Frau Fusaro, vor zwei Jahren gewann Nemo den ESC für die Schweiz. Wie haben Sie das erlebt und hat es in Ihrer Heimat etwas bewirkt? Erst einmal finde ich, der Sieg von Nemo war ultraverdient. Ich kenne Nemo ja schon länger, nicht persönlich, aber als künstlerische Person. Nemo ist ein Riesentalent und auf der Bühne eine Wucht. Für die Schweiz war der Sieg eine Art Weckruf. Es gibt eben nicht nur Sport, bei dem man mitfiebern kann, es gibt tatsächlich auch Musik, auf die man stolz sein kann. Der ESC vergangenes Jahr in der Schweiz war auch mega gelungen. Es war eine tolle Show, ich dachte nicht, dass wir das so durchziehen können. Es war super organisiert, den Millionen von Zuschauern würdig. Waren Sie vor einem Jahr in Basel dabei? Ich habe es vor allem von zuhause verfolgt, war an einem Tag aber auch dort, weil das SRF, die nationale Rundfunkanstalt, eine Live-Bühne hatte, auf die verschiedene Schweizer Künstlerinnen und Künstler eingeladen waren. Da hatte auch ich einen kleinen Auftritt und habe erste ESC-Luft schnuppern können. Der Radiosender SRF 3 hat Sie schon 2016 zum „Best Talent“ gekürt, wieso treten Sie jetzt erst für Ihre Heimat an? Das hat verschiedene Gründe. So habe ich nicht jedes Jahr Songs eingereicht. Wann haben Sie sich das erste Mal beworben? 2018. Da gab es noch einen öffentlichen Vorentscheid. Seither gibt es ein internes Auswahlverfahren mit einer Fach- und einer Publikumsjury. Insgesamt bin ich dreimal in die engere Auswahl gekommen. Dazwischen hatte ich keine Lieder zum Einreichen oder ein Lied, bei dem ich dachte, das seh’ ich jetzt nicht beim ESC. Oder ich hab’s auch einfach einmal verpasst. Doch immer, wenn ich einen Song hatte, wo ich dachte, der ist cool, hab’ ich ihn eingeschickt. Aber es ist ein ziemlich langer Auswahlprozess, da habe ich kaum Einfluss, ich kann nur gute Songs schicken. Das ist der große Unterschied zum Sport: Da gewinnt schlussendlich, ich behaupte zu 90 Prozent, einfach der oder die Beste. Wer zuerst über die Ziellinie kommt. In der Musik kannst du die krasseste Musik machen, die krasseste Performance, aber am Schluss geht es doch um Geschmack. Das heißt aber, sie haben sich immer selbst beworben? Ja. Und immer mit eigenen, von Ihnen geschriebenen Liedern? In einem Jahr wurde ich angefragt, ob ich ein anderes Lied singen würde. Ich habe dann meine eigene Version daraus gemacht, weil ich an meiner künstlerischen Vision festhalten möchte, nur dann macht es für mich Sinn, wenn ich authentisch sein kann. Am Ende hat es aber nicht gepasst. Sie wurden 1997 in Thun geboren, Ihre Mutter ist Schweizerin, Ihr Vater Italiener. Wie beeinflusst das Ihre Musik? Das Offensichtliche ist sicher, mit welchen Künstlern ich aufgewachsen bin. Meine Eltern sind beide Fans von Vasco Rossi, einer Rocklegende in Italien, außerhalb von Italien kennen ihn nur wenige. Aber er füllt seit 40 Jahren Stadien in Italien, und er macht echte Rockmusik. Seine Gitarrenmusik war Inspiration für mich und mein letztes Album „Looking For Connection“, das im Oktober 2025 rausgekommen ist. Dann natürlich auch Gianna Nannini, Rino Gaetano, Laura Pausini, all die großen italienischen Namen. Keine Schweizer Künstler? Tatsächlich wenige. Die einzige CD von einem Schweizer Künstler, die ich hatte, war von Mani Matter, dem Mundart-Liedermacher und Chansonnier aus Bern, einer Legende in der Deutschschweiz, weil er auf Schweizerdeutsch sang. Alle anderen Schweizer Musiker habe ich tatsächlich erst durch die Schule mitbekommen oder noch später, als ich selbst in der Musikszene aktiv war. Haben Sie