FAZ 12.05.2026
16:41 Uhr

Erziehung: Soll man das erlauben?


Hohe Bäume und steile Abhänge ziehen manche Kinder magisch an, strapazieren aber die Nerven der Eltern. Experten warnen: Übervorsicht kann langfristig mehr schaden als schützen.

Erziehung: Soll man das erlauben?

In ihrer Nachbarschaft gab es so einen Baum. Seit sie denken kann, liebt Sofia Hinze es, hinaufzuklettern, jedes Mal ein Stückchen höher. Für die tägliche Kletterrunde plante Sofias Mutter Jana* nach dem Kindergarten bald extra Zeit ein – auch wenn ihr das nicht leichtgefallen ist. Sofia sagte immer: „Der Ast bricht schon nicht!“ Aber wer weiß das schon so genau? Das heute elfjährige Mädchen sagt, sie habe immer gespürt, wie schwer es den Eltern gefallen sei, ihr das wilde Klettern dennoch zu erlauben. Die Balance zwischen Risiko und Sicherheit zu finden, ist für Eltern oft nicht leicht. Dabei lieben Kinder den Nervenkitzel von riskantem Spiel: große Höhen, hohe Geschwindigkeiten, Wasser oder mit Feuer. Sie raufen gerne miteinander – am liebsten unbeaufsichtigt. Eltern sehen dabei oft vor allem die Verletzungsgefahr. Dabei birgt riskantes Spiel nicht nur Risiken, sondern auch die Chance, etwas Aufregendes zu schaffen. Dieser Zwiespalt sei entscheidend, damit Kinder sich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch gut entwickelten, sagen Psychologen und Spielforscher. Doch in Deutschland haben Kinder immer weniger Gelegenheit für riskantes Spiel. Sind Eltern und Erzieher in Kindergärten zu vorsichtig? Wie häufig sich Kinder in Deutschland beim Spielen so schwer verletzen, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist nicht belegt. Kranken- und Unfallkassen notieren lediglich die Diagnosen. Wie es zu dem gebrochenen Bein und der ausgerenkten Schulter kam, geben die Ärzte nicht weiter. Aus Amerika weiß man zumindest, wie sich die Kinder beim Spielen am häufigsten verletzen: Bei Krankenhausaufenthalten nach dem Spielplatzbesuch waren in bis zu 75 Prozent der Fälle Stürze aus großen Höhen die Ursache. Das beobachtet auch Stefanie Märzheuser, die am Universitätsklinikum die Kinder- und Jugendchirurgie leitet: „Stürze aus großer Höhe sind nach Spielplatzbesuchen der häufigste Grund, weshalb Kinder zu uns in die Notaufnahme kommen.“ Das geschehe häufig, wenn kleine Kinder auf Klettergerüste stiegen, die eigentlich erst für ältere Kinder geeignet sind. Dass Kinder heute aber gar nicht zwangsläufig auf hohe Bäume klettern müssen, um sich schwer zu verletzen, erklärte Martin Kaiser auf einer Pressekonferenz beim Deutschen Chirurgie Kongress im April. Er leitet die Kindertraumatologie am Universitätsklinikum Halle und sagte, dass Kinder sich immer häufiger bei scheinbar harmlosen Bewegungen verletzten. Sein Team beobachte, dass Kinder beim Rennen so unglücklich stolperten, dass sie sich dabei komplizierte Brüche an den Ellbogen zuzögen. Das betreffe häufig übergewichtige Kinder, die motorisch mutmaßlich schlechter entwickelt seien. Genaue Zahlen könne er jedoch nicht nennen. „Wichtig ist, dass Kinder sich ihre Risiken selbst aussuchen können.“ Schwere Verletzungen auf dem Spielplatz sind eher die Ausnahme, wie eine Übersichtsarbeit der Spielforscherin Mariana Brussoni von der British Columbia University nahelegt. Es käme zwar immer wieder zu Verletzungen, die meisten Unfälle auf Spielplätzen seien jedoch nicht behandlungsbedürftig. Meist genüge ein Kühlpack oder ein Pflaster, sagt auch Ellen Sandseter, die im norwegischen Trondheim zu risikoreichem Spiel forscht. Sie sagt: „Wichtig ist, dass Kinder sich ihre Risiken selbst aussuchen können und nicht von Eltern oder Spielkameraden zu etwas gedrängt werden, das sie nicht möchten.“ Kinder würden sich instinktiv meist nicht überschätzen. Auch Sofia, das kletterbegeisterte Mädchen, hat sich beim Spielen schon einmal verletzt. Im Hort fahre sie gern im Sitzen mit einem Skateboard einen Hügel runter, sagt sie. „Da bin ich schon mal in eine Bank reingefahren und habe mir die Haut aufgeschrappt.