FAZ 21.03.2026
12:36 Uhr

Frankfurter Halbmarathon: „Ich werde die Atmosphäre aufsaugen wie ein Schwamm“


Trennungen verarbeiten, Freunde und Familie treffen, Rekorde brechen: Es gibt viele Gründe, am Frankfurter Halbmarathon teilzunehmen. Vier Läufer erzählen, was ihnen der Lauf am Sonntag bedeutet.

Frankfurter Halbmarathon: „Ich werde die Atmosphäre aufsaugen wie ein Schwamm“

Der Familienläufer: Stefan Albers, 61 Bewegung war mir schon immer sehr wichtig. Seit meiner Kindheit spiele ich Tennis, später habe ich den Triathlon für mich entdeckt und bin so zum Laufen gekommen. Am Frankfurter Halbmarathon habe ich schon mehrfach teilgenommen. Er war für mich eine gute Möglichkeit, auch in den dunklen Wintermonaten die Motivation fürs Training aufzubringen, um dann im Frühjahr fit zu sein für die Triathlonsaison. Mit Mitte 50 änderte sich das schlagartig: Wiederkehrende Herzrhythmusstörungen schränkten meine Leistungsfähigkeit ein. Ich musste Wettkämpfe abbrechen, hörte beim Sport ständig in mich hinein und verlor letztlich das Vertrauen in die Belastbarkeit meines Körpers. Durch einen medizinischen Eingriff konnten die Beschwerden behoben werden, doch ein Gefühl der Verunsicherung blieb. Ich spielte Tennis mit angezogener Handbremse, hatte keine Freude mehr an Wettkämpfen. Dass das inzwischen wieder anders ist, verdanke ich meiner Tochter. Sie forderte mich zu einem Duell heraus: zehn Kilometer in unter 50 Minuten. Wir sind auch schon früher gemeinsam gelaufen und teilen einen gewissen Hang zum Kompetitiven. Um kein Risiko einzugehen, habe ich erst eine sportärztliche Untersuchung durchführen lassen. Dann habe ich einen gleichaltrigen Trainer bei mir im Ort angesprochen, der mich mithilfe von Trainingsplänen und Belastungsdiagnostik dabei unterstützt hat, das Wettkampftraining wieder aufzunehmen. Letztlich war unser Zehnkilometerlauf aber kein Duell – wir haben uns eher gegenseitig motiviert. Seitdem nehme ich jedes Jahr am Silvesterlauf und am Halbmarathon teil. Aber ich will keine Höchstleistung mehr erbringen. Wenn ich nicht viel langsamer als im Vorjahr laufe, ist das in meinem Alter schon ein Erfolg. Oft sind meine beiden Kinder dabei, wir nutzen das dann als Familienevent. Auch am Sonntag werden wir gemeinsam an die Startlinie gehen. Mein Sohn lebt seit einigen Jahren in Utrecht, er reist extra mit seiner Freundin an. Am Vorabend essen wir alle zusammen, zum „Carbloading“ sozusagen. Die Rekordjägerin: Monika Tischbierek, 41 Schon als Kind habe ich von einem Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde geträumt. Damals dachte ich, vielleicht schaffe ich es als Frau mit den längsten Haaren der Welt. So weit kam es dann doch nicht, aber bei meinem ersten Marathon kam mir eine andere Idee. Ganz unten auf der Anmeldeseite stand der Hinweis, dass man einen Rekordversuch starten kann, wenn man im Kostüm antritt. Da dachte ich: jetzt oder nie. Bisher habe ich es siebenmal ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft, viermal beim Marathon und dreimal beim Halbmarathon. Meinen ersten Weltrekord habe ich 2021 als Matrosin erreicht. Um so einen Rekord aufzustellen, muss man einen Antrag bei Guinness World Records einreichen. Man kann sich als alles Mögliche verkleiden, aber die Vorgaben, wie das Kostüm auszusehen hat, sind sehr strikt. Ich wollte schon mal als Ballerina an den Start gehen. Als mir klar wurde, dass ich den ganzen Marathon in dünnen Ballettschläppchen laufen muss, habe ich mich doch dagegen entschieden. Am schwierigsten fand ich den Lauf als Köchin. Das war eine Schnapsidee: Meine kleine Schwester arbeitet als Köchin, und ich dachte, ich leihe mir