In der Stilwertung der Formel 1 liegt Audi schon einmal relativ weit vorn. Teamchef Jonathan Wheatley nimmt, bevor er vor die Kameras tritt, seine Sonnenbrille ab, das ist prinzipiell gegen die Bräuche im Fahrerlager. So sitzt er nach dem Großen Preis von Australien im grellen Abendlicht, als er erstmals für den neuen Werksrennstall Bilanz zu ziehen hat, der eigens angereiste Vorstandschef Gernot Döllner steht hinter dunklem Glas im Pavillon und verarbeitet dort seine gemischten Gefühle. Auch dass der Brite gleich bei den deutschen Fans um Entschuldigung bittet, dass Nico Hülkenberg den Auftakt-Grand-Prix für die Ingolstädter Marke gar nicht erst antreten konnte, spricht für gute Manieren. Gewählt fällt auch sein Gesamtfazit aus: „Ich bin unglaublich stolz auf das, was wir erreicht haben.“ Die Vokabeln, mit denen er sein Fazit garniert, haben so gar nichts von der beißenden Kritik eines Lando Norris oder Max Verstappen, die sich über die Auswirkungen des neuen Hybridantriebs auf die Fahrweise der Rennautos echauffieren. Das könnte Wheatley auch gar nicht, schließlich war das Reglement eigens für Audi so gestaltet worden. „Im ersten Jahr müssen wir erst mal ankommen“ Der Teamchef findet es demnach „faszinierend“, was beim Auftaktrennen passiert ist, hält die Rennen mit ihrer anfänglichen Inflation von Überholmanövern für „aufregend“ und ist sicher, dass sich alle an die ungewohnten, schon nach einer halben Runde aufgebrauchten Batteriekräfte gewöhnen werden, falls nicht gleichzeitig hier und dort bei Tempodrosselung geladen wird. Vor allem aber spricht er immer wieder über den historischen Moment, den Audi an diesem ersten Märzsonntag erlebt habe: „Punkte gleich beim allerersten Rennen.“ Der Brasilianer Gabriel Bortoleto brachte seinen R26 auf dem neunten Platz ins Ziel und hat damit zwei eingefahren. Das war nicht unbedingt zu erwarten, aber es wäre auch noch mehr drin gewesen. Die Formel 1 hat den Einstand der Volkswagen-Marke gelassen zur Kenntnis genommen. Im direkten Vergleich mit den Teams, die in Melbourne ebenfalls eine nagelneue Auto-/Motorenkombination an den Start gebracht haben, hält Audi durchaus stand: Auch Red Bull Racing hat nur einen von zwei Rennwagen ins Ziel gebracht, Aston Martin kam mit keinem seiner Autos über die Runden, Cadillac nur mit einem Fahrer – auf den letzten Platz. Dass kleine Rennställe wie Racing Bulls oder Haas vor Audi lagen, muss noch nichts heißen. Die Premiere der neuen Motorengeneration ist noch bei allen elf Teams von Unbeständigkeiten und Zufälligkeiten geprägt. Im Vergleich zu Lando Norris und dem Weltmeisterteam von McLaren, die 51 Sekunden hinter dem überlegenen Sieger George Russell ins Ziel trudelten, hat Audi vermutlich ein kleineres Problem. Noch ist der Druck nicht so groß, ist ein unauffälliger Platz im Mittelfeld die Ausgangsbasis für die propagierte Angriffslust. Aber mit dem ersten WM-Lauf nimmt auch das Entwicklungsrennen Fahrt auf, in diesem Rennen zwischen den Rennen wird in den Fabriken entschieden, wie sich die Rangfolge über die Saison hinweg definiert. Das weiß auch Audi-Chef Döllner, als er dem TV-Sender Sky sagt: „Im ersten Jahr müssen wir erst mal ankommen, unsere Hausaufgaben machen und ganz viel leiden. Am Ende des Jahres wird entscheidend sein, wer wie schnell gelernt hat.“ Offene Fragen nach Blackout Dass Hülkenberg ähnlich wie schon am Samstag Bortoleto am Ende des zweiten Qualifikationsabschnitts auf der Fahrt in die Startaufstellung einfach so stehen bleibt, dass die komplette Verbindung zum Rennwagen abreißt und keinerlei Telemetriedaten übermittelt werden, mag eine der üblichen Kinderkrankheiten zu Saisonanfang sein. „Gremlins“ werden solche schwer erklärbaren Ausfälle im Boxengassenjargon genannt. Aber es stimmt bedenklich, dass es beide Male hinterher keine offizielle Erklärung gibt für das, was passiert ist. Wenn es Geheimniskrämerei sein sollte, dann ist das ein Anfängerfehler. Wenn die Ingenieure es wirklich nicht herausbekamen, ein größeres Problem. Zwar hatten die Techniker schnell einen Verdacht, woran der Blackout hätte liegen können, aber der bestätigte sich nicht. Irgendwann musste sich das Team auf das einzige im Rennen verbliebene Auto konzentrieren. „Das ist nicht das, was wir nach einem guten Wochenende wollten, und es war sehr bitter, nicht starten zu können“, sagte Hülkenberg, „es war schon ein starker Start in Audis Formel-1-Ära. Und es hätte ein noch besserer Tag für das Team werden können.“ Von Startposition elf aus wären Punkte für den 38-Jährigen drin gewesen. Mattia Binotto als Projektverantwortlicher für Audi musste tröstend den Arm um ihn legen, als die beiden gemeinsam vor dem Computerbildschirm Ursachenforschung betrieben und die Fahrt von Gabriel Bortoleto verfolgten. Der Brasilianer frohlockte: „Es hat Spaß gemacht und war gleichzeitig verrückt. Es gab so viele Dinge, die passiert sind. Dinge, die unvorhersehbar waren. Wir haben noch viel zu lernen und müssen einiges besser verstehen. Aber unser Tempo war gut, die Kommunikation ausgezeichnet. Insgesamt ist das Ergebnis wahrscheinlich besser, als wir es vom ersten Wochenende erwartet hätten. Darauf müssen wir aufbauen.“ In Shanghai am Wochenende kommt die Formel 1 zu einer komplett anderen Rennstrecke. Sie wird mit ihren langen Geraden und den Bremszonen vor scharfen Kurven ein anderes Energiemanagement erfordern. Zudem steht mit dem ersten Sprintrennen eine weitere Fahrt ins Ungewisse auf dem Programm. Audi hat einen ordentlichen ersten Eindruck hinterlassen, der beim zweiten Rennen bestätigt werden muss. Gerade jetzt, wo die Machtverhältnisse noch unklar sind, weil sich Mensch und Maschinen erst richtig synchronisieren müssen, gilt es für den Neueinsteiger, die Chance zu nutzen. Denn der nächste Schritt muss zwingend der sein, aus der Unauffälligkeit herauszufahren. Einfacher wird es nicht.