“ Das sei nicht so schlimm gewesen, aber sie sei danach anders runtergefahren, damit es nicht noch einmal passiert. Dass Kinder durch riskantes Spiel lernen, ihre Grenzen einzuschätzen, ist auch in einem Positionspapier internationaler Wissenschaftler nachzulesen, das im vergangenen Jahr in Kanada erschienen ist. Kinder erlernten dadurch auch, mit Ängsten besser umzugehen, schreiben die Forscher. Solche Erfahrungen steigerten das Selbstvertrauen, Resilienz gegenüber Rückschlägen und die Problemlösefähigkeiten. Die Autoren bemängeln, dass viele Spielplätze zu sicher gestaltet und stark überwacht würden. Das könnte dazu beigetragen haben, dass immer mehr Jugendliche unter Ängsten leiden. Riskantes Spiel hilft Ängste abzubauen Spielforscherin Ellen Sandseter sagt: „Wenn wir geboren werden, haben wir natürlicherweise eine Reihe von Ängsten, die uns beschützen, weil wir als kleine Kinder so hilflos sind.“ Es sei wichtig, diese Ängste abzubauen, wenn Kinder älter werden. „Es ist nur natürlich, dass Kinder sich zu riskantem Spiel hingezogen fühlen, denn das hat einen antiphobischen Effekt.“ In seinem Buch „Generation Angst“ beschreibt der New Yorker Sozialpsychologe Jonathan Haidt das Konzept der Antifragilität und zieht dabei einen Vergleich zwischen Bäumen und Kindern. Um starke Wurzeln ausbilden zu können, brauchten junge Bäume Wind. Experimente in künstlichen Biosphären hätten gezeigt, dass Bäume, die nie Wind ausgesetzt waren, umstürzen, bevor sie ausgewachsen sind. Ihnen fehle schlicht die Stabilität. Erst wenn junge Bäume sich in Windrichtung biegen können, würden auf der windzugewandten Seite Wurzeln wachsen, die den Baum besser im Erdreich verankern. Auf der windabgewandten Biegungsseite wird das Holz dabei komprimiert, was als Druckholz bezeichnet wird und den Baum stärker macht. Haidt schreibt, Druckholz sei eine perfekte Metapher für Kinder, die nur durch Stressoren in jungen Jahren zu starken Erwachsenen heranwachsen könnten. So lernen Kinder mit Frustrationen, Rückschlägen oder Unfällen umzugehen und nicht in einem Gefühlschaos zu versinken. Doch die Gelegenheiten für riskantes Spiel scheinen seltener zu werden: In deutschen Kindergärten hätten Kinder oft keine Möglichkeit mehr, solche körperlichen Erfahrungen zu sammeln, sagt Annette Kessler, die seit über 30 Jahren an der Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln Erzieher ausbildet: „Viele Eltern sorgen sich schon wegen kleinster Verletzungen, ob die Erzieher ihrer Aufsichtspflicht auch nachkommen.“ Die Erzieher wollten Diskussionen vermeiden und böten risikoreiches Spiel oft erst gar nicht an. In Norwegen wird in den Kindergärten riskanter gespielt Anders läuft es in Norwegen, wo riskantes Spiel zum täglichen Leben dazugehört, sagt Kessler: „Wenn man jemanden kennenlernt, fragt man nicht, was arbeitest du? Sondern: was hast du letztes Wochenende gemacht?“ Die Leute erzählten dann von Kajaktouren, Wanderungen oder Skiausflügen. Auch in den Kindergärten werde das gelebt, risikovolles Spiel gehöre dort zum Alltag, sagt sie. „Da kommt es regelmäßig zu aufgeschlagenen Knien und blauen Flecken. Für die Eltern dort ist das kein Problem.“ Kessler sagt auch: „Wenn es im Winter friert, gehen viele Kindergartengruppen in Deutschland nicht raus. In Norwegen nimmt die Erzieherin im Winter morgens einen Eimer und schüttet noch mal extra Wasser auf die vereiste Fläche, damit die Kinder Erfahrungen mit glatten Untergründen sammeln können.“ So ist auch die norwegische Spielforscherin Ellen Sandseter groß geworden. Sie hat vor Kurzem einen Fragebogen für Kinder entwickelt, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen sich die Kleinen in den Einrichtungen wohlfühlen. Ihre Arbeit zeige, dass die Möglichkeit für riskantes Spielen mit dem Wohlbefinden korreliere. „Ich war ein sehr aktives Kind. Wenn ich nicht die Möglichkeit zu riskantem Spiel gehabt hätte, hätte ich mir vielleicht andere Wege gesucht, um Nervenkitzel zu erleben“, sagt Sandseter. Man unterscheide zwischen positivem und negativem Risikoverhalten. Jugendliche, die als Kinder keine Möglichkeit zu riskantem Spiel gehabt