FAZ 06.10.2026
16:53 Uhr

Frankfurter Buchmesse: Buchbranche wirft Weimer Untätigkeit im KI-Streit vor


Auf der Frankfurter Buchmesse werden mehr als 250.000 Besucher erwartet. Zum Auftakt appellieren mehr als 120 Verlage an die Politik, ihnen in ihrem Streit gegen die Urheberrechtsverletzungen der großen Techkonzerne zu helfen.

Frankfurter Buchmesse: Buchbranche wirft Weimer Untätigkeit im KI-Streit vor

Kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse fordert die Buchbranche ein „schnelles und entschiedenes Vorgehen“ der Politik gegen KI-Unternehmen, die ihre großen Sprachmodelle ohne Einverständnis der Verlage und Autoren – und daher auch ohne Vergütung – mit urheberrechtlich geschützten Werken trainierten. Bei seinem ersten großen Auftritt auf der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse zeigte sich der neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, enttäuscht über Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Vor einem Jahr habe Weimer auf der Buchmesse „sehr engagiert“ für die Stärkung der Urheberrechte gekämpft, seither sei aber vonseiten der Politik nichts passiert: „Wir sind praktisch auf dem gleichen Stand wie im vergangenen Jahr“, monierte Guggolz am Dienstag mit Blick auf die Politik. Weimer hatte auf der Buchmesse im vergangenen Jahr „geistigen Diebstahl“ angeprangert und KI-Anbieter mit Vampiren verglichen, die das Kreative aus unzähligen Köpfen saugten. Zwar würden mittlerweile mit Penguin Random House und Bonnier zwei große Verlage gegen die KI-Anbieter klagen, viele kleinere Verlage könnten sich kostspielige Prozesse gegen die mächtigen Techunternehmen aber gar nicht leisten, sagte Guggolz: „Den meisten europäischen Verlagen fehlen dazu die Mittel.“ Wenn sie sich gegen den „Raubzug“ der KI-Unternehmen wehren wollten, müssten sie sehr aufwendig Indizien für die Rechtsverstöße sammeln. Die Verletzungen des Urheberrechts seien aber wegen der mangelnden Transparenz der KI-Unternehmen nur schwer nachzuweisen. „Frankfurter Appell“:  KI-Trainingsmaterial muss offengelegt werden Guggolz verwies auf den sogenannten Frankfurter Appell, der zeitgleich veröffentlicht wurde. Darin fordern mehr als 120 Verlage klare Regeln für KI-Anbieter. So sollten KI-Unternehmen verpflichtet werden, offenzulegen, mit welchen Büchern sie ihre Modelle trainieren. Obwohl das technisch möglich sei, geschehe dies bis heute nicht. Das sei nicht hinnehmbar. Zudem müsse die Politik die Rahmenbedingungen dafür schaffen, damit ein „Lizenzmarkt mit fairen Erlösmodellen“ entstehe. Bisher könnten sich KI-Anbieter mithilfe der Regelung zum Text- und Data-Mining de facto vergütungsfrei bedienen. Auch ausdrückliche Nutzungsvorbehalte der Rechteinhaber werden laut den Verlagen von den Techunternehmen oftmals rechtswidrig ignoriert. Der Appell der Verlage richtet sich an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung.  Die EU-Kommission hat zum Thema Urheberrecht und KI gerade ein Konsultationsverfahren eröffnet, das bis zum 3. November läuft. Zu den Verlagen, die den Appell bisher unterzeichnet haben, gehören Penguin Random House, Bonnier, Holtzbrinck, Campus, Carl Hanser, Piper, dtv, Rowohlt, Reclam, Beltz, Diogenes und Suhrkamp. „Wir warten auf die Wertschätzung unserer Arbeit“ Der Buchmarkt werde mittlerweile von „KI-Schrott“ geflutet, das gelte vor allem für Ratgeber und Reiseführer. Ohne menschliches Zutun würden Bücher produziert, die die Leser „teils sogar gefährlich in die Irre führen“.Für viele Verlage sei das in einer wirtschaftlich ohnehin schwierigen Zeit eine weitere Belastung. „Wir warten auf die Wertschätzung unserer Arbeit“, sagte Guggolz in seiner Rede, in der er sich auch Sorgen darüber machte, dass die unzureichend regulierte KI auf eine schlechtere Lesekompetenz von Schülern treffe. Laut der neuesten PISA-Studie verstünde ein Drittel der 15-Jährigen Texte nicht mehr richtig. „Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen kann, kann eine KI-Antwort überhaupt nicht mehr überprüfen“, sagte Guggolz. Eine ganze Generation lerne gerade, konfektionierte Antworten als Wahrheiten zu konsumieren, anstatt offene Fragen zu stellen und nach eigenen Antworten zu suchen. Neben Guggolz sprachen auch die amerikanische Historikerin Jill Lepore und der scheidende Buchmessendirektor Jürgen Boos auf der Eröffnungspressekonferenz. Lepore sprach von einem „kritischen Augenblick der Geschichte“. Das Wissen der Menschheit, das bislang großteils in Büchern schlummerte, sei von Maschinen „komplett verschluckt“ worden. Die Menschheit müsse sich entscheiden, ob sie zulasse, „dass Maschinen das Lesen und Schreiben und sogar das Denken für uns übernehmen“, sagte die Historikerin, die in diesem Jahr für ihr Buch über die Geschichte der US-Verfassung den Pulitzer-Preis bekam. KI sei eine große Gefahr für die Demokratie. Buchmessendirektor Jürgen Boos, der sich nach der Buchmesse nach 20 Jahren an der Spitze in den Ruhestand verabschiedet, zeigte sich in seiner kurzen Rede besorgt über die politische Polarisierung. Selbst in demokratischen Gesellschaften verschlechtere sich das politische Klima. Kürzlich habe er von einem Verlag gehört, der seinen Lesern Schutzhüllen für Bücher anbietet, damit Außenstehende nicht sofort erkennen, welches Buch sie gerade lesen. Neues KI-Label für Kinder- und Jugendbücher Die Frankfurter Buchmesse beginnt am Mittwoch, die ersten beiden Tagen sind dem Fachpublikum vorbehalten, am Freitag öffnet die weltgrößte Bücherschau auch für das breite Publikum. Bis einschließlich Sonntag werden mehr als 250.000 Besucher erwartet. Ehrengastland ist in diesem Jahr Tschechien. Wegen der steigenden Zahl von KI-generierten Kinder- und Jugendbüchern haben 18 Jugendbuchverlage kurz vor der Eröffnung der Messe ein neues Etikett für KI-Transparenz angekündigt. Das Label „Von Menschen – geschrieben – gestaltet – geprüft“ soll Lesern, Eltern und Buchhändlern Orientierung bieten. Das Label soll künftig sichtbar machen, „dass Texte, Illustrationen und Gestaltung von Menschen geschaffen und die Bücher in den Verlagen redaktionell geprüft werden“. Es verbietet den Einsatz von KI aber nicht zur Unterstützung von Prozessen, Analysen oder Recherchen in den Verlagen. Das Label, das neben dem Slogan eine Hand zeigt, die einen Stift hält, wird am Freitag auf der Buchmesse offiziell vorgestellt. Zu den Unterstützern gehören unter anderem Arena, dtv, Kosmos, Ueberreuter und die Kinder- und Jugendbuchverlage von Penguin Random House.