Musik studiert? Nein, habe ich nicht. Ich hatte nur im Gymnasium als Schwerpunktfach Musik. Was macht Ihr Lied „Alice“ besonders, was macht es ESC-tauglich? Gute Frage. ESC-tauglich ist es per se nicht, weil es nicht wirklich ein ESC-Song ist. Ich habe ihn auch nicht für einen ESC geschrieben. Er ist von meinem letzten Album, und das macht ihn besonders in diesem Kontext. Als ich das erste Mal die Playlist der anderen ESC-Teilnehmer durchgehört habe, dachte ich: Was mache ich hier mit dem Song? Aber dann dachte ich, vielleicht ist das genau meine Superpower. Wir haben ihn nur noch ein bisschen selbstbewusster gemacht für die Eurovision-Bühne, es ist also eine ESC-Version. Ich erzähle in ihm eine klare Geschichte von einer Frau, die Opfer von Gewalt ist. Musikalisch ist er natürlich sehr fest von Rock, Blues, Soul beeinflusst, eine super klassische Aufstellung, Drums, Bass, Backing Vocals und so weiter. Im ESC-Kontext macht ihn das sehr einzigartig. Alle hoch gehandelten Teilnehmer in diesem Jahr, etwa aus Finnland, Dänemark und Griechenland, singen in ihrer Muttersprache. Sie singen auf Englisch. Warum nicht zum Beispiel Italienisch oder Deutsch? Würde sich das nicht authentischer anfühlen? Ich habe das nie hinterfragt. Meine allerersten Songs, so in der fünften Klasse, waren tatsächlich auf Italienisch oder Deutsch, weil ich Englisch noch nicht konnte. Ich hatte erst in der siebten Klasse Englischunterricht, hörte vorher aber schon englische Musik. Da waren meine größten Vorbilder Amy Winehouse, Adele, Jessie J, Ed Sheeran, alles englisch singende Künstler mit eigenen Songs. Da begann ich auch auf Englisch zu schreiben und zu singen. Ich mache das jetzt schon so lange, dass es mir viel einfacher fällt, als zum Beispiel auf Deutsch zu schreiben. Wie war es für Sie, das erste Mal in der Wiener Stadthalle auf die große Bühne zu gehen? Es war ein sehr berührender Moment. Ich träume, seit ich klein war, davon, mit meiner Musik ganz viele Menschen erreichen zu können und in einem solch großen Saal auftreten zu dürfen. Es ist krass, etwas, was meine Vorbilder wie Lady Gaga erleben dürfen. Ich habe wie manche Sportler kurz die Bühne mit der Hand berührt und dreimal geklopft, bevor ich den ersten Fuß auf sie gesetzt habe. Ich glaube, das muss ich jetzt bei jedem Auftritt hier so machen. Auf so einer großen Bühne waren Sie wahrscheinlich noch nie. Wie viele Leute passen in die Stadthalle? Zehntausend? Ich hab’ schon vor 13.000 Leuten gespielt. Einmal im Amphitheater von Nîmes als Vorgruppe von Mark Knopfler. Und einmal im Hallenstadion in Zürich. Da passen 12.000 Zuschauer rein. Bei den Swiss Music Awards und der Energy Star Night. Die Europäische Rundfunkunion hat über die Jahre die Proben immer mehr zu einer Geheimsache erklärt. Nur wenig dringt in den ersten Tagen des ESC an die Öffentlichkeit. Ist das für Sie als Künstlerin eher von Vorteil oder Nachteil? Ich dachte ehrlich gesagt, dass es noch viel geheimer bleiben würde. Aber mittlerweile gibt es ja Snippets und Fotos von den Proben. Ich dachte wirklich, die Leute sehen meinen Auftritt das erste Mal im Halbfinale am Donnerstagabend. Deshalb war ich erstaunt, wie viel man schon vorher teilt. Aber ich finde es cool. Ich finde es vor allem für mich sehr cool. Weil die Leute das nicht erwartet haben, mit meinem Song. Das ist wie ein Überraschungsei, mit diesen kleinen Hints, das macht mega Spaß, weil die Leute mehr und mehr Bock haben. Den Künstlern sollte so auch ein geschützter Raum geboten werden. Ist das so, dass man sich sicherer fühlt, wenn man