FAZ 26.05.2026
11:11 Uhr

Fahrstuhl in Gefahr: Damit der Aufzug nicht plötzlich stillsteht


Ein Ausfall des Aufzugs ärgert Bewohner und verursacht meist hohe Kosten. Neue Sensoren sollen Störungen bemerken, bevor der Fahrstuhl den Betrieb verweigert. Für Mieter hat das nicht nur Vorteile.

Fahrstuhl in Gefahr: Damit der Aufzug nicht plötzlich stillsteht

Für viele Menschen ist es eine Angstvorstellung, im Aufzug eingeschlossen zu werden. Möglicherweise dauert es Stunden bis zur Befreiung. Aufzugstörungen können aber auch dann schwierig werden, wenn sich niemand in der Kabine befindet: Funktioniert der Fahrstuhl nicht mehr, wird der Einkauf oder der Arztbesuch schier unlösbar für mobilitätseingeschränkte Menschen, die in oberen Etagen wohnen. „Seit Wochen sitzen Bewohner eines Elfgeschossers in Lichterfelde fest“, berichtete kürzlich die „Berliner Morgenpost“ über defekte Fahrstühle in einem Berliner Mehrfamilienhaus. Ähnliche Berichte verzweifelter Mieter finden sich aus fast jeder Stadt. Dass mit den Aufzügen in Deutschland einiges im Argen liegt, geht auch aus dem „Anlagensicherheitsreport 2026“ des TÜV-Verbands hervor. Demnach wurden im Jahr 2025 bei fast elf Prozent der rund 723.000 geprüften Aufzüge erhebliche Mängel festgestellt. Etwa 3000 Anlagen mussten sogar stillgelegt werden, da nach Angaben des TÜV-Verbands Gefahr für Leib und Leben bestand. Typische Mängel, heißt es beim TÜV, seien verschlissene Tragseile, ausgefallene Notrufsysteme oder defekte Türverriegelungen. Angst vor dem Absturz Trotzdem muss niemand Angst haben, mit dem Aufzug in die Tiefe zu stürzen. „Ein vollständiger Absturz in die Schachtgrube ist so gut wie ausgeschlossen“, sagt André Siegl, Referent für Aufzüge, Maschinen und Gebäudetechnik beim TÜV-Verband. Denn moderne und nachgerüstete ältere Aufzüge verfügten über entsprechende Sicherheitsbauteile wie Fangvorrichtungen und Übergeschwindigkeitsbegrenzer. Doch neben Sicherheitsaspekten gibt es für Immobilieneigentümer noch weitere gute Gründe, Störungen von Aufzügen möglichst zu vermeiden. Ausfälle verärgern nicht nur die Mieter, sondern kosten auch viel Geld – zum einen wegen der nötigen Reparaturen, zum anderen wegen möglicher Mietminderungen. Nach Angaben des Deutschen Mieterbundes dürfen Mieter die Miete mindern, wenn der Ausfall zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Gebrauchstauglichkeit oder des allgemeinen Wohnkomforts führt. In Einzelfällen haben Gerichte entschieden, dass beispielsweise bei einem 16-tägigen Ausfall einem Mieter in der sechsten Etage eine Kürzung um 15 Prozent und einem Bewohner in der zehnten Etage eine Mietreduktion um 20 Prozent zusteht. Da lässt es aufhorchen, wenn Oliver Hundt in Aussicht stellt, die mit Aufzügen verbundenen Kosten um 30 Prozent zu senken. Hundt ist Gründer und Gesellschafter des Unternehmens Hundt Consult, das nach eigenen Angaben im Auftrag von Immobilieneigentümern rund 20.000 Aufzüge unterschiedlicher Anbieter in etwa 16.000 Gebäuden betreut. „Wir haben eine Lösung entwickelt, die Aufzugsanlagen über Sensoren beobachtet“, sagt Hundt. Eingreifen vor der Havarie Die Sensoren werden an Kabinentüren und Kabinendächern angebracht  und registrieren Abweichungen vom normalen Betrieb. Alexander Wüllner, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, sagt dazu: „Das ermöglicht es, einen Schaden zu beheben, bevor es zu einer Havarie kommt.