FAZ 16.05.2026
09:30 Uhr

Frankfurter Gesichter: Ein Leben im Dazwischen


Esad Şahin ist Geschäftsführer der Türkischen Gemeinde in Hessen. Nach  Deutschland ist er wegen der Frankfurter Schule gekommen. Geblieben ist er wegen der Menschen und der Entfremdung zu seinem Heimatland.

Frankfurter Gesichter: Ein Leben im Dazwischen

Esad Şahins Geschichte klingt zunächst wie die vieler türkischer Gastarbeiter, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nach Deutschland gekommen sind. Der Achtunddreißigjährige wollte seinen Master in Politikwissenschaften an der Goethe-Universität machen und dann wieder in der Türkei leben. Mittlerweile ist er seit 2015 Geschäftsführer der Türkischen Gemeinde in Hessen, seit 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender und hat seinen Lebensmittelpunkt hier gefunden. Spätestens seit dem gescheiterten Putschversuch im Jahr 2016 und der zunehmenden Autokratisierung seines Heimatlandes hat Şahin verstanden, dass es für ihn kein Zurück mehr gibt. „Die Türkei bietet mir keine Zukunft, sie gibt mir nur noch Emotionen“, sagt Şahin. Er fühle sich bei jedem Besuch mehr wie ein Gast. Gleichzeitig fühle er sich schuldig, sich nach dem Rückflug nach Deutschland wohlzufühlen, in sein geordnetes Leben zurückzukehren, während seine Eltern ihr Leben in der Türkei weiterführen. „Ich bin keiner, der zwischen zwei Welten lebt, sondern der zwei Welten in sich trägt“, sagt er mit seiner sanften und bedächtigen Stimme. Treffen mit Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz 2012 ist Şahin nach Deutschland gekommen, ohne die Sprache zu beherrschen. Im Sprachkurs hat er seine heutige Frau kennengelernt, die 2011 aus der Ukraine nach Deutschland gekommen war. Er ist in Samsun geboren und hat in Konya Internationale Beziehungen studiert. Weil ihn die Kritische Theorie und die Frankfurter Schule so fasziniert haben, wollte er unbedingt in Frankfurt an der Goethe-Universität Politikwissenschaften studieren. Er sei jedoch enttäuscht gewesen, dass von diesem Geist an der Uni nicht mehr viel übrig gewesen sei. Die Internationalität der Stadt Frankfurt hat ihn jedoch von Anfang an in seinen Bann gezogen. „Das kannte ich aus der Türkei nicht“, sagt er. Kurdische und alevitische Freunde zu haben, galt schon als divers. Als Student hat er unter anderem für eine deutsch-türkische Zeitung geschrieben. So ist er in Kontakt mit der Türkischen Gemeinde Hessen gekommen. Dass er heute die Interessen der hier lebenden Türken vertritt, findet er in manchen Momenten noch seltsam, da er hier gar nicht aufgewachsen ist.  Rassismus, Ausgrenzung, mehr Teilhabe, in diese Themen hat sich Şahin eingearbeitet. Vor zwei Jahren saß er dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz gegenüber, um ihm über die Sorgen der türkischen Community nach den Correctiv-Recherchen zu den Remigrationsplänen der AfD zu berichten. Şahin hat bei der jüngeren Generation von Migranten festgestellt, dass diese sich viel stärker gegen Rassismus und Ungerechtigkeit wehrt als noch ihre Eltern und Großeltern. Er hat verschiedene Projekte geleitet, um junge Leute dazu zu befähigen, sich in die Gesellschaft einzubringen. So ist er unter anderem Mitgründer des Vereins „Unter einem Zelt“, das interreligiöse und interkulturelle Begegnung fördert. Menschen zusammenzubringen, gesellschaftliche Brücken zu bauen und Neues zu lernen, das macht für Esad Şahin das Menschsein aus. In seiner Freizeit liest er viel. Mit seiner Frau geht er spazieren, Fahrrad fahren oder modelt nebenbei für Hochzeit-Eventunternehmen. Ein- bis zweimal im Jahr fliegt er in die Türkei zu seiner Familie. Nach wenigen Tagen stellt er jedoch fest, wie angespannt die Menschen wegen der schwierigen Lebensbedingungen sind, und ist dann froh, wieder heimzufliegen. „Manchmal liebt der Mensch am meisten die Orte, an die er nie wieder zurückkehren kann.“