FAZ 02.10.2026
19:49 Uhr

Dirigent Thomas Guggeis: „Ich glaube ganz fest an die Kraft der Oper“


Er ist gerade 33 Jahre alt geworden, nutzt keine sozialen Medien und managt ein Spitzenorchester mit höchster Sorgfalt und glühender Begeisterung: Wie der neue „Dirigent des Jahres“ Thomas Guggeis tickt.

Dirigent Thomas Guggeis: „Ich glaube ganz fest an die Kraft der Oper“

Jetzt ist Thomas Guggeis, im August 33 Jahre alt geworden, „Dirigent des Jahres“. Für die Frankfurter ist er das sowieso, seit er zur Saison 2023/24 an die Oper kam. Das Publikum liebt den Dirigenten, der das Kunststück schafft, geradezu jungenhaft nonchalant und fast beunruhigend perfekt zugleich zu wirken. Der die große Freude und den großen Ernst zugleich vermitteln kann, der in der Auseinandersetzung mit der Musik liegt. Wer wissen will, wie Guggeis das macht, kann sich seine Youtube-Videoserie „Deep Dive“ ansehen: In denen setzt sich Guggeis an den Flügel, schlägt ein paar Akkorde an, spielt ein Motiv. Er erklärt so, dass jeder, der will, verstehen kann, worum es geht in der Musik von „Turandot“ oder „Tristan und Isolde“. Vor jeder Premiere an der Oper Frankfurt, die er selbst dirigiert, macht Guggeis das.  Diese Saison wird er etliches zu erklären haben. Am 18. und 19. Oktober ist Guggeis mit dem Opern- und Museumsorchester zu erleben, gleich mit dem ganz großen Besteck: Gustav Mahlers „Auferstehungssinfonie“. Am 15. und 16. November folgt ein Konzert, das von Hildegard von Bingen über Bach und Schubert zu Bruckners vierter Sinfonie führt. Teil seiner Vision für das Programm: „Große Meisterwerke durch neue Konstellationen so zu beleuchten, dass man sie mit ganz anderen Augen sieht oder mit anderen Ohren hört. Das machen wir in der Programmgestaltung bei den Museumskonzerten: Wir versuchen große Klassiker zu bringen, die die Menschen hören wollen, und zwar in allen Alterskategorien.“ Große Klassiker für ein neues Publikum Gerade ist er noch in Florenz, dirigiert den „Wozzeck“, um dann mit beiden Beinen in die hiesige Opernsaison zu springen, mit dem selten gespielten Riesenwerk „Le Roi Arthus“ von Ernest Chausson Anfang November. Dann kommt kaum einen Monat später Verdis „Un ballo in maschera“ zur Premiere, flankiert von einigen Dirigaten der hoch beliebten Humperdinck-Weihnachtsoper „Hänsel und Gretel“. Wenn Guggeis in der Alten Oper dirigiert, sieht er bisweilen aus wie ein Langstreckenläufer, der mit erhobenen Armen über die Ziellinie fliegt. Hoch konzentriert und enthusiastisch. Im Graben der Oper sieht man in der Regel weder die Mimik, noch welche Höchstleistungen der schmale, agile Guggeis am Pult vollbringt. Für die viele Armarbeit macht er Ausgleichsübungen, Yoga, Laufen. Diejenigen, die ihn nicht als Dirigenten und Pianisten kennen, würden vermutlich nie auf die Idee kommen, was der junge Mann so beruflich macht, der da am Mainufer an ihnen vorbeijoggt, der auf seinem blitzblauen Fahrrad in der Innenstadt unterwegs ist oder sich auch mal in einem der Frankfurter Clubs umsieht. Wenn Zeit dafür ist. Denn viel Freizeit hat Guggeis nicht gerade. Guggeis sieht absolut nicht so aus, als litte er darunter. Im Gegenteil: Seine Begeisterung für das, was er tut, springt unmittelbar über. Musik hat schon immer eine wesentliche Rolle im Leben des Bayern gespielt, der 1993 in Dachau geboren wurde und in Straubing in Niederbayern aufgewachsen ist. Kirchenmusik, Chor, Klavier, eine frühe Liebe zum Jazz haben ihn geprägt. Wenn er kann, spielt er bis heute Jazzpiano, und das tut er ganz großartig. „Bis 18 habe ich richtig viel Jazz gespielt, ich würde sagen 50 zu 50 Jazz und Klassik. Das ist im Studium plötzlich sehr in den Hintergrund geraten, weil der Tag eben nur 24 Stunden hat. Es ist schön, dass das, seit ich in Frankfurt bin, wieder ein bisschen mehr hochgekommen ist. Wir sind eine