Es gab mal eine Zeit, da wirkte Fernando Alonso noch entschiedener als am Lenkrad eines Formel-1-Boliden im Pulk vor der ersten Kurve. „Können Sie sich vorstellen, im Jahr 2019 um die WM zu fahren?“ Die Antwort auf die Zukunftsfrage kam damals, im März 2006, im Formel-1-Tempo: „Oh nein, absolut nicht“, sagte Alonso der F.A.Z. Am Sonntag steigt der Spanier in Malaysia zu seinem 441. Grand Prix in einen Boliden, mit einem frisch verlängerten Vertrag bei Aston Martin im Hinterkopf. Ende Juli ist er 45 Jahre alt geworden. Alonsos Vollbart, wenn er ihn sprießen lässt, trägt längst eine grau melierte Tönung. Aber es lässt sich nicht erkennen, ob dieses Zeichen der Vergänglichkeit in einer ständig auf neu polierten Welt mehr dem natürlichen Alternsgang als dem ständigen Frust zugeschrieben werden muss. Der Schumacher-Bezwinger, zweimal Weltmeister (2005 und 2006), fährt mit seinen Boliden seit geraumer Zeit seiner Klasse hinterher. Das wird auch beim Großen Preis von Bahrain, der wegen des Irankrieges in Sepang ausgetragen wird (9.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky), nicht anders sein. Keine Zeit zu verlieren Inzwischen kreist Alonso im achten Team seit dem Einstieg bei Minardi. Nach den zwei WM-Titeln mit Benetton kam er mit Ferrari mal dem dritten WM-Titel sehr nahe. Das war zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts, 2010, als just im letzten Rennen der Stern von Sebastian Vettel endgültig aufging. Alonsos versank nie so recht. Aber der letzte seiner 32 Siege liegt 13 Jahre zurück. Und der nächste nicht unbedingt vor ihm. Der sündhaft teure Dienstwagen taugt zu vielem, nur nicht zum Tempomachen. Wer aber unter den 22 hat keine Sekunde Zeit zu verlieren, wenn nicht der Älteste? Auch wenn der Steuerkünstler aus Oviedo keine Zweifel lässt an seiner ungebrochenen Motivation, jedenfalls so spricht: Hinterherfahren ist nicht seins. Weltmeister, das möchte er schon noch mal werden. Die Gefahr, ihn als Großvater unter den Piloten zu erleben, ist dabei relativ gering. Im Frühjahr wurde „El Nino“ erstmals Vater. Jungbrunnen Formel 1 Aber seine Erklärung – als Altersklassenfahrer in der inoffiziellen Kategorie Senioren 2 hat er Schumacher längst überholt – deutet eine gewisse, abhängige Leidenschaft an: „Rennsport ist mein Leben.“ Einer bekommt das im Formel-1-Alltag nun seit Jahren zu spüren. Lance Stroll, der Kanadier. Von dem man schon mal sah, dass er mitfahren kann in der Königsklasse. Aber nicht so genau, ob er immer dazu Lust hat, ob vielleicht die Vaterfigur Lawrence Stroll, Milliardär, Anteilseigner und starker Mann im Rennstall, dem Filius auf die Sprünge hilft. Bei Stroll jr., knapp 28, lassen sich zwar noch keine grauen Haare entdecken. Aber im internen Rennen um den besseren Startplatz bei Grand Prix seit 2023 sieht er alt aus: 15:91. Andersherum betrachtet, könnte diese Diskrepanz für das Juvenile in Alonso sprechen, für die These, die Formel 1 sei bei aller Beschleunigung des Altersprozesses für ihn eine Art Jungbrunnen. Jedenfalls schwärmen Ingenieure, auch Fahrer, vom Tempo Alonsos, wenn es darauf ankommt. Und von seiner Intelligenz, mit der er im komplexen Renngeschehen bei Vollgas immer noch den Überblick zu behalten scheint. Um dann das Beste daraus zu machen: Neunter (!) beim Rennen in Zandvoort. Wie war das möglich? Alonso schwärmte für einen Moment von seinem Team als ein Schweizer Uhrwerk. Alles habe gepasst, jede strategische Entscheidung. So kam es mit dem Altmeister zum zweiten Mal zu Punkten. Drei sind es insgesamt nach 15 Rennen. Und Platz zehn (vor dem Debütanten Cadillac) von elf, 535 Punkte hinter dem führenden Rennstall Mercedes. Da bleibt noch etwas Spielraum für Alonsos Wunsch rund um die Vertragsverlängerung bis mindestens Ende 2027: „Ich möchte hier etwas aufbauen.“ Als Architekt im übertragenen Sinne machte sich Alonso im Fahrerlager nach nun einem Vierteljahrhundert nicht unbedingt einen Namen. Altvordere bei Mercedes erinnern sich eher an einen von Misstrauen Getriebenen, damals 2007. Alonso sah sich als Galionsfigur von McLaren-Mercedes, wähnte sich bald von der mehrheitlich englischen Fraktion hintergangen. Auf der Strecke mündete das Spiel in einer Blockade gegen den Teamkollegen Lewis Hamilton. Abseits wurde er zum Zeugen gegen McLaren in der Spionageaffäre. Gemessen an seinem Talent, wurde Alonso zu selten Weltmeister. Vielleicht fährt er mancher Fehlentscheidung hinterher und landete deshalb bei Aston Martin. Weil es dort weder an Geld noch Menschen fehlt, die wissen, wie man Kutschen zu WM-Boliden formt. Wenn da nicht ein alter Bekannter wäre, den Alonso, weil weder Architekt in eigener Sache noch Diplomat, schon einmal in den Senkel stellte. Motorenlieferant Honda, damals beim zweiten Versuch Alonsos mit McLaren, musste sich Hohn und Spott des Spaniers gefallen lassen, weil der Antrieb lahmte. Alonso dachte sehr laut an ein Triebwerk von der Kraft eines Nachwuchsklassen-Motors. Betroffener konnten die Japaner damals kaum aus der Wäsche schauen. Nun wiederholt sich gerade die Geschichte. Im Schnitt kommt Alonso, sechs Ausfälle in 15 Touren, als Siebzehnter ins Ziel von 22. Andere bleiben auch schon mal liegen oder an der Leitplanke hängen. Der Chefpilot macht dafür die Schwäche des Honda-Modells verantwortlich und die Anfälligkeit. Das mag manches Problem des Chassis kaschieren. Aber zuletzt in Baku ließ sich der Klassenunterschied in einer Motoren-Disziplin recht eindeutig erkennen: Die Schnellsten in der Formel 2 erreichten 326 Kilometer pro Stunde auf der 2,2 Kilometer langen Geraden, der Langsamste der Nachwuchspiloten 316. Alonso schaffte 311. Bislang erweckt das Team den Eindruck, Geld zu verschwenden. Und wohl auch ein Talent, das aber keine bessere Wahl mehr hat.
