FAZ 05.06.2026
19:10 Uhr

F.A.Z.-Serie Schneller schlau: Schnaps, Rot, Gold


Nirgendwo in Europa wird so viel für Alkohol ausgegeben wie in Deutschland. Trotzdem klagt die Spirituosenbranche über sinkenden Absatz. Ein Blick in die Gläser.

F.A.Z.-Serie Schneller schlau: Schnaps, Rot, Gold

Illustration: Felipe Gonzalez Schneller Schlau Schnaps, Rot, Gold Von DOMINIK JÄGER, Grafiken: SANDRA LIERMANN, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 6. Juni 2026 · Wie viele Sechsen sind in der Zahl 66 zu sehen? Klar, zwei: Die 66 ist eine klassische Schnapszahl. Auch im Datum dieses Samstages kommt sie hintereinander vor, jedenfalls ohne Nullen. Ein Schnapsdatum! Angeblich kommt der Begriff daher, dass Zahlen vor dem geistigen Auge nach dem übermäßigen Konsum von Schnaps doppelt erscheinen. Eine andere These lautet, dass der Begriff beim Würfeln oder Kartenspielen in Kneipen entstand. Wer zwei gleiche Zahlen würfelte oder legte, musste eine Runde Spirituose ausgeben. So oder so landet man beim Schnaps. Jenes hochprozentige Getränk, das vier Prozent des jährlichen Alkoholkonsums der Deutschen ausmacht. Doch welche Spirituose ist die beliebteste der Deutschen, was sind die wertvollsten Marken auf der Welt, und was macht einen Schnaps zu einem guten Schnaps? An einer Spirituose kommt in Deutschland niemand vorbei: Wodka beziehungsweise Vodka. Die Variante mit W ist die vom Duden empfohlene, international wird der traditionell aus Getreide oder Kartoffeln gebrannte Klare mit V geschrieben. In deutschen Supermarktregalen sind insbesondere Absolut und Gorbatschow zu finden. Die beiden Sorten werden sogar etwas mehr konsumiert als die fünf Marken Smirnoff, Puschkin, Moskovskaya, Skyy und Russian Standard Vodka zusammen. Knapp sieben Millionen Menschen griffen 2023 zu Absolut und ‚Gorbi‘, wie Liebhaber sagen. Wodka hat in der Regel 40 Volumenprozent Alkohol und ist nach Likören, die einen Mindestalkoholgehalt von 15 Volumenprozent aufweisen müssen, die beliebteste Spirituose der Deutschen. Der Marktanteil von Wodka lag 2024 bei 16 Prozent. Die Volumenprozent sagen aus, dass 40 Prozent reiner Trinkalkohol sind. „Vodka kann aus fast allem destilliert werden, was vergären kann, um Alkohol zu erzeugen“, heißt es auf der Website der Marke Absolut. Er besteht aus dem Trinkalkohol Ethanol und Wasser. Einer gewissen Ironie entbehrt nicht, dass das Wort ‚Wodka‘ dem russischen ‚Wasser‘ entstammt. Der zumeist aus Polen, Russland und der Ukraine stammende Wodka wird aus Getreide oder Kartoffeln hergestellt. Ähnlich dem Bierbrauen werden die Zutaten zusammen mit einer Zuckermaische, Enzymen und Wasser gemischt, anschließend wird Hefe zugegeben, und die Gärung beginnt. In diesem Schritt entsteht ein Teil des Alkohols. Um die typischen 40 Volumenprozent zu erreichen, wird die Flüssigkeit destilliert, also gebrannt. Der Vorgang wird mehrfach wiederholt, um die gewünschte Produktqualität zu erreichen, ehe das Destillat filtriert und in Flaschen gefüllt wird. Getrunken wird Wodka in den osteuropäischen Herstellungsländern meist pur. In westlichen Ländern ist er Grundlage für Cocktails wie den ‚Moscow Mule‘, die ‚Bloody Mary‘ oder den ‚Screwdriver‘, der umgangssprachlich auch ‚Wodka-O‘ genannt wird. Wodka ist zwar beliebt, doch bei Weitem nicht die umsatzstärkste Spirituose. Weltweit wird mehr Whisky getrunken – der Umsatz liegt fast doppelt so hoch wie der von Wodka. International lässt selbst Branntwein den Wodka hinter sich, ungeschlagen sind Liköre. Whisky wird ebenfalls aus einer Getreidemalzmaische hergestellt und anschließend gebrannt. Anders als Wodka reift Whisky mindestens drei Jahre im Holzfass. Das verleiht dem Getränk sein typisches Aroma – und lässt ihn im Preis steigen. Bekannt ist er aus Schottland und Irland. Wird der Whisky in Schottland produziert, darf er sich „Scotch“ nennen. Da die Spirituose wertvoller wird, je länger sie im Fass reift und je älter der Whisky in der Flasche ist, ist das Getränk Sammlerstück und Wertanlage zugleich. Ein knapp 