“ Fachleute bezeichnen diese Methode als „Predictive Maintenance“, also vorausschauende Wartung. Auch große Aufzughersteller setzen auf diese Methode. Der „Remote Service“ von Kone verspricht nicht nur, eingeschlossene Fahrgäste schnell per Mausklick aus der Ferne zu befreien, sondern auch Störungen frühzeitig zu erkennen. Das Vorgehen beruht auf einer intelligenten, cloudbasierten Plattform, die Aufzüge rund um die Uhr überwacht. Laut Kone-Manager Maximilian Fiedler analysieren die Computersysteme die Daten in Echtzeit. „Jeder unserer vernetzten Aufzüge sendet kontinuierlich Betriebsdaten in die Cloud“, sagt er. Daraus lassen sich Abweichungen erkennen. Die Systeme lösen viele Schwierigkeiten aus der Ferne, ohne dass ein Techniker ausrücken muss. Dadurch ist die Zahl der Fälle, bei denen Personen im Aufzug eingeschlossen sind, nach Unternehmensangaben um 55 Prozent zurückgegangen. Genaue Angaben zur Kostensenkung lassen sich laut Fiedler hingegen nicht machen, da deren Höhe stark vom Anlagenpark und der bisherigen Wartungsstrategie abhängt. Auf ein digitales Fernmonitoring setzt auch der Dax-Konzern Vonovia, der rund 5000 Aufzugsanlagen (darunter gut 4800 Personenaufzüge) betreibt. Schon 2023 begann Vonovia mit der Installation von digitalen Sensorik-Boxen, die herstellerunabhängig funktionieren und es erlauben, den Zustand der Aufzüge aus der Ferne zu beurteilen. Mittlerweile ist die Umrüstung abgeschlossen. Als Folge davon hat sich die Ausfalldauer der Aufzüge um rund 40 Prozent reduziert, sagt Arnd Fittkau, der für das Vermietungsgeschäft zuständige Vorstand von Vonovia: Statt durchschnittlich 5,1 Tagen ist ein Vonovia-Aufzug jetzt im Durchschnitt nur noch drei Tage außer Betrieb. Manchmal bleiben Aufzüge allerdings trotzdem wesentlich länger stehen. Einen Grund dafür nennt Oliver Hundt: Häufig sei es schwierig, schnell Ersatzteile zu bekommen. Vonovia arbeitet deshalb daran, die Bauteile der Aufzüge zu standardisieren und so die Lieferzeit von Ersatzteilen möglichst kurz zu halten. Mehrkosten für Mieter Wenn das gelingt, bedeutet das für Mieter zwar ohne Zweifel einen Gewinn an Lebensqualität, aber nicht unbedingt eine Kostenersparnis. Eine Sprecherin des Mieterbundes weist darauf hin, dass die Reparaturkosten in die Zuständigkeit des Vermieters fallen, also nicht auf die Betriebskosten umgelegt werden dürfen. Im Gegenteil zur neuen Technik: Laut der Mietervertretung können durch den Einsatz von technischen Systemen zur vorausschauenden Wartung sogar zusätzliche Ausgaben entstehen, die dann in der Nebenkostenabrechnung der Mieter auftauchen. Daneben werfen die Möglichkeiten der Digitalisierung aber auch die grundsätzliche Frage nach der Cybersicherheit auf. „Neben den Vorteilen von Predictive Maintenance muss auch klar sein, dass sich die cyberkriminellen Angriffsflächen durch Sensoren, Gateways und Cloud-Schnittstellen erhöhen“, sagt TÜV-Mitarbeiter André Siegl. Deshalb müsse die Cybersicherheit der Aufzüge gewährleistet sein. „Kriminelle Hacker können über die digitale Infrastruktur in ein Gebäude und dessen Anlagen eindringen.“ Als realistische Risiken nennt Siegl die Manipulation von Fahrgeschwindigkeit, Türfunktionen und Positionsdaten. Das sieht auch Kone-Manager Andreas Backer so. „Vernetzte Aufzüge können unter bestimmten Umständen interessant für Angreifer sein“, sagt er. Sein Unternehmen nehme diese Gefahr sehr ernst. Damit Szenarien wie Datenmissbrauch oder Betriebsunterbrechung nicht einträten, seien die Systeme seines Unternehmens mehrfach zertifiziert und würden rund um die Uhr überwacht. Ein Szenario hält Alexander Wüllner für unrealistisch: In den allermeisten Fällen sei es nicht möglich, dass Hacker einen Aufzug zum Absturz brächten oder veranlassten, dass er mit offener Tür losfahre. „Den physischen Sicherheitskreis kann man nicht aus der Ferne hacken“, sagt er. Zumindest im Fall dieser Sorge lassen sich Aufzüge wohl doch noch ohne Bange betreten.