FAZ 05.06.2026
06:13 Uhr

Film „Verflucht Normal“: Der Fluch der Flüche


Ein Underdog, der sich Stück für Stück selbst findet: Die britische Tragikomödie „Verflucht normal“ erzählt vom Leben mit Tourettesyndrom. Dahinter steckt eine wahre Geschichte.

Film „Verflucht Normal“: Der Fluch der Flüche

John zupft an seinem Anzug herum und läuft nervös über herrschaftliche Gänge. „Du bewegst jetzt deinen Arsch da rein und machst uns stolz!“, motiviert ihn Dottie mit kämpferischem Blick. Kurz darauf passiert, was wahrscheinlich viele nach einer popkulturellen Verzerrung des Tourettesyndroms am ehesten damit verbinden. John betritt einen prunkvollen und gefüllten Saal, um von der Queen höchstpersönlich den Order of the British Empire für sein Engagement zum Thema Tourette verliehen zu bekommen, und brüllt dann in die schneidende Stille „Fuck the Queen!“ Koprolalie wird das zwanghafte und unkontrollierte Ausstoßen obszöner und vulgärer Wörter genannt, unter dem allerdings nur zehn bis 15 Prozent der Tourettepatienten leiden, darunter eben auch John. Ein gelungener Auftakt, denn Kirk Jones lässt seine Tragikomödie „Verflucht normal“ mit einem Klischee beginnen, um dieses und weitere im Verlauf der kommenden zwei Stunden aufzubrechen. Im Original heißt der Film viel passender „I Swear“, was auf Deutsch „ich fluche“ und „ich schwöre“ bedeutet. Inspirieren ließ sich Jones von dem Dokumentarfilm „John’s Not Mad“ über den realen John Davidson und auch durch dessen gleichnamige Autobiographie „I Swear“. Der schottische Aktivist erkrankte in den Achtzigerjahren am Tourettesyndrom, als die Krankheit noch völlig unbekannt war. Jones’ Film, zu dem er selbst das Drehbuch geschrieben hat, beginnt mit dem Ende und springt dann, scheppernd begleitet von New Orders Evergreen „Blue Monday“, ins Jahr 1983. Der zwölfjährige John, hier zunächst einnehmend gespielt von Scott Ellis Watson, lebt mit den Eltern und den Geschwistern in der südostschottischen Kleinstadt Galashiels. Der Teenager findet sich auf der neuen Oberschule zurecht, deren Rektor, Typus alte Härte, ihn und seine Mitschüler zu besseren Menschen mit gutem Ton erziehen will. In der Freizeit steht er erfolgreich im Tor der Jugendmannschaft und zieht das Interesse des Talentscouts eines Profifußballvereins auf sich. Der Junge wird zum Außenseiter So weit, so gewöhnlich, bis John nach ersten Aussetzern beim Vorlesen in der Schule motorische und vokale Ticks entwickelt. Schnell wird der Junge, der noch weniger als seine Umgebung weiß, wie ihm geschieht, zum Außenseiter. Die Mitschüler beschimpfen ihn als „Freak“, seine Mutter, gespielt von Shirley Henderson, meint, dass er sich alles nur einbilde, und verpflanzt ihren Sohn, als der beim Essen spuckt und flucht, auf den Boden vor dem Kamin. Der Vater kann Johns Verhalten nicht ertragen und auch nicht, dass er beim Fußball versagt hat. Er lässt die Familie im Stich. In dieser Episode fängt „Verflucht normal“ mit genauem Blick jenes Momentum ein, wenn die eigene Vulnerabilität plötzlich auf eine völlig unvorbereitete und auch unbarmherzige Gesellschaft trifft. Der Rektor schlägt Johns Hand mit seinem Gürtel grün und blau, und der Junge versteht die Welt nicht mehr. Als er mit einer Jungendfreundin unter den Adleraugen ihrer Mutter im Kino Sidney Pollacks Travestiekomödie „Tootsie“ schauen will, rutscht ihm ein „Lutsch meinen Schwanz“ raus und lässt die Situation eskalieren. Was Jones’ Film auszeichnet, ist der Sound. Weder ist „Verflucht normal“ ein schnödes Sozialdrama noch eine dem Sujet nicht entsprechende Klamotte. Der Film richtet sich gekonnt im Dazwischen ein, zeigt konsequent die Folgen der Erkrankung und lässt uns zugleich mit, nie aber über John lachen. Manche seiner Ticks bringen unweigerlich Komik mit sich, etwa seine Zwangsstörung, schiefe Straßenlaternen zu küssen. Er spielt John, als hinge sein Leben davon ab Seit der Premiere beim Filmfestival in Toronto sorgt „Verflucht normal“ für Aufsehen. Medial kochte es hoch, als John Davidson die Verleihung der British Independent Film Awards (Bafta) mit unkontrollierten Beleidigungen, auch rassistischer Natur gegen die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo, unterbrach. Davidson verließ vorzeitig den Saal und entschuldigte sich später, er sei „zutiefst beschämt“. Die Mechanismen im Umgang mit Tourette spiegelten sich hier ganz unmittelbar, was die Wichtigkeit des Films, der nicht weniger als eine kinematographische Empathiemaschine ist, unterstreicht. Bei besagten Bafta-Awards und bei den British Academy Film Awards gewann „Verflucht normal“ gleich zweimal. Robert Aramayo wurde als bester Hauptdarsteller und Lauren Evans für das beste Casting ausgezeichnet. Das verrät viel über diesen Film, der in seiner ganzen charmanten Konventionalität von seinem unfassbar gut aufgelegten Cast lebt. Aramayo spielt den John nach einem weiteren Zeitsprung ins Jahr 1996, als hinge sein Leben davon ab. Er marodiert, zugedröhnt mit falschen Medikamenten, in der Wohnung seiner Mutter herum, bis er über einen alten Freund an dessen Mutter Dottie gerät, für die sich Maxine Peake großartig ins Zeug legt. Die ehemalige Psychiatriekrankenschwester sieht etwas in dem jungen Mann, erklärt ihm, dass er sich in ihrem Haus nicht für seine Ticks entschuldigen müsse, und lädt ihn ein, bei ihrer Familie zu wohnen. Mit diesem Moment entwickelt sich „Verflucht normal“ zur Geschichte eines Underdogs, der sich dank der Hilfe von Dottie und später auch von Tommy, ebenfalls großartig gespielt von Peter Mullan, dem Hausmeister des Gemeindezentrums, bei dem John einen Job bekommt, Stück für Stück selbst findet. Der Film hangelt sich wenig überraschend, aber doch so unterhaltsam wie augenöffnend durch Johns Lebensstationen. Alles, wofür „Verflucht normal“ sympathisch und ganz ohne pädagogischen Duktus wirbt, steht im Zeichen von Aufklärung, Akzeptanz und des Miteinanders.