FAZ 03.06.2026
12:00 Uhr

Dresden Frankfurt Dance Company: Thomas Bradley macht Schluss


Thomas Bradley ist drei Saisons lang ein prägender Kopf der Dresden Frankfurt Dance Company gewesen. Jetzt geht er und viele Kollegen mit ihm. Zuvor aber zeigt er seine erste Choreographie.

Dresden Frankfurt Dance Company: Thomas Bradley macht Schluss

Er wird gehen. Thomas Bradley, der sich seit der ersten Premiere der neuen Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC) als ein tragender Tänzer bewiesen hat, verlässt das Ensemble. Als Ioannis Mandafounis 2023 die Leitung übernommen hat und mit „À la Carte“ eröffnete, war der Australier mit dem geflochtenen Zöpfchen rötlicher Haare und dem schmalen Schnurrbart der Zeremonienmeister, der Moderator mit angemessenem Hauch Rampensau. Auch die Kostüme der Tänzer hatte er geschneidert. Vor einigen Monaten hat er kein Angebot für einen weiteren Anstellungsvertrag bekommen. So umschreibt er bürokratisch korrekt den Rauswurf. Er war nicht der Einzige. Damit hatten er und sie nicht gerechnet. Andere wieder sagten von sich aus, neue Wege gehen zu wollen. Für die fünf Kollegen in seinem Stück seien es nun die letzten Auftritte. Jetzt steht die DFDC vor der Premiere ihres letzten Tanzabends dieser Spielzeit. Der Hauptteil des Abends „Here is there“ im Schauspiel ist ein neues Werk von Mandafounis mit dem heiteren Titel „This Beautiful Messy Thing“. Das zweite Stück stammt von Thomas Bradley: „Several Rhythms Sort Thoughtfully“. Rhythmen und Gedanken, zum Abschied. Am 4. Juni ist Uraufführung. Beim Probenbesuch kommen auch aus dem Takt geratene Zustände innerhalb der Truppe zur Sprache. Für 9. Juni ist die Vorstellung der nächsten Saison geplant – dann soll es zu Neuerungen Offizielles geben. Der Ballettsaal im siebten Stock des Opernhauses, einst bespielt von William Forsythe und dem international bekannten Ballett Frankfurt, ist immer noch einer der schönsten Orte in der Stadt. Hell. Die Sonne spiegelt sich in Oberlichtern. Viel Himmel im Blick. Die Ballettstange ist noch am Platz, ein Flügel. Abgenutzter Tanzboden, eine graue Gardine vor dem raumlangen Spiegel. Die fünf Tänzerinnen und Tänzer hier tragen feine Lederschuhe, wie zum Ausgehen, darüber Trainingsklamotten und schwarzes Gekräusel vor der Brust, das Thomas Bradley aus alten Herrenanzügen geschneidert hat. Das gibt ihnen eine Art Vogelform, aber niemand krächzt. Niemand fliegt. Sie gehen einfach. Geradeaus, hin zu jemandem, weg von ihm oder weg von einem leeren Platz, gehen vorwärts, rückwärts, wenden oder wenden nur den Kopf. Für die fünf Kollegen ist es der letzte Tanz in Frankfurt Was von außen wie Fragmente von Geschichten aussieht, ein Gedicht aus losen Zeilen über das Stadtleben, das ist ein Spiel. Bradley hat die Regeln erfunden und nennt es „soziale Choreographie“, eine Arbeit mit „Systemen“. Im Laufe des Stückes treten noch andere hinzu, es geht dann wörtlich drunter und drüber. Aber es wird nie dramatisch. Außer, man interpretiert das hinein. „Die Arbeit leisten die Zuschauer“, ist einer seiner Ansätze. Die Tänzer sollen nichts vorzeigen, ihren Bewegungen nicht Bedeutungen verleihen. „Einfach tun. Etwas hintun, etwas wegtun.“ Er nennt es „Aktionen“. Wie: „hingehen, weggehen, bleiben“. Simple Sachen, nur im Leben ist das nicht so einfach. Ihn interessierten Beziehungen, wiederholt Bradley. Sie entstehen zu lassen verfolgt er mit der von ihm entwickelten Improvisationsmethode aus Spiel- und Gedankenregeln. Beim Ausführen entstehen Rhythmen, „eine Musikalität“, sagt der Choreograph und Tänzer, der fast Musiker geworden wäre. Bradley wurde 1990 in Cootamundra geboren. Ein typischer Australier? „Ich bin ziemlich entspannt. Easy going. Ich nehme Dinge nicht zu ernst.“ Aber manchmal doch, wenn nötig. „Schwarzer Humor ist mein Bettgenosse. Ich mag es, ernst zu spielen und ernsthaft zu spielen.“ Die Kultur des australischen „larrikin“, Lausbuben, habe wohl ihren Anteil daran. Er wuchs auf dem Land auf, „da gibt’s eine Menge Tod um mich herum. Tote Tiere, tote Dinge. Wir wohnen nahe einem Schlachthof.