„Ich möchte euch die Geschichte eines jungen Menschen erzählen“, sagt Dorota Nowakowska, und in ihrer Stimme liegt ein leises Zögern. „Es ist eine traurige, aber wahre Geschichte.“ Ihre Stimme wird fester. Mit jedem Wort, so scheint es, gewinnt sie an Entschlossenheit. „Dieser Jugendliche war mein Vater Jacek.“ Etwa 30 Oberstufenschülerinnen blicken auf das Bild des Mannes, das an die Wand projiziert wird. Mit der rechten Hand umfasst er sein linkes Handgelenk und blickt direkt in die Kamera. Es scheint, als hielte er die Aufmerksamkeit der Schülerinnen mit seinem Blick fest. Neben seinem Foto stehen zwei Jahreszahlen: *10.05.1926, † 21.05.2018. Konzentriert hören die Schülerinnen Dorota Nowakowska zu, die vor der gestreiften Häftlingskleidung ihres Vaters sitzt. Sie hält sich an ihren Notizen fest und erzählt auf Deutsch von seinem Leben. 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es kaum noch Überlebende, die von dem Terror der Nationalsozialisten erzählen können. Deshalb übernehmen diese Aufgabe inzwischen andere. Nicht immer sind die sogenannten „Zweitzeugen“ – die aus zweiter Hand berichten – mit den Überlebenden verwandt. Es können auch Weggefährten oder Menschen sein, die von der Geschichte eines Zeitzeugen inspiriert wurden. An diesem Vormittag in Mainz ist es Dorota Nowakowska; gemeinsam mit ihrer Schwester ist sie aus Polen angereist, um den Schülerinnen eines Mädchengymnasiums von der Hölle zu erzählen, durch die ihr Vater Jacek Zieliniewicz in der Zeit des Nationalsozialismus gegangen ist. Mit 17 kommt Jacek nach Auschwitz-Birkenau Jacek ist 17 Jahre alt, als er von den deutschen Besatzern verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verschleppt wird. Dort bekommt er zunächst eine Nummer auf den Unterarm tätowiert, die 138142. Am nächsten Tag wird er zum ersten Mal von einem SS-Mann geschlagen, das erste von vielen Malen. Anlass war ein aufgestellter Hemdkragen, der sich nicht umlegen ließ. „Vater erinnert sich“, sagt Nowakowska und macht eine kleine Pause, bevor sie in seinen Worten fortfährt: „Für mich war neben dem Hunger die Kälte das Schlimmste. Mittags bekamen wir einen halben Liter stinkende Suppe. Vier Häftlinge tranken nacheinander Schluck um Schluck aus einer Schüssel. Am Abend gab es ein Stück Brot – wenn man diesen Lehmklumpen Brot nennen konnte.“ Als Jacek Zieliniewicz seine Tochter Dorota zum ersten Mal mit nach Auschwitz nahm, war sie elf Jahre alt. Sie besuchten eine Tante in der südpolnischen Stadt Katowice (Kattowitz); von dort aus fuhr die Familie ins nahe gelegene Oświęcim. Von Auschwitz, wie die Stadt auf Deutsch heißt, wusste Dorota zu diesem Zeitpunkt wenig. Und Jacek verlor an diesem Tag auch kein Wort über seine Gefangenschaft, erinnert sich Nowakowska später in einem Gespräch. Erst 2003 habe er angefangen, von seiner Zeit im Konzentrationslager zu erzählen. Da war Nowakowska schon 49 Jahre alt. Erst 60 Jahre später fing er an zu reden Anlässlich des 60. Jahrestags der Verhaftung habe sie damals eine Erinnerungsreise mit ihrem Vater gemacht, erzählt die ausgebildete Lehrerin. Zunächst in den polnischen Ort Końskie, wohin die Familie zu Beginn des Kriegs vertrieben worden war, dann nach Auschwitz. Dort schliefen sie in ehemaligen Häusern von SS-Männern, die zu Gästezimmern umgebaut worden waren. „Vom Fenster aus sahen wir den Stacheldraht, die Baracken – alles war zum Greifen nah.