100 Jahre alter schottischer Whisky wurde bei einer Auktion im Jahr 2023 für 2,5 Millionen Euro verkauft. Die Flasche des „The Macallan 1926 Adami“ erzielte damit im Londoner Auktionshaus Sotheby’s einen Rekordpreis. Obwohl die Umsatzprognose für alle Spirituosen zusammengenommen einen positiven Trend bis ins Jahr 2029 zeichnet, trinkt jeder einzelne Deutsche immer weniger Schnaps. „Die Nachfrage nach Spirituosen sank in den letzten drei Jahren um elf Prozent“, meldet der Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie (BSI) Ende Mai. Wurden vor 20 Jahren noch 5,7 Liter reiner Schnaps pro Kopf getrunken, stellt das Ifo-Institut einen Rückgang fest: auf fünf Liter im Jahr 2024. Über das vergangene Jahr schreibt der Bundesverband: „Der Pro-Kopf-Konsum für Spirituosen ging erneut um drei Prozent auf rund 4,85 Liter zurück.“ Gründe seien die Wirtschaftslage, Zölle, „unvorhersehbare politische Entwicklungen“ sowie „die diskutierte einseitige Zusatzsteuererhöhung auf Spirituosen“. Die Spirituosenbranche setzte im Jahr 2025 laut BSI 4,6 Milliarden Euro um, zwei Milliarden Euro davon machte die Alkoholsteuer auf Spirituosen aus. Der Fiskus nahm laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr 2,1 Milliarden Euro durch die Alkoholsteuer ein. 149 Millionen Liter Alkohol wurden versteuert – 23,1 Prozent weniger als 2024. Kein Volk in Europa gibt pro Kopf mehr für Alkohol aus als Deutschland. Der Steuersatz liegt im europäischen Vergleich jedoch im unteren Mittelfeld. Getränke mit 38 Volumenprozent werden mit 3,47 Euro besteuert, in Finnland sind es fast 15 Euro. Im europäischen Vergleich ist Alkohol in Deutschland günstig. Steuersätze auf Spirituosen im EU-Vergleich Je 0,7-l-Flasche nach Ländern im Jahr 2025, in Euro 15 % vol. 32 % vol. 38 % vol. Meist kaufen die Bundesbürger Alkohol im Lebensmitteleinzelhandel. In Nordrhein-Westfalen schlagen sie besonders gerne zu. Was angesichts des Bevölkerungsanteils wenig verwundert. Die Bürger aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen kaufen gar mehr Klaren als sie an der Bevölkerung ausmachen. Die Bayern machen zwar einen genauso großen Teil der Bevölkerung aus wie die vier Bundesländer im Norden, kaufen aber neun Prozentpunkte weniger der Hochprozentigen im Lebensmitteleinzelhandel. Auch Baden-Württemberger schlagen anteilig ihrer Population weniger zu. Es findet sich allerdings kein deutsches Unternehmen unter den größten Herstellern: Sechs der zehn wertvollsten Spirituosenmarken kommen aus China. Die Spirituosen dieser Marken bestehen ebenfalls aus Getreidemischungen, einige Schnäpse werden zusätzlich aus Reis und Mais hergestellt. Als erster Europäer ist auf Platz fünf Frankreichs Hennessy aus der Stadt Cognac vertreten – Hersteller des gleichnamigen Getränks. Der nächste Europäer folgt auf Platz zehn: die Whisky-Marke Johnnie Walker aus dem Hause des britischen Konzerns Diageo. Whisky ist Bestandteil des Cocktails Old Fashioned, eines der Lieblingsgetränke von Thomas Feld, Inhaber der Contrast Bar in Köln und Gewinner des diesjährigen internationalen Cocktailwettbewerbs des Branchenmagazins „Drinks“. Feld erklärt: „Eine gute Spirituose erfüllt den Zweck, für den sie gemacht ist“ – ob Tequila mit Salz und Zitrone für den schnellen Rausch oder ein komplexer Scotch. Beides habe seine Daseinsberechtigung. Feld hat hinter zahlreichen Theken gearbeitet und ist gelernter Chemiker, in seiner Bar steht ein kleines Destilliergerät aus Kupfer. „Destillation ist ein Handwerk“, sagt der Bartender, deutet auf die Brennblase und gibt ein Beispiel: „Bei einem Negroni sollte man einen ausgeprägten Gin nehmen, damit er neben dem Campari und dem Wermut glänzen kann.“ In seiner Bar spielt eine Gruppe Karten, Schnapsrunden geben sie sich nicht aus. Vielleicht ist das besser so. Feld mahnt: „Alkohol ist ein Genussmittel, das man nur in Maßen genießen sollte.“ Zucker, das verpönte Nahrungsmittel Warum die Nachfrage nach Eiern so stark steigt Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge