Soziale Medien sind voll des Lobs fürs Elektrofahren. Komfortabel, alltagstauglich, alles schön und gut. Vorausgesetzt, man ist nicht ständig auf Langstrecken unterwegs und bringt ein gerüttelt Maß an Geduld mit. Nicht die Reichweite ist oft der Knackpunkt, sondern die Ladegeschwindigkeit. Alle paar hundert Kilometer eine halbe Stunde an der Säule zu stehen, macht keinen Spaß. Ist aber unser Job. So fuhr neulich auf der Strecke zwischen Frankfurt und Freiburg wieder die Sorge mit, Lebenszeit an einem mittelprächtigen deutschen Rasthof zu verbringen. Außerdem die Hoffnung, dass eine Ladesäule frei und funktionstüchtig sei. Man darf aber auch mal Glück haben. In diesem Fall gar doppeltes. Der Ionity-Schnelllader frei, das Auto mit gehörig Ladetalent ausgestattet und noch dazu wohltemperiert. Der G6, das dritte Modell der hierzulande noch relativ unbekannten chinesischen Marke Xpeng, kann seit dem Modelljahr 2025 mit bis zu 450 kW laden, 800-Volt-Technik macht es möglich. Noch gibt es allerdings nur eine überschaubare Anzahl an Ladesäulen, die das können. Logischerweise erreichte die Ladeleistung somit nicht die Werksangabe, erfreulich war sie dennoch. Mit anfangs 230 kW bei zehn Prozent und bis zu 308 kW Spitzenleistung lud die LFP-Batterie mit 80 kWh Nettokapazität in 15 Minuten von zehn auf 80 Prozent. Das verdient Anerkennung. Mit Wechselstrom an der Wallbox bleiben es maximal 11 kW. Holterdipolter Die Kehrseite der Medaille ist ein hoher Durchschnittsverbrauch von 24,7 kWh auf 100 Kilometer, inklusive Ladeverluste wohlgemerkt. Aus der Normreichweite von 525 Kilometern werden so meist kaum mehr als 350. Dabei markiert der Long Range die Mitte des Angebots. Die Standardversion ist schwächer und hat einen kleineren Akku, das Allradmodell ist stärker und durstiger. Für längere Strecken bleibt der Long Range die wohl vernünftigste Wahl. Angetrieben wird jener von einem 210 kW starken Permanentmagnetmotor (286 PS) an der Hinterachse. Das Drehmoment von 440 Nm sorgt für zügigen Vortrieb, Landstraßentempo ist somit binnen 6,7 Sekunden erreicht. Auch mit einer Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h lässt es sich gut leben, sofern dann pfeifende Windverwirbelungen kein Problem darstellen. Abgesehen davon, arbeitet der Antrieb leise und vibrationsfrei, im Sportmodus reagiert er besonders spontan auf Fahrpedalbetätigung. Es fällt auf, dass der G6 über ein straff abgestimmtes Standardfahrwerk verfügt. Bestandteile sind eine Doppelquerlenkerachse vorn sowie eine Mehrlenkerachse hinten. Im Stadtverkehr fahrend, spricht die Federung auf kleinere Unebenheiten mäßig an. Gröbere schluckt der G6 tendenziell besser, über Querfugen rumpelt er mitunter bockig. Wer mit einer vollen Blase über Kopfsteinpflaster fährt, dürfte das nicht spaßig finden. Fairer Preis, üppige Ausstattung An Fahrgefühl mangelt es uns nicht, dem G6 hingegen schon. So dürfte die Lenkung weniger synthetisch und mit geringen Rückstellkräften agieren. Ähnliches gilt für das Bremspedal, das zu hart ist und keinen klar definierten Druckpunkt kennt. Immerhin verliert sich dieser Eindruck etwas im Rausch der Autobahngeschwindigkeit. Mit breiter Brust und viel Selbstvertrauen