“ Dorota wusste schon vorher, dass ihr Vater im Lager gewesen war. Aber erst jetzt, bei ihrem gemeinsamen Besuch, begriff sie, was man ihm in Birkenau angetan hatte. „Im Lager war überall der unerträgliche Gestank der verbrannten Körper“, schildert Nowakowska den Mainzer Schülerinnen an diesem Vormittag die Erlebnisse ihres Vaters. „Vier Krematorien arbeiteten Tag und Nacht. Wenn ihre Kapazität nicht ausreichte, wurden mehrere Gruben ausgehoben, in die man die Körper hineinwarf und dann anzündete.“ In der vorletzten Reihe werden verstohlen die ersten Tränen weggewischt. Abgesehen von dem Baulärm, der aus der Tiefgarage dringt und die Vergangenheit durch seine aufdringliche Gegenwärtigkeit irritiert, ist es still im Raum. Dann meldet sich Stephanie Roth zu Wort. Sie ergänzt die Erzählung an verschiedenen Stellen mit Bildern, Karten und Erläuterungen. Seit vielen Jahren betreut Roth Zeitzeugenprojekte mit Überlebenden des NS-Terrors. Schon lange beschäftigt sie sich mit der Frage, wie die Geschichten der Opfer auch nach deren Tod erzählt werden können. Über den Beamer zeigt sie jetzt eine Zeichnung des polnischen Künstlers Władysław Siwek und erläutert, dass er nach der Befreiung von Auschwitz eine ganze Reihe an Bildern zeichnete, die das Leben im Lager zeigen. Sie erklärt den Schülerinnen, dass Jacek diese Zeichnungen sehr wichtig waren. Auf einem sieht man, wie Häftlinge sich auf eine Suppe stürzen, die auf dem Boden verschüttet wurde. „Es ist immer spannender, wenn da ein Mensch ist, der persönlich erzählt“ „Die Geschichten der Zeitzeugen müssen immer in ein didaktisches Konzept eingebettet werden“, erklärt Roth später. Sie und ihre Kollegen werden in ihrer Arbeit von dem Verein Zweitzeugen e.V. unterstützt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, an die Geschichten der Überlebenden zu erinnern. Dabei orientiert sich der Verein an dem „Herz-, Kopf- und Hand-Prinzip“. Die persönlichen Geschichten der Überlebenden sollen emotional berühren. Gleichzeitig wird Wissen über den Nationalsozialismus vermittelt, das dazu anregen soll, über historische und aktuelle Formen von Antisemitismus und Rassismus zu reden. Und schließlich werden die Zuhörer dazu ermutigt, das Gehörte mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verknüpfen und selbst aktiv zu werden. Zentral bleibe aber das gesprochene Wort: „Es ist immer spannender, wenn da ein Mensch ist, der persönlich erzählt. So gerne junge Leute Medien konsumieren: Sie sind bereit, uns zuzuhören.“ Roth zeigt den Schülerinnen jetzt noch eine Karte, auf der die Stationen von Jacek Zieliniewicz während der deutschen Besatzung eingezeichnet sind: die innerpolnische Vertreibung der Familie nach Końskie, die Zeit in Auschwitz von 1943 bis 1944, dann der Transport nach Schömberg bei Rottweil in Baden-Württemberg. Sie erklärt, dass im KZ Schömberg Treibstoff aus Ölschiefer gewonnen wurde, der auf der Schwäbischen Alb reichlich vorhanden war. Jetzt übernimmt Nowakowska wieder. Das Lager Dautmergen, in dem Zieliniewicz damals Zwangsarbeit leisten sollte, gab es noch gar nicht, erklärt sie. Er und seine Mitgefangenen mussten es selbst aufbauen. Was auch bedeutete: Die ersten drei Monate konnten sie sich nicht waschen, waren schmutzig und verlaust. Hinzu kam: Die Arbeit war körperlich anstrengend, aber es gab zu wenig zu essen und zu trinken. Nach wenigen Monaten im KZ Dautmergen wog ihr Vater nur noch 38 Kilogramm. Jacek erzog seine Tochter zu Toleranz und Achtung Jacek war ein ruhiger Mensch, erzählt seine Tochter später im Gespräch. Er sei selten laut oder wütend geworden und habe nie schlecht über andere Menschen gesprochen – auch nicht über die Deutschen, von denen er so viel Leid erfahren hat. Aber er besaß einen eindringlichen Blick. „Wenn er in meiner Tür stand und mich damit ansah“, sagt Nowakowska, „wusste ich auch ohne Worte: Jetzt ist es ernst.