In ihrer Laudatio zur Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises an Uwe Timm erinnerte die Schriftstellerin Shida Bazyar daran, dass „Morenga“, der 1978 publizierte Roman des Preisträgers, mit „aufwendiger Recherchearbeit“ und „gewitzter Montagetechnik“ eine seinerzeit markante Leerstelle der deutschen Geschichtsschreibung beleuchtet habe: den Kolonialkrieg sowie den Völkermord an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwar lagen, als „Morenga“ erschien, bereits substanzielle Studien von dem ostdeutschen Historiker Horst Drechsler und dem westdeutschen Historiker Helmut Bley aus den Sechzigerjahren zu dieser „Leerstelle“ vor, doch geriet das Thema bald wieder weitgehend in Vergessenheit. Daran vermochten letztlich weder Timms Roman noch der darauf basierende, einige Jahre später ausgestrahlte Fernsehdreiteiler etwas zu ändern. Anfang dieses Jahrtausends entfaltete sich das Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte jedoch neu, mit einem deutlichen Fokus auf Südwestafrika. Seither sind zahlreiche einschlägige wissenschaftliche Studien veröffentlicht worden, Ausstellungen und Dokumentationen thematisieren verschiedene Facetten der deutschen Kolonialherrschaft. Auch im Geschichtsunterricht findet das Thema langsam Eingang. Sukzessive werden Gebeine und Schädel von Opfern des Genozids und weiterer Kolonialverbrechen, die zu „Forschungszwecken“ nach Deutschland gebracht worden waren und dort lange unbeachtet in den Magazinen von Museen und Universitäten lagerten, an Namibia und andere ehemalige Kolonien zurückgegeben. Keine koloniale Amnesie Die langjährigen Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung – unter Ausschluss der Opfergruppen – endeten zwar mit einem „Versöhnungsabkommen“, trugen allerdings kaum zur Versöhnung bei, zumal Berlin sich weiterhin weigert, Reparationsansprüche der ehemaligen Kolonie anzuerkennen. Überhaupt scheint die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit für koloniale Themen schon wieder zu schwinden. Der amtierende Kulturstaatsminister Wolfram Weimer signalisierte jedenfalls mehrfach, dass ihn koloniale Themen eigentlich nicht interessieren. Und die AfD, populärer denn je, ergeht sich gar in einem aggressiven Kolonialrevisionismus und diffamiert die kritische Aufarbeitung kolonialer Herrschaft als „Schuldkult“. Gleichwohl will sich Matthias Häussler nicht in den Chor jener Stimmen einreihen, die in Deutschland eine „koloniale Amnesie“ am Werke sehen. Die koloniale Vergangenheit sei nicht im eigentlichen Sinne vergessen, dafür habe das gesellschaftliche Teilsystem der Wissenschaft längst gesorgt. Die könne es allerdings nicht allein richten, eine „veritable“ koloniale Erinnerungskultur zu etablieren und zu kultivieren. Die Namibia-Forschung müsse sich jedoch „den Vorwurf gefallen lassen, dass neuere, den aktuellen Forschungsstand reflektierende und gleichzeitig ein breiteres Publikum adressierende Darstellungen der namibisch-deutschen Kolonialgeschichte sehr dünn gesät sind“. Diese Lücke will der Bochumer Historiker mit „Die Last der Sonne“ nun schließen. Ob er in seinem Buch „erstmals die ganze Geschichte“ der Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika erzählt, wie der Schutzumschlag vollmundig verheißt, sei einmal dahingestellt. Häussler kommt aber ohne Zweifel das Verdienst zu, in zugänglicher Weise nachzuzeichnen, wie die kriegerischen Konflikte zwischen einheimischen Gesellschaften und „weißen Herren“ eskalierten und in einen Völkermord mündeten. Seine große Stärke liegt vor allem in der sehr differenzierten Analyse der deutschen Akteure, während sein Blick auf die afrikanischen Gesellschaften insgesamt weniger eindringlich ausfällt. Kompromisse mit einheimischen Herrschern Der Autor ist bereits durch einige grundlegende Studien zur Thematik hervorgetreten. In seiner aus der Luzerner geschichtswissenschaftlichen Dissertation hervorgegangenen Monographie über den „Genozid an den Herero“ (2018) betonte er etwa die Bedeutung von Emotionen und sah Zufälle, Misserfolge und verletzte Ehrgefühle aufseiten der Deutschen als entscheidende Faktoren für die Entfesselung von exzessiver Gewalt; Aspekte, die er hier wieder aufgreift. Zugleich kritisiert Häussler, dass angesichts des markanten strategischen Gefälles zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten und des unbeschreiblichen Leids, das die Kolonialherren über die Herero und Nama brachten, in Teilen der Literatur einer allzu „schroffen Täter-Opfer-Asymmetrie“ das Wort geredet werde. Denn trotz „der ungleichen Mittel, über welche die Konfliktparteien jeweils verfügten, und trotz der schweren Entbehrungen und Verluste, die das Weiterkämpfen gerade den autochthonen Gruppen abverlangte, blieb das Kriegsgeschehen über weite Strecken