“ In dem kleinen Ort drehte sich fast alles um Sport. Mit seinem Bruder war der junge Thomas dabei. „Irgendwie aber spielte ich auch Musik, Barockmusik von sechs bis 17 Jahren. Blockflöte.“ Er sei auf dem Weg zum Musiker gewesen. Dabei traf er auf Tanz, in der Schule. Choreographierte, als er zehn war, für sechs Mädchen zu Jennifer Lopez: „Ich hatte keine Ahnung davon“ – aber er hörte nicht mehr auf. Nach zwei Jahren Unterricht an der lokalen Tanzschule unterrichtete Bradley selber die meisten Klassen. Butoh brachte ihn zu seiner Technik Dann kam der Umzug nach Melbourne, ein Jahr am Victorian College of the Arts. Erstmals tägliches Tanztraining, ein Auftritt in „Cats“: „War aufregend.“ Drei Jahre besuchte Bradley die New Zealand School of Dance. Dort begann er mit seinen Solos, lernte Improvisationstechniken des postmodernen Tanzes. Zurück in Australien, tanzte er bei der Sydney Dance Company, drei Jahre, „eine intensive Erfahrung“, mit vielen ganz unterschiedlichen Künstlern zu arbeiten. „Es war mir relativ schnell über.“ Er wollte aufhören mit dem Tanzen. Entdeckte den japanischen Butoh-Tanz, traf in Japan am Fuß eines Berges den hochbetagten Butoh-Meister Noguchi. „Das war eine Art Wiedergeburt für mich.“ Ganz anders, als er es gewohnt war, zählte hier „das expressive Potential des Körpers“ und nicht Können. Ein Grundsatz im Butoh sei: „Den Körper leer zu machen. Eine Hülle zu schaffen, die keinerlei kulturelle oder individuelle Besonderheiten oder Nuancen enthält“, die fülle man „mit der Möglichkeit der Transformation“. Sechs Jahre lang ging er jeweils mehrere Wochen nach Japan zum Üben. Das Loswerden der reflexhaften Interpretation fließt nun ein in seine Tanzpraxis. Er versuche, sie den Kollegen zu vermitteln. Mit Ansagen bei der Probe wie: „Tue einfach deinen Arm dahin. Ist eine Aktion, sonst nichts. Lass einfach dein Bein hinter dir. Du brauchst dafür keinen Grund, du musst dem keine besondere Qualität geben. Es ist schon voller Potential, so.“ Ebenfalls vom Butoh und aus der Erkenntnis „Du bist nicht so wichtig“, denn es gebe vielerlei Versionen seiner selbst, übernahm er die Idee, dass ein Körper vor, neben, über, unter sich noch sechs Versionen habe. Die beachte er und lasse sie andere spüren. So sind Lücken keine Lücken mehr. Mit dieser seltsam erweiterten Aufmerksamkeit entsteht tatsächlich, vor den Augen der Zuschauer, eine intensive, aber gelassene Verbindung der Tänzer untereinander. Statt immerzu hin zu etwas zu streben, sei es ein Weggehen von einer Stelle. Ein weiser Umgang mit Abschieden. Bradley war zur DFDC gekommen, nachdem er sieben Jahre lang mit Emanuel Gat in Frankreich gearbeitet hatte. Sein Interesse an Improvisation war gewachsen. Im Engagement bei Mandafounis sah er die Chance, Improvisation „zu studieren“. Einige der Choreographinnen und Choreographen, die gastierten, hätten ihn sehr inspiriert. Die Schwierigkeiten aber: „Nicht genug Zeit zu haben, diese unterschiedlichen Praktiken der Choreographen nebeneinander zu verdauen, sie sich anzueignen.“ Dafür brauche er länger, hatte „das Gefühl, dass manches wischiwaschi wurde“. Auch sei es nicht einfach, nonstop mit 14 anderen Tänzern auf Improvisationsart zu arbeiten, sondern für alle „komplex und hart“. Jeder habe Vorlieben und Abneigungen, die dabei vielleicht zu ungebremst zutage träten. „Konflikte und Spannungen“ kamen auf. Bradley nennt sie „unvermeidlich“. Oft hatte man angesichts der entstandenen Stücke vermuten können, dass das zeitweise Wühlen nach tiefsten, herauszuwerfenden Impulsen an die Psyche geht. Das bestätigt Bradley. Mit den Grenzen ging etwas schief. Sein Stück sei aber kein Echo darauf. Und doch lässt sich das ernsthaft spielerische Miteinander seines Quintetts wie ein Angebot lesen, das tanzende Miteinander weniger explosiv zu gestalten. Bedachter. Bleiben wird Bradley in Frankfurt. Er hat schon ein Team, Playworkgroup, ein paar Tänzer und demnächst eine Premiere in Rom. „Here is There“ hat am 4. Juni Premiere am Schauspiel Frankfurt.