“ Sie sei von ihm zu Toleranz und Achtung gegenüber anderen Menschen erzogen worden, erinnert sie sich. Zu Respekt vor Menschen unabhängig von Volkszugehörigkeit, Hautfarbe oder Religion. Und noch ein Detail fällt ihr ein: Ihrem Vater sei es wichtig gewesen, dass sie immer genug zu essen im Haus hatten. Nach dem gemeinsamen Besuch in Auschwitz 2003 hätten sie und ihre Schwester den Vater mit anderen Augen gesehen. Sie wussten jetzt, was er mitgemacht hatte. 1995 fuhr ihr Vater das erste Mal nach Deutschland, auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks – einer Freiburger Organisation, die Hilfe für die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Ghettos leistet und Erinnerungsprojekte initiiert. Erst habe er nicht fahren wollen, sagt Nowakowska. Aber dann sei er doch zum KZ-Friedhof Schömberg gereist, um die Gräber seiner ermordeten Mithäftlinge zu besuchen – mit dem festen Vorsatz, nicht mit den Deutschen zu reden. Einmal, so erzählt es Nowakowska, stand Jacek während dieser Reise vor einer Gedenktafel, als er hinter sich plötzlich jemanden Deutsch sprechen hörte. Er erschrak. Die Sprache war ihm vertraut, aber er hatte sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen. Deutsch war für ihn die Sprache von Drill und Tyrannei. Von der Reise nach Deutschland brachte er einen Satz mit nach Hause: „Sie haben dort drüben alles, wir haben nichts. Dabei sind sie doch diejenigen, die den Krieg verloren haben.“ Es sei aber keine Bitterkeit in seiner Stimme gewesen, betont Nowakowska. Es war eher eine Feststellung, eine Beschreibung der Tatsachen. Über die Jahre schloss er viele Freundschaften Auf vielen Ebenen habe diese Reise etwas mit ihrem Vater gemacht, vermutet die Tochter. Denn nach seiner Rückkehr schien er überrascht davon, dass es in Deutschland „normale“ Menschen gibt. „Dass diese Menschen ganz gewöhnlich und warmherzig waren und keine schreienden SS-Männer.“ Von da an fuhr er häufiger nach Deutschland, um Schülerinnen und Schülern von seinem Überleben zu erzählen. Über die Jahre schloss er viele Freundschaften in Deutschland. Sie sei so dankbar, dass sie diese Begegnung habe erleben dürfen, sagt eine Schülerin nach dem Gespräch. Es sei etwas ganz anderes gewesen, als einen Text zu lesen oder einen Film zu schauen. Die Geschichte habe sie sehr berührt, bestätigt auch ihre Freundin den Eindruck. „Die Menschen beschweren sich heutzutage über so viele Kleinigkeiten“, findet sie. Auch findet sie es wichtig, sich manchmal an das Grauen vergangener Zeiten zu erinnern. Vor allem die Fotos und die Briefe hätten Emotionen transportiert, sagen beide, sie hätten auch mal Tränen in den Augen gehabt. Die Geschichte wollen sie später auf jeden Fall ihren Familien erzählen – und werden damit gewissermaßen selbst zu Zweitzeuginnen. Dass die Zweitzeugin Dorota Nowakowska die Geschichte ihres Vaters heute auf Deutsch erzählt, ist alles andere als selbstverständlich. Zwar hätte sie in der Schule die Möglichkeit gehabt, Deutsch zu lernen. Aber das stand nicht zur Debatte, sagt sie; vermutlich habe ihr Vater sich das nicht vorstellen können. Heute kann sich die Einundsiebzigjährige aber sehr gut auf Deutsch verständigen. Nach ihrer Frühpensionierung als Lehrerin und dem Tod ihres Mannes habe sie einen neuen Job gesucht, erzählt Nowakowska. Und da überredete eine Freundin sie dazu, als Pflegekraft in Deutschland zu arbeiten. 