kleine Kombo aus dem Orchester und spielen ab und zu“, sagt Guggeis. Das Prinzip  50 zu 50 zieht sich gewissermaßen durch sein Leben: Denn Guggeis, der zur ersten Generation des G8-Abiturs zählt, hat parallel zum Dirigierstudium in München auch Physik studiert. Doppelstudium, Berufseinstieg, alles folgte Schlag auf Schlag. „Tendenziell nehmen sich die jungen Menschen jetzt wieder mehr Zeit, um herauszufinden, was ihnen guttut, was sie interessiert. Ich finde das super wichtig, auch mal etwas auszuprobieren und zu sagen, das ist doch nicht meins. Aber mir war es früh klar. Ich wusste genau, was ich machen wollte, und ich wollte auch durchstarten und durchziehen.“ Wundert er sich heute manchmal, wie er das vor zehn Jahren alles geschafft hat? „Ja, total. Ich arbeite immer noch gerne und viel, aber was ich damals für ein Pensum gehabt habe, von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts und total glücklich dabei gewesen bin, das war wirklich besonders.“ Heute achtet er auf ausreichenden Schlaf, um fit und konzentriert am Tag zu sein. Dieses Tagesgeschäft hat sich mit seinem Antritt als Generalmusikdirektor vor gut drei Jahren extrem verändert. Davor ist Guggeis seit 2020 Kapellmeister der Staatskapelle Berlin gewesen, als Korrepetitor an der Staatsoper Unter den Linden und Assistent von Daniel Barenboim hatte er 2016 seine Laufbahn begonnen, bis er kurz nach Stuttgart wechselte.  In Frankfurt, wo er mit seiner Partnerin lebt, sei er „sehr gut angekommen“. Wenn er in der Stadt ist, schaut er sich neue Orte an, und weil er sehr gerne gut isst, entdeckt er neue Restaurants. In Frankfurt findet er „so spannende Küche, dass ich eigentlich immer glücklich wieder rausgehe“. Generalmusikdirektor zu sein, ist Management Von Anfang an habe er sich „immer sehr, sehr wohl gefühlt, sowohl in der Stadt als auch am Haus“.  Dort hat er in kürzester Zeit viel dazugelernt. „Ich hatte noch wenig Erfahrung mit der spezifischen Arbeit eines Generalmusikdirektors. Aber ich habe versucht, das durch sehr viel Arbeit wettzumachen. Ich habe am Anfang versucht, mich wirklich mehr oder weniger in alle Prozesse einmal einzudenken.“ Nur so habe er entscheiden können, was er ändern wollte – und auch „worum ich mich nicht kümmern muss“. Er habe glücklicherweise von Anfang an enge Mitarbeiter, den musikalischen Assistenten und Kapellmeister Alden Gatt und den persönlichen Referenten Raphael Rösler, mit einem „Riesenglück“ ausgewählt, „Top-Leute“, wie Guggeis sagt. Er erlebt überhaupt in der künstlerischen Arbeit einen „sehr kooperativen Geist, im Orchester, im Chor, von allen Abteilungen“. Wenn er auf seine erste Frankfurter Premiere, „Die Hochzeit des Figaro“ im Oktober 2023, zurückschaut, bemerkt er, „wie viel wir gewachsen sind in der Zwischenzeit“. Der Beginn dieser Frankfurter Reise hat mit Guggeis’ Durchbruch am Pult der Berliner Staatsoper 2018 zu tun. Weil sich der Dirigent Christoph von Dohnányi und der Regisseur Hans Neuenfels über eine Interpretation von Richard Strauss’ „Salome“ drei Tage vor der Premiere so verkrachten, dass Dohnányi hinwarf, sprang der 24 Jahre alte Guggeis ein. Zufällig anwesend war der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe, der das Ausnahmetalent fortan im Auge behielt. Guggeis wohnt in Sachsenhausen, nicht weit entfernt vom Museum Angewandte Kunst, auch ein Ort, den er gern besucht. Die Dauerausstellung der  „Elementarteile“ dort fasziniert ihn. Jahrtausendealte Objekte sind darin mit neuem Design kombiniert: „Das ist das Spannungsfeld: Wo will man Vertrauen in Tradition, in etwas, das gut funktioniert? Und wo will man neue Visionen verfolgen? Das Alte und das Neue können sich gegenseitig inspirieren. Ich sehe das auf ganz vielen Ebenen so.