nicht die ganze Zeit von Kameras verfolgt wird – auch hinter der Bühne? Ja, voll. Im Backstage ist es ein sehr cooles Konzept. Wir haben eine goldene Zone und davor die silberne. Das ist wie bei dem Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ich find’s mega wichtig bei so einem Event. Viele werfen dem ESC vor, dass die Künstler immer mehr in den Hintergrund gerieten und es nur noch um eine bombastische Show gehe. Ich kann nur für mich sprechen. Der Kern von allem bin ich – und natürlich der Song. In meinem Fall ist mein Bühnenname auch mein echter Name, Veronica Fusaro. Das muss ich auf die Bühne bringen, die Botschaft von meinem Lied und mein wahres Ich. Die Show kann noch so krass sein, es muss einfach real sein. Ich glaube, das ist das Wichtigste. Die Vorjahresteilnehmerin aus der Schweiz, Zoë Më, hat gerade erst darüber gesprochen, wie sehr sie doch ihr schlechtes Abschneiden getroffen habe. Die Jurys sahen sie auf Platz zwei, vom Publikum bekam sie null Punkte. Es reichte schließlich noch für Platz zehn. Sie sei deswegen dennoch Monate später in ein großes Loch gefallen, auch weil sie festgestellt habe, dass die Reaktionen in den sozialen Medien weniger geworden seien. Kann man sich als Künstler davor wappnen? Das ist natürlich schon brutal. Ich habe mich auch gefragt, wie es mir wohl danach geht, nach dem ESC, nachdem man fünf Monate lang quasi nur auf diese drei Minuten auf der Bühne hingearbeitet hat. Ich habe für mich entschieden, das wird ein Problem von morgen sein, steht also erst in der nächsten Woche an. Sie haben vorhin die Auszeichnung von 2016 erwähnt. In diesen zehn Jahren habe ich Ups und Downs erlebt. Das Gefühl, dass es konstant irgendwie weitergeht, tut natürlich gut, dass man irgendwie vorwärtskommt. Der ESC ist ein Ausrufezeichen in deiner Karriere. Wenn man nicht einen mega krassen Hit wie die ESC-Sieger von 2021, die italienische Band Måneskin, hat, geht danach für 98 Prozent der Künstler das normale Leben weiter. Ich habe schon vor fünf Leuten gespielt, und auch schon vor 13.000. Ich kenne diese Kontraste. Ich mache das Ganze auch nicht wegen des Erfolgs, ich mache es, weil ich Musik liebe. Es ist harte Arbeit. Wenn man das machen will und langfristig etwas Nachhaltiges aufbauen will, dann muss man einfach das Beste geben, den nötigen Biss haben. Und ich weiß schon jetzt, dass ich auf jeden Fall im Herbst auf große Konzerttournee durch Deutschland gehe. Und wie ist es mit den sozialen Medien? Mit Hasskommentaren? Ich wurde bisher ziemlich verschont. Ich brauche natürlich die Bestätigung, die sehr schönen Kommentare, das freut mich unendlich. Aber es hat auch mit Selbstbewusstsein zu tun. Ich glaube an meine Musik, egal, wie viele Leute meinen Song hören. Ich glaube an meine Songs, und warum sollten sie die Leute dann nicht auch toll finden, ein paar zumindest. Der Boykott einiger Länder in diesem Jahr und die Diskussionen um die Teilnahme Israels überschatten auch diesen ESC. Wie erleben Sie die Stimmung in Wien? Ich bin erstaunt, wie wenig ich darauf angesprochen werde, wenn dann in Interviews. Zwischen den Künstlerinnen und Künstlern spricht man nicht darüber, man hat ja auch nie wirklich Zeit, um sich hinzusetzen und über tiefgründige Sachen zu sprechen. Über die sozialen Medien bekomme ich aber schon das meiste mit. Ich bin aber auch im zweiten Halbfinale, ich war nicht im ersten. Im ersten Halbfinale trat der Israeli Noam Bettan an. Genau. Und den habe ich noch nie getroffen, bei keiner Veranstaltung, noch nicht einmal bei der Eröffnungszeremonie am Sonntag.