einfach ihre Arbeitskleidung aus und dann passt das. Erst nach der Anmeldung habe ich gesehen, dass man die ganze Strecke mit einem drei Kilo schweren Küchenutensil bestreiten muss. Vor Ort wird das Gewicht nochmal mit einer Kofferwaage überprüft. Ich habe dann mit meinem Wok in der Hand trainiert. Freiwillig würde ich das nicht noch mal machen. Am Sonntag werde ich als Tanzmariechen antreten. Auf das Kostüm bin ich ein bisschen stolz, ich habe es selbst genäht. Deshalb werde ich es auch auf jeden Fall aufheben und bei einem anderen Lauf wieder auspacken. Im Schnitt nehme ich an sieben oder acht Laufveranstaltungen im Jahr teil. Wenn ich weiß, dass ein Wettkampf ansteht, bin ich motivierter für mein Training. Wenn dann auch noch die Möglichkeit besteht, einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde zu bekommen, ist der Ehrgeiz umso größer. Der Backpacker: Darius Wille, 21 Eigentlich laufe ich gar nicht so gerne. Für mich ist das eher ein nötiges Übel. Ich komme aus dem Radsport, bin auch schon in der Bundesliga mitgefahren. Beim Radfahren sieht man viel von der Natur, Laufen finde ich dagegen etwas langweilig. Ich habe nur damit angefangen, weil ich Freunde finden wollte. Als ich vor ein paar Jahren für meine Ausbildung nach Stuttgart zog, kannte ich dort niemanden. Deshalb habe ich mich bei einem Run Club angemeldet, weniger wegen des Laufens als für den Kaffee danach. Inzwischen besteht fast mein ganzer Freundeskreis aus Leuten vom Laufklub. Und ich gehe immer noch einmal pro Woche laufen. Mir ist ziemlich egal, was ich für einen Sport mache – wenn ich mit coolen Leuten unterwegs bin, macht es Laune. In der Radsport-Community geht es immer um Leistung: Wer hat das neueste Carbonrad? Rasiert man sich die Beine, um das letzte bisschen Geschwindigkeit rauszuholen? Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Aber mir gefällt, dass es in den Laufklubs etwas normaler zugeht. Viele, die neu dazukommen, haben wenig Erfahrung. Sie werden trotzdem von den anderen unterstützt und auch für kleine Erfolge gefeiert. Es ist ein sehr herzliches Zusammensein. Das vergangene halbe Jahr bin ich mit dem Rucksack durch Südamerika gereist. Als ich hörte, dass meine Läuferfreunde sich für den Halbmarathon anmelden, wollte ich unbedingt dabei sein. Außerdem dachte ich, es wäre gut, mal wieder ein sportliches Ziel zu haben. Auf meiner Reise war ich häufig auf mehr als 3000 Metern Höhe unterwegs. Es ist gar nicht so leicht, sich zum Joggen zu motivieren, wenn man kaum atmen kann. Aber beim Lauf am Sonntag wird das sicher ein Pluspunkt sein, meine Lunge ist dadurch besser trainiert. Im Anschluss muss ich vor Ort noch beim Abbau helfen. Nur so bin ich an meinen Startplatz gekommen, ich hatte nämlich vergessen, mich anzumelden. Die Leute vom Auf- und Abbau kenne ich noch von früher, mit 18 habe ich dort ein Praktikum gemacht. Auch wenn es eine ganz schöne Buckelei ist, haben sie immer alle gute Laune, deshalb macht es Spaß. Vielleicht muss ich nach dem Lauf eine halbe Stunde Pause machen, dann trinke ich einen Kaffee und dann geht es schon wieder. Ich habe ja nur meine Beine benutzt, da kann ich auch noch ein bisschen die Arme anstrengen. Aber ich werde bestimmt nicht selbst nach Hause fahren, meine Eltern holen mich ab. Und dann wird ganz tief geschlafen. Die Debütläuferin: Simone Müller, 52 Das Laufen hat mir über eine schwierige Zeit hinweggeholfen. Damals machte ich gerade eine Trennung durch, und dann kam auch noch Corona. Da habe ich meine Laufschuhe angezogen, bin ab in den Wald und habe mir gewissermaßen den Kopf frei gelaufen. Am Anfang fand ich selbst drei Kilometer anstrengend