FAZ 06.10.2026
07:25 Uhr

Energiekrise 2022: Wer vom Inflationsbonus profitiert hat


Nach dem Energiepreisschock im Jahr 2022 sollten die Unternehmen – nach Vorstellung der Bundesregierung – ihre Mitarbeiter entlasten. Doch die Manager nutzten die steuerfreie Inflationsausgleichsprämie als ein anderes Instrument.

Energiekrise 2022: Wer vom Inflationsbonus profitiert hat

Unternehmen haben die Inflationsausgleichsprämie in den Jahren 2022 bis 2024 vor allem genutzt, um Mitarbeiter im Unternehmen zu halten und zu motivieren. Das zeigt eine Erhebung des IT-Dienstleisters Datev, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Danach wurden die Prämien vor allem an hochqualifizierte und langjährige Mitarbeiter gezahlt, nicht aber an Mitarbeiter mit niedrigem Gehalt. Gerade Unternehmen in Branchen mit großem Personalmangel zahlten besonders hohe Prämien, zum Beispiel in der IT- und Softwarebranche. Dort erhielten Angestellte im Durchschnitt einen Bonus von 2750 Euro. Das war der Spitzenwert aller Branchen. Im Sommer 2022 hatte die Bundesregierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Inflationsausgleichsprämie beschlossen, um Verbraucher angesichts der hohen Energiepreise zu entlasten. Die Verbraucherpreise für Energie und Benzin waren zuvor nach dem russischen Angriffskrieg drastisch gestiegen. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, ihren Mitarbeitern eine Sonderzahlung von bis zu 3000 Euro zu zahlen, ohne dass Abgaben oder Steuern fällig wurden. Damit zielte die Regierung auf Unterstützung für besonders einkommensschwache Haushalte, um den privaten Konsum anzuregen. Die Unternehmen konnten selbst entscheiden, ob sie die Prämie in welcher Höhe an wen zahlen wollten. Gutverdiener profitierten am meisten „Insgesamt deutet sich an, dass Höhe und Häufigkeit der Auszahlungen nur bedingt daran orientiert waren, steigende Lebenshaltungskosten abzufedern“, schreiben die Datev-Ökonomen. Gutverdiener erhielten überdurchschnittlich hohe Zahlungen. Angestellte in der oberen Einkommenshälfte bekamen im Schnitt 1877 Euro, Geringverdiener mit 972 Euro nur rund die Hälfte. Insgesamt zahlten deutsche Unternehmen 52 Milliarden Euro für Inflationsprämien aus. Davon profitierte etwa die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Angestellten in Deutschland. Die mittlere Auszahlung in dieser Gruppe betrug 1754 Euro. Personalpolitik dürfte gemäß der Studie ein entscheidender Faktor für die Auszahlung gewesen sein. Etwa ein Viertel der Werkstudenten und der geringfügig Beschäftigten, aber rund die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Auszubildenden erhielt eine Ausgleichszahlung. Zudem zahlten die Unternehmen ihren unbefristeten Angestellten häufiger eine Inflationsausgleichsprämie als jenen mit Befristung. Mehr Arbeitnehmer in Vollzeit erhielten eine Prämie als Teilzeitkräfte. Inflationsprämien helfen nicht gegen dauerhafte Preisschocks Vergleichsweise häufig erhielten Tarifbeschäftigte die Ausgleichszahlung. Rund drei Viertel der Angestellten mit Tarifbindung bekamen Prämien oft am oberen Ende der zulässigen 3000 Euro. Scholz hatte die Prämie als „konzertierte Aktion“ angelegt, als Zusammenarbeit zwischen Sozialverbänden und Gewerkschaften auf der einen und Arbeitgebern auf der anderen Seite. Die Inflationsausgleichsprämien erreichten nach der Studie weniger die Arbeitnehmer mit geringem Einkommen, die sie am ehesten benötigt hätten. Das sei kaum zu vermeiden gewesen, heißt es in der Analyse. Unternehmen würden solche Prämien nach ihren personalpolitischen Anforderungen auszahlen. Es wäre innerbetrieblich kaum erklärbar gewesen, dass vor allem unausgebildete, neue Angestellte von der Sonderzahlung profitiert hätten. Die Autoren des Berichtes kritisieren die Inflationsausgleichsprämie an sich. Sie könne zwar kurzfristig Kaufkraftverluste abfedern, aber keine langfristigen Preisschocks kompensieren. Die gestiegenen Energiepreise seien mittlerweile zu einem eher dauerhaften Problem geworden. Deshalb raten die Datev-Ökonomen von einer Neuauflage ab. Entsprechende Pläne waren im Mai im Bundesrat gescheitert. Die Studie basiert auf den Lohn- und Gehaltsabrechnungen von mehr als acht Millionen Arbeitnehmern vor allem mittelständischer Unternehmen in Deutschland. Datev, ein Informationsdienstleister für die steuerberatenden Berufe, wertet diese Daten anonymisiert aus.