gegen Atlético, so hoffen sie das bei Arsenal, können sie nun die entscheidende Kraft schöpfen, um sich in den verbleibenden drei Saisonspielen aus eigener Kraft die erste Meisterschaft seit 22 Jahren zu sichern. Stützen können sie sich dabei auf die wiederentdeckten Stärken im eigenen Spiel. Ben White saß in dieser Saison häufig nur auf der Bank, gegen Atlético eroberte der rechte Verteidiger einen Ball nach dem anderen und setzte offensive Akzente. Der wegen seiner spielerischen Defizite oft kritisierte Mittelstürmer Viktor Gyökeres traf zwar nicht, vergab sogar eine Riesenchance, lief aber unermüdlich und riss Lücken in Atléticos Defensive. Diese nutzte mehrmals der quirlige Linksaußen Leandro Trossard, um Gefahr zu erzeugen – wie bei seinem abgewehrten Torschuss in der 44. Spielminute, den Saka aus kurzer Distanz über die Linie drückte. „Wir haben irgendwie die Kurve gekriegt“, sagte Rice am Dienstagabend bei Amazon Prime: „Unser Spiel war etwas schlampig. Aber wir haben einen neuen Weg gefunden, zu spielen.“ Was aber sagt es aus, wenn eine Mannschaft, die gleichzeitig um die zwei wohl am schwersten zu gewinnenden Titel im Klubfußball konkurriert, in der entscheidenden Phase erst mal die Kurve kriegen muss? Zumal vor dem Hintergrund, dass Arteta seit seinem Amtsantritt eine klare spielerische Identität predigt – maximale Kontrolle durch Ballbesitz, Pressing und Disziplin –, die in dieser Saison aber nicht immer zu erkennen war. „Im Spitzensport, besonders im Fußball, muss man ständig voll da sein – und man weiß nie, was der nächste Moment bringen wird“, sagte Arteta: „Wir versuchen konstant, uns zu verbessern und an uns zu arbeiten, und ich bin auch mir selbst gegenüber sehr kritisch.“ Ein potentieller Meister und Champions-League-Sieger, der in der heißen Saisonphase erst mal nach den eigenen Stärken sucht? Nur wenn Arteta Ende Mai mit mindestens einem Titel dasteht, wird er diesen Widerspruch wohl auflösen können.