hätten, experimentierten später öfter mit Drogen oder seien in Ladendiebstähle verwickelt, sagt sie. Wie intensiv sollten Eltern ihre Kinder beim Spielen beaufsichtigen? Hat riskantes Spielen also sogar präventive Wirkungen, die übervorsichtige Eltern ihren Kindern vorenthalten? Laut einer 2025 erschienenen Studie aus Irland gaben 74 Prozent der mehrheitlich weiblichen Befragten an, dass sie wissen, dass riskantes Spiel wichtig für die Kinder sei. Gleichzeitig verboten aber 60 bis 80 Prozent der Eltern das Spielen am Wasser, an Klippen und das Hantieren mit Werkzeug. Ellen Sandseter empfiehlt besorgten Eltern, gemeinsam mit den Kindern in solch heiklen Umgebungen zu spielen. Das könnte Eltern helfen, ihre eigenen Ängste zu beruhigen, denn den Befragten in der irischen Studie war es auch wichtig, ihre Kinder beim Spielen im Blick zu behalten. 60 Prozent gaben an, unbeaufsichtigtes Spielen zu verbieten. Eine Studie aus Kanada aus dem Jahr 2009 zeigt, dass es hilfreich sein könnte, wenn Eltern auf ihre spielenden Kinder aufpassen. Die Wissenschaftler führten Telefoninterviews mit Eltern von Kindern im Vorschulalter durch, die kürzlich wegen Unfällen im Krankenhaus behandelt wurden. Demnach beaufsichtigen diese ihre Kinder weniger intensiv als Eltern, deren Kinder wegen Fieber oder anderer Krankheiten eingewiesen wurden. Dabei lieben Kinder es, unbeaufsichtigt zu spielen. Sofia sagt, sie gehe mit ihrer Freundin auf dem Pausenhof besonders gern in eine Ecke, wo keiner zuschaut. „Wir spielen dann Plattenschubsen. Dabei stehen wir auf einer Tischtennisplatte und rangeln so lange, bis einer runterspringen muss. Wer dreimal unten landet, hat verloren.“ Die Drittklässlerin sagt, sie wisse, dass man dabei so stürzen kann, dass man ins Krankenhaus muss. Sollte man solch riskante Spiele also nicht doch besser überwachen? Annette Kessler sagt dazu: „Es ist ein Trugschluss, dass man durch ständiges Aufpassen Unfälle verhindern könne.“ Selbstverständlich gelte die Aufsichtspflicht, aber man müsse die Kinder nicht ständig wissen lassen, dass sie beobachtet werden. Das gehöre zur Autonomieentwicklung dazu. Regeln für riskantes Spiel Gerade bei kämpferischen Spielen können Kinder ihre eigenen Kräfte einschätzen lernen, aber auch Empathie und Verantwortung lernen. Beispielsweise bei Stockkämpfen sollten laut Kessler aber ein paar Regeln beachtet werden: „Der Stock darf nicht länger sein, als das Kind groß ist, es wird nur auf das Holz gehauen, nicht auf Körperteile, und wenn jemand Stopp sagt, ist sofort Schluss.“ Hiebe über Schulterhöhe seien ebenfalls tabu, sagt Kessler. Riskantes Spiel bedeutet nicht, dass man die Kinder bewusst Gefahren aussetzen soll. Sandseter sagt, Eltern sollten ihre Kinder beim Spielen beobachten: „Wenn man weiß, was man ihnen zutrauen kann, lindert das auch die Ängste bei den Eltern.“ Ihr sei das als Mutter trotz ihres Wissens nicht anders gegangen. Auch Sofias Mutter Jana Hinze bestätigt das: „Anfangs hatte ich häufiger Angst, dass etwas passiert, aber bei Sofia war mir ziemlich früh klar, dass sie sich selbst gut einschätzen kann.“ Sie habe sich stufenweise gesteigert. Sofia sagt selbst: „Ich klettere nur auf hohe Bäume, wenn ich guten Halt habe und mich wohlfühle.“ Dann könne der Baum auch mal vier Meter hoch sein. Wie sollten Eltern also reagieren, wenn der Fünfjährige zum ersten Mal ganz stolz die Krone eines Baums erklommen hat? Kessler sagt, man solle nicht etwa nach oben rufen: „Pass auf, dass du nicht runterfällst!“ Wenn das Kind wieder unten ist, solle man stattdessen die Leistung anerkennen. Im Gespräch könne man dann darauf eingehen, wie sich das Kind verhalten solle, wenn beispielsweise mehrere Kinder gleichzeitig auf einem Ast sitzen. Kessler sagt: „Wenn Kinder selbst etwas dazu sagen dürfen und gehört werden, entwickeln sie ein gesundes Verhältnis zum Risiko.“ *Jana Hinze und ihre Tochter Sofia heißen eigentlich anders. Aber um die Tochter und ihre Erzieherinnen zu schützen, haben sie gebeten, ihre echten Namen nicht zu nennen. Der Redaktion sind ihre Namen bekannt.