ausgeglichen“. Es sei gerade dieser anhaltende Anspruch der Herero und Nama auf „Subjekthaftigkeit“ gewesen, den die Deutschen ihnen partout austreiben wollten. Die stetige Entgrenzung von Kriegführung und Politik interpretiert Häussler entsprechend als Folge des Unvermögens der Kolonialherren, die Einheimischen mit gleichsam konventionellen Mitteln zu beugen. Diese Deutung bildet so etwas wie den roten Faden der Darstellung und ist gepaart mit dem dezidierten Anliegen, die einheimischen Gesellschaften nicht als hilflose Opfer einer erdrückenden Kriegsmaschinerie, sondern als „handlungsmächtige, afrikanische Subjekte“ zu präsentieren. Wiederholt bezieht der Autor soziologische Theorien zu Krieg und Gewalt mit ein. Leider bindet er seinen Ansatz jedoch nicht an die umfassende internationale Kolonialismusforschung zurück, die sich mit der Frage nach den Spielräumen der Kolonisierten intensiv und kontrovers auseinandergesetzt hat. Wie überhaupt vergleichende Perspektiven, und sei es nur zu den anderen deutschen Kolonien, im Buch leider so gut wie gar nicht vorkommen. Das erste Kapitel zum vorkolonialen Namibia zeichnet ein differenziertes Bild von Migrationsbewegungen, fragilen politischen Allianzen und Handelsnetzwerken, die die Region in der Zeit vor der Ankunft der Kolonialherren prägten. Wie viele andere Historiker vor ihm zeigt Häussler, dass die Deutschen, nachdem sie 1884 Deutsch-Südwestafrika zum „Schutzgebiet“ erklärt hatten, zunächst keineswegs mit unwiderstehlicher Überlegenheit das Land einnahmen, sondern zahlreiche Kompromisse mit einheimischen Herrschern eingehen mussten. Dies hinderte sie freilich nicht daran, sich von Beginn an als Zivilisationsbringer zu gerieren, die für die lokale Bevölkerung in der Regel nur rassistische Verachtung übrighatten. Häussler schildert sodann die fortschreitende Kolonisierung des Landes, die sich vor allem mit Theodor Leutwein verband. Der badische Pfarrerssohn und Karrieremilitär übernahm 1895 das Kommando der „Schutztruppe“, drei Jahre später wurde er zum Gouverneur ernannt. Das „System Leutwein“ stand für eine Politik, die darauf abzielte, lokalen Herrschern ein wenig Souveränität zuzugestehen, sie zugleich gegeneinander auszuspielen und Widerständigkeit mit Gewalt zu bestrafen. Leutwein führte zudem eine Reihe von Verordnungen ein, welche die rassische Privilegienherrschaft vorbereiteten. Ausführlich geht der Autor auf die eskalierende Rolle der Siedler ein, die, je größer die Gruppe wurde, immer mehr die „Herrenmenschen“ hervorkehrten und eine „Privatisierung von Gewalt“ etablierten, „die jedes Gedankens an ein staatliches Gewaltmonopol spottete“. Mit der Selbständigkeit der Indigenen „aufräumen“ Der Ausbruch der Krieges 1904 und die folgenden Entwicklungen werden von Häussler sehr detailreich und eindringlich dargelegt. Ein zentraler Akteur in den Ausführungen ist, wenig überraschend, General Lothar von Trotha, Verfechter eines unerbittlichen „Rassenkriegs“ und berüchtigter Autor des „Vernichtungsbefehls“ an die Herero, der bald nach Kriegsbeginn Leutwein abgelöst hatte. Trothas Feldzug gegen die Herero zeichnete sich, schreibt der Autor, insgesamt durch große militärische Inkompetenz aus. Die Tatsache, dass sich die Herero der von ihm geplanten „Entscheidungsschlacht“ durch Flucht entzogen, sich gleichsam weigerten, „sich an Trothas ‚Choreographie‘ zu halten und ‚mitzuspielen‘“, habe massiv am Selbstbewusstsein des Generals gekratzt. In der Folge opferte er „der Illusion, die Scharte des Versagens doch noch auswetzen zu können, ungezählte Menschenleben“. Das Kriegsgeschehen, in das nach mehr als einem Jahr auch die Nama eintraten, nahm viele Wendungen, doch eine Maxime der Deutschen blieb, wie die Studie zeigt, auch weit über die eigentlichen Kampfhandlungen hinaus leitend: „ein für alle Mal mit der Selbständigkeit der indigenen Gruppen ‚aufzuräumen‘“. Häussler argumentiert, dass die Geschichte genozidaler Verheerungen daher nicht mit Krieg und Konzentrationslagern endet. Die Verwaltung tat danach alles, die im Krieg konzipierte „Eingeborenenpolitik“ zu vollenden, die darauf zielte, die zahlenmäßig bereits massiv dezimierten einheimischen Gesellschaften durch Maßnahmen wie Internierung oder „Verpflanzung“ so zu zerstören, dass sie sich nie wieder „an ‚weißem Leben‘ oder Eigentum vergreifen würden“. Diese Politik wirkte in Namibia weit über die deutsche Kolonialherrschaft hinaus. Die kontrovers diskutierte Frage, ob der Genozid in Südwestafrika auch spätere Vernichtungskriege in Osteuropa oder gar den Holocaust prägte, greift der Autor jedoch nicht auf. Matthias Häussler: „Die Last der Sonne“. Die Kriege der OvaHerero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft. C.H. Beck Verlag, München 2026. 316 S., Abb., geb., 32,– €.
