FAZ 14.05.2026
17:17 Uhr

Deep Tech: 55 Millionen Dollar für Ulmer Quanten-Start-up


NVision ist eines von rund 50 deutschen Start-ups, die sich der Quantentechnik verschrieben haben. Die Ulmer setzen auf die Medizin der Zukunft – und haben eine unerwartete Entdeckung gemacht.

Deep Tech: 55 Millionen Dollar für Ulmer Quanten-Start-up

Das Ulmer Quanten-Start-up NVision hat in einer neuen Finanzierungsrunde 55 Millionen Dollar eingeworben. Wie der Vorstand mitteilt, soll das Geld vor allem in die Weiterentwicklung der technischen Plattform des Unternehmens fließen. Diese Plattform soll in den kommenden Monaten von Sensorik auf Computing erweitert werden. Mit dieser Erweiterung legt NVision die Grundlage für quantengetriebene Ansätze in der Entwicklung neuer Arzneimittel, Therapien und Behandlungsmethoden. NVision ist ein zehn Jahre altes Unternehmen im Bereich Quantentechnologie. Seit seiner Gründung hat es den Schwerpunkt auf biomedizinische Anwendungen gelegt. Die ersten Produkte und Dienste wurden bereits auf den Markt gebracht. Die Ulmer sind eines von rund 50 Start-ups in Deutschland, die sich der Quantentechnik verschrieben haben. Darüber hinaus sind rund hundert staatliche Einrichtungen der Spitzenforschung auf dem Gebiet der Quantentechnologie tätig. Neue Wege für die Krebsbehandlung „Ich sehe eine Zukunft, in der Quantencomputer einen explosionsartigen Anstieg neuer Wirkstoffhypothesen für Krankheiten erzeugen, die heute nur sehr schwer zu behandeln sind“, erklärte Sella Brosh, Mitgründer und Vorstandschef von NVision, in einer Mitteilung. „NVision verändert grundlegend, wie wir Krebs entdecken, diagnostizieren und behandeln, indem es die Biologie von Krankheiten auf eine Weise sichtbar macht, die bisher nicht möglich war“, schreibt Peter Barrett vom Geldgeber Playground Global. Die Forscher von NVision haben bereits eine Plattform für die Magnetresonanztomographie (MRT) entwickelt. Dieses Polaris-System nutzt Quantentechnologien, um MRT-Signale zuckerbasierter Kontrastmittel zu verstärken und zu vergrößern. Damit können komplizierte Stoffwechselprozesse genau erfasst und sofort gemessen werden. So lassen sich genaue Diagnosen erstellen, und binnen Stunden lässt sich etwa die Wirksamkeit einer Therapie einschätzen. Bislang dauerte das Wochen oder Monate. Polaris braucht den Angaben zufolge keine spezielle Quantenexpertise. Das System lässt sich relativ leicht mit herkömmlichen Geräten verbinden. Es schlägt also eine Brücke zwischen neuer und alter Technologie. Einige namhafte Forschungszentren und Kliniken arbeiten bereits mit Polaris. Bis Ende dieses Jahres soll es an insgesamt 20 Standorten in Amerika, Asien und Europa eingesetzt sein. Dazu zählen die Universität in Cambridge, das New Yorker Memorial Sloan Kettering Cancer Center und die Technische Universität München. Eine vielversprechende Entdeckung Während der Entwicklung der Technologie zur MRT-Signalverstärkung hatten die NVision-Forscher eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Sie waren bei einzelnen photonemittierenden organischen Molekülen auf Eigenschaften gestoßen, die eine neue Klasse organischer Qubits hervorbringen könnten. Das könnte dem gesamten Quantencomputing neue Türen öffnen. Qubits sind die kleinste Informations- und Recheneinheit in einem Quantencomputer. Anders als klassische Bits in herkömmlichen Computern können Qubits nicht nur einen von zwei möglichen Zuständen annehmen, sondern schier endlos viele Zustände zur selben Zeit. Diese Eigenschaft lässt sich gezielt in neuartigen Computern nutzen. So können Quantenrechner deutlich leistungsfähiger sein als klassische Computer. Daher arbeiten große Technologiekonzerne und Forschungszentren an der gezielten Entwicklung von Qubits, samt ihrer merkwürdig anmutenden Eigenschaften. Die Ulmer um NVision-Gründer Sella Brosh könnten hier auf einen neuen Entwicklungspfad gestoßen sein. Ihre Qubits lassen sich bereits in dünnen Schichten auf photonischen Chips integrieren. So bilden sie die Basis einer eigenen Quantencomputing-Plattform namens PIQC. Wie bei Polaris und der MRT-Technik lassen sich auch hier die neuen Ansätze mit bisherigen Technologien verbinden. Die nun abgeschlossene Finanzierungsrunde der Serie B in Höhe von 55 Millionen Dollar wurde vom US-Spezialisten für Diagnostik und Medizintechnik Abbott angeführt. Sie umfasst darüber hinaus ein Venture-Darlehen der Europäischen Investitionsbank EIB. Weitere Gelder kommen von Playground Global, Matterwave/b2venture und Entrée Capital. Mit dem frischen Kapital steigen die von NVision bislang eingeworbenen Mittel auf 120 Millionen Dollar.