FAZ 08.05.2026
11:10 Uhr

Europa-League-Finale: In Freiburg wird das einst Undenkbare wahr


Gegen Braga gelingt dem SC Freiburg der bislang größte Erfolg seiner Historie. Die Fans bleiben selbst im Überschwang zivilisiert, nun können sie zum Finale reisen. Ihr Klub darf dort seine Lieblingsrolle spielen.

Europa-League-Finale: In Freiburg wird das einst Undenkbare wahr

Als das aufregende Spiel endlich vorbei war, stürmten Hunderte ganz in Weiß gekleidete Fans des SC Freiburg das Spielfeld. Sie richteten nach dem 3:1-Sieg ihrer Mannschaft über Sporting Braga im Überschwang der Gefühle aber kein Chaos an, wie bei ähnlichen Gelegenheiten andernorts, sondern folgten der herzlichen Bitte der Stadionregie, sich doch bitte wieder in ihr Revier auf oder vor die Südtribüne des heimischen Stadions zurückzuziehen. Die Mannschaft kam dann wenig später dazu, im Überschwang der Gefühle, erstmals das Traumziel Europa-League-Finale erreicht zu haben. Sie feierte den größten Erfolg der Vereinsgeschichte gemeinsam mit ihren ebenso leidenschaftlichen wie angenehm zivilisierten Anhängern. Trainer Julian Schuster und seine bodenständigen Profis nahmen sich die Zeit, diesen ganz besonderen Abend zu zelebrieren. Der einstige Kapitän hat den Klub aufs nächste Level geführt Was vor nicht allzu langer Zeit undenkbar schien, ist am Donnerstagabend wahr geworden: Der SC Freiburg, in der Gesamtwertung beider Spiele der 4:3-Sieger, hat sich für das Endspiel am 20. Mai im Istanbuler Besiktas-Stadion gegen Aston Villa, den Tabellenfünften der Premier League, qualifiziert. Der Klub wird dort mal in der gewohnten Rolle als frecher Außenseiter versuchen, auch noch den letzten internationalen Coup zu vollbringen, gegen ein Team aus Birmingham, das vom Europa-League-Spezialisten Unai Emery trainiert wird. Der Spanier hat die Europa League von 2014 bis 2016 mit dem FC Sevilla gewonnen und 2021 ein weiteres Mal als Trainer des FC Villarreal. Und Julian Schuster? Er, der jahrelang als Kapitän unter dem längst legendären Freiburger Trainer Christian Streich spielte, hat sich den Ruf erworben, den Sport-Club in den nun bald zwei Jahren seiner Zeit als Streichs Nachfolger auf ein noch höheres Niveau geführt zu haben. Es ist auch ein Ergebnis der wirtschaftlich inzwischen viel größeren Möglichkeiten der Südbadener, die über ein Eigenkapital von rund 160 Millionen Euro verfügen. Sie sind hier stolz auf eine Mannschaft, die mit traditionellen Freiburger Fighterqualitäten und mit deutlich verbesserter spielerischer Substanz hohe und höchste Ziele in Angriff nehmen kann. Der Siebte der Bundesliga besitzt deshalb auch gegen die Mannschaft aus Birmingham eine Chance, das Finale von Istanbul gewinnen zu können. Ein Spiel im Festtagsformat Am Donnerstag, beim Showdown mit einem ähnlich starken Gegner, profitierten die Freiburger auch vom frühen Platzverweis für den ivorischen Angreifer Mario Dorgeles ob einer „Notbremse“ gegen den auf und davon gerannten Jan-Niklas Beste (6. Minute). Damit war der Mann, der im Hinspiel das Siegtor für den Tabellenvierten der portugiesischen Liga geschossen hatte, draußen und seine Mannschaft in der Notlage, in den verbleibenden 84 Minuten plus Nachspielzeit tapfer allen Widerständen trotzen zu müssen. Es imponierte, wie couragiert sich Braga gegen die Niederlage stemmte. Wären die Portugiesen eine Spur kaltblütiger gewesen, hätten sie mehr als nur den einen Treffer zum 1:3 durch Pau Victor (79.) schießen können. So aber eroberten sich die unbeugsamen Freiburger den Erfolg mit viel Hingabe und einer Reihe von Momenten, die die neue Reife und Klasse dieser Mannschaft offenbarten. War die Führung durch ein Oberschenkeltor des rechten Verteidigers Lukas Kübler noch ein Glücksfall (19.), sah das 2:0 durch einen gefühlvollen Distanzschuss des Schweizers Johan Manzambi (41.), der diesmal seine Lieblingsrolle im zentralen offensiven Mittelfeld spielen durfte, geradezu prächtig aus. Ebenso Küblers zweiter Treffer, ein wuchtiger Kopfball zum 3:0 (72.) nach Vincenzo Grifos Freistoßflanke. Da hatte das vor der Pause noch etwas zähe Duell längst jenes Festtagsformat angenommen, das sich Spieler und Fans erträumt hatten. Und natürlich auch der an Erfahrung als Fußballlehrer noch junge Julian Schuster, der nach vollbrachter Tat geradezu gerührt und den Tränen nah war. „Das Allerwichtigste ist, in solchen Momenten zu wissen, wer man ist“, sagte der mit viel Rationalität und Emotionalität gesegnete Nachfolger Streichs, der in kürzester Zeit zu einem Anführer auf dem Freiburger Weg geworden ist, der auf wirtschaftlicher Vernunft und sportlicher Weitsicht basiert. „Fast schon surreal“ Schuster kann sich auf einen Mix aus seit Jahren erprobten Freiburger Protagonisten (Ginter, Lienhart, Kübler, Eggestein, Grifo) und einer wachsenden Zahl an inspirierenden Spielernaturen verlassen. Wie etwa auf Manzambi, den wegen einer Schlüsselbeinfraktur zuschauenden Japaner Suzuki, den mit seiner Rasanz und seinem Spielwitz glänzenden Jan-Niklas Beste und den wuchtigen Mittelstürmer Igor Matanović. Dass der Trainer im Rückspiel gegen Braga auch auf Christian Streichs Protagonisten Nicolas Höfler im defensiven Mittelfeld von Anfang an setzte, zahlte sich genauso aus. Für den erprobten Vorarbeiter des Sport-Club-Kollektivs fühlte sich dieser Donnerstagabend „fast schon surreal“ an. „Ich bin jetzt dreizehn Jahre dabei. Jahrelang ging es fast immer darum, die Klasse zu halten. In den letzten Jahren aber haben wir so viel Qualität dazugewonnen. Wir sind die Schritte gegangen, um jetzt mit dem SC Freiburg im Finale der Europa League zu stehen.“ Dort sind sie wieder einmal in der Außenseiterrolle, aus welcher der SC Freiburg schon oft viel gemacht hat. Die aktuelle Hochstimmung in der Mannschaft spiegelte Lukas Küblers Kampfansage: „Wenn du im Finale stehst, willst du es auch gewinnen.“ Alles andere wäre ja auch merkwürdig.