2007 sei das gewesen, vier Jahre nach dem gemeinsamen Auschwitz-Besuch mit ihrem Vater. Seit über 20 Jahren kümmert sich Nowakowska nun um ältere Menschen in Deutschland. Menschen im Alter ihres Vaters. Menschen, die Täter oder Mitläufer des NS-Regimes hätten sein können. Darüber habe sie aber nicht groß nachgedacht, stellt Nowakowska klar. Und mit ihren Kunden habe sie schon gar nicht darüber gesprochen. „Etwas, das geschieht, aber nicht erzählt wird, hört auf zu existieren“ Inzwischen kommt sie nicht nur nach Deutschland, um ältere Menschen zu pflegen, sondern auch, um die Geschichte ihres Vaters vor Schulklassen zu erzählen. Manchmal sei das ganz schön emotional. Vor allem, wenn sie den Brief vorlese, den ihr Vater im Februar 1944 aus Auschwitz-Birkenau an die Familie geschrieben habe. Zweimal im Monat durften die politischen Häftlinge einen Brief nach Hause schreiben. Die Bedingungen: Er musste auf Deutsch verfasst sein und den Satz enthalten: „Ich bin gesund und fühle mich gut.“ Andernfalls wäre er nicht durch die Zensur gekommen. In seinem Brief bedankt sich Jacek für das erhaltene Paket und bittet um Butter, Zündhölzer und Dochte. Letztere waren begehrte Waren, mit denen man die SS-Männer bestechen und eine Extraration Essen erhalten konnte. Abschließend schreibt Jacek, seine Eltern sollten sich keine Sorgen um ihn machen, und schließt mit Küssen und Grüßen. Immer zu Beginn ihrer Gespräche zitiert Nowakowska aus der Nobelpreisrede der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk: „Die Art und Weise, wie wir über die Welt denken und – was vielleicht noch wichtiger ist – wie wir über sie erzählen, ist von enormer Bedeutung. Etwas, das geschieht, aber nicht erzählt wird, hört auf zu existieren und stirbt. Wer eine Geschichte hat und sie erzählt, hat die Macht.“ Es sei wichtig, an ihren Vater und seine Erlebnisse zu erinnern, findet Nowakowska: „Wir müssen den jungen Menschen vermitteln, was passiert ist.“ Gerade heute, wo viele Menschen in Europa wieder auf rechte Propaganda hereinfallen. Sie sehe das auch in Polen, wo einige gegen Migranten hetzten. An manchen Jugendlichen, die es verlernt hätten, tolerant und mitfühlend zu sein. „Das Erinnern ist kein Selbstzweck“, betont auch Stephanie Roth. Natürlich gehe es darum, die Geschichten der Zeitzeugen in Erinnerung zu behalten und weiterzugeben. Aber gleichzeitig wolle man die jungen Menschen dazu motivieren, sich für eine weltoffene, gewalt- und diskriminierungsfreie Gesellschaft einzusetzen. Auch deshalb ist es Dorota Nowakowska wichtig, am Ende ihrer Erzählung einen Satz vorzulesen, mit dem ihr Vater die Schulbesuche immer beendete. „Ich hoffe“, sagt sie und schaut die Schülerinnen noch einmal an, „dass auch ihr seine Worte in Erinnerung behalten werdet: Jeder ist ein Mensch. Ob jüdisch, katholisch oder evangelisch, ob Schwarz oder Weiß, ob Mann oder Frau – das ist egal. Es ist wichtig, dass man Mensch ist. Und bleibt.“