“ Auch bei ihm und Loebe? Das bejaht Guggeis, die Erfahrung des Intendanten, seine Verankerung in der Stadt, sein Gewicht, das sei ein „riesiges Asset“ und sichere auch politisch die Bedeutung der Oper ab. Dazu komme Loebes große Neugier, auch beim „Bauen“ der Spielpläne. „Das ist immer sehr inspirierend, obwohl wir 40 Jahre auseinander sind. Es geht darum, ob man in dieselbe Richtung blickt.“ Der Blick geht klar nach vorne: „Oper ist eine der komplexesten und anspruchsvollsten, aber auch eine der schönsten Formen der Kunst, weil auf der Bühne so unglaublich viel zusammenkommt. Ich glaube ganz fest an die Kraft der Oper. So wie wir sie machen, auf höchstem Niveau mit modernen Augen große Meisterwerke der Operngeschichte neu auf die Bühne zu bringen, das kann jedem von uns, auch gerade jungen Menschen, immer noch was ganz Neues und Unglaubliches, Starkes mitgeben. Für den Kopf und fürs Herz.“ Allerdings sieht er in seiner Generation und bei noch Jüngeren weniger Bereitschaft, sich für mehrere Stunden in einen dunklen Raum zu begeben und dort still zu sitzen. Was ist dagegen zu tun? Mehr Kommunikation, mehr kleine Formate, mehr digitales Marketing. „Eine kleine Socken-Allüre“ Das „Kern- und Herzstück“ aber seien natürlich die Aufführungen. „Das ist so unglaublich reich, so tief und so wertvoll. Ich möchte natürlich, dass so viele Menschen wie möglich das mitbekommen.“ Also setzt er sich vielfältig ein, um neues Publikum zu gewinnen. Deswegen sorge er dafür, „dass ich bestmöglich vorbereitet bin, die Proben so gut wie möglich mache und dann inspirierte Vorstellungen abliefere.“ Er versuche, sowohl in der Kommunikation als auch „in dem künstlerischen Produkt, das wir anbieten, ein Top-Niveau zu haben“. Das klingt tough, wirkt aber nicht so. Guggeis ist ein Typ, der Mode liebt, der gerne farbenfrohe Anzüge trägt, weil ihn das „mit guter Energie auflädt“ und der erklärtermaßen „diese kleine Socken-Allüre“ hat. „Ich versuche, keine schwarzen Socken mehr zu tragen, außer zu Beerdigungen. Einfach, weil ich das schön finde.“ Die Liebe zum Detail geht weit: „Besonders freue ich mich, wenn ich Socken finde, die zum Thema der Oper passen. Das ist nicht immer so, aber bei einzelnen Stücken.“ Alles im Dienst der Kunst. Interesse auch Jüngerer an dieser Kunst spürt er schon. Aber: „Das Commitment ist super schwierig geworden.“ Die Konzertkarten seien sehr erschwinglich, daran könne es nicht liegen, so Guggeis. „Ich glaube, es ist einfach ein generell bestehender Wunsch nach maximaler Freiheit, maximaler Individualität, aber ohne die Verantwortung, die damit einhergeht. Das hat meine Generation oft. Ich muss mich festlegen, den Abend dort zu verbringen.“ Dennoch glaubt er, dass wieder mehr Leute an diesen besonderen Momenten, auch dem physischen Erleben von Musik teilhaben wollen. „Ein Konzert ist nicht digital, es beruht auf Empathie und darauf, dass Kunst keinen Nutzen haben muss, dass sie schön ist. Ich glaube schon, dass diese Sehnsucht nach so etwas Urmenschlichem ganz stark vorhanden ist, auch in einer jungen Generation, in der es so viel digitale Weltentfremdung gibt.“ Er selbst lebt analog: „Ich habe privat keine digitalen Medien, keinen Social Media Account. Ich habe schon vor Corona damit aufgehört. Und außer Facebook hatte ich das meiste sowieso nie. Ich habe nie verstanden, dass mir da was fehlen könnte“, sagt Guggeis. Digitale Noten hingegen schätzt Guggeis sehr. Aber für Aufführungen und in der Vorbereitung arbeitet er mit Papier und Bleistift. Das sei eine Frage der „intimen Auseinandersetzung mit dem Werk“.  Ein Versuch, „hinter das Geheimnis dieser schwarzen Pünktchen zu kommen. Das ist ja auch nur eine Art von Code.“ An ein Ende kommt man damit nie. „Es ist das Wesen der Kunst, dass es keine wirkliche, keine eindeutige Übersetzung gibt, es gibt keine Lösung der Gleichung. Nur eine Annäherung, und die ist lebenslang und verändert sich.“