will Xpeng in Europa mitmischen. Billig sein wollen die Chinesen nicht. Stattdessen setzen sie auf einen selbstbewussten Premiumkurs, ohne horrende Summen aufzurufen. Aufpreispflichtige Extras gibt es auch im G6 kaum, die Ausstattung ist gar überschwänglich. Und das für unter 50.000 Euro, genauer gesagt 47.600. Klingt fair. Auf die ausfahrenden Stäbchengriffe an den Türen ließe sich gut und gerne verzichten, warum nicht einfach normale? Wohl nicht trendig genug. Der Innenraum wirkt wertig, die Materialen fühlen sich gut an. Zumindest dann, wenn man sich mit dem Gummizellencharme anfreunden kann. Echte Kuhhaut kommt hier jedenfalls nicht zum Einsatz. Unterhalb des Sichtbereiches findet sich einfacheres Plastik. Dass sich inzwischen auch deutsche Hersteller in diesem Bereich die Blöße geben, tröstet etwas. Intuitiv ist die Bedienung nicht Elektrische Sitze, großes Glasdach, beheiztes Lenkrad, Sitzheizung und schlüsselloser Zugang sind serienmäßig an Bord. Was bei anderen Marken teuer bezahlt werden muss, ist inklusive. Ebenso ein digitaler Innenspiegel, der Realabstände schwer einschätzbar macht, sich aber aufgewohnte Spiegeloptik umstellen lässt. Auf solche Spielereien stehen Asiaten eben. Allerdings kann diese Neigung negative Auswirkungen haben, wie sich im Umgang mit der Bedienung herausstellt. Fast alles läuft über den großen Touchscreen in der Mitte, klassische Knöpfe gibt es kaum noch, aber immerhin am Lenkrad. Dazu kleine Walzen, was gefällt. Zwar lassen sich Menüs anpassen und mehrere Inhalte gleichzeitig anzeigen, trotzdem wirkt vieles unnötig kompliziert. Manche Begriffe sind schwer verständlich, manche Funktionen tief versteckt. Wer neu einsteigt, braucht Geduld. Mehr Platz aber nicht, bietet der G6 doch selbst im Fond ein großzügiges Raumangebot. Der Kofferraum ist alltagstauglich und schluckt je nach Sitzstellung zwischen 500 und 1370 Liter. Reicht das nicht, kommen bis zu 1500 Kilo als Anhängsel hintendran. Auch technisch zeigt sich der G6 großzügig. Kameras, Radar und Sensoren beobachten ständig das Umfeld. Viele Assistenzsysteme gehören zur Serie. In der Praxis wirken sie aber nicht immer ausgereift. Der Spurhalter meldet sich häufig wieder ab, der Spurwechselassistent zögert, die Verkehrszeichenerkennung liegt gelegentlich daneben. Der Geschwindigkeitswarner lässt sich glücklicherweise über einen Shortcut im Zentralbildschirm ausstellen. Gut funktioniert hat das automatische Einparken. Selbst in der engen Redaktionstiefgarage manövrierte uns das System problemlos in eine enge Parklücke zwischen zwei Säulen. Unterm Strich bietet der Xpeng G6 viel Auto fürs Geld. Wer interessiert ist und im Rhein-Neckar-Gebiet wohnt, hat Glück. Hier gibt es gleich zwei Händler mit Serviceangebot. Ansonsten aber ist das Netz noch löchrig, vor allem rund um Frankfurt, Stuttgart und Leipzig. Unser Fazit STARK: Mehr Lebenszeit für die wichtigen Dinge zu haben, Laden ist im Optimalfall fast so schnell wie Tanken. Viel Platz und üppige Ausstattung. SCHWACH: Digitale Überfrachtung erschwert die intuitive Nutzung, hoher Verbrauch, synthetisches Fahrgefühl. GLÜH IM GLANZE: Xpengs größeres SUV G9 kann noch schneller laden. Mit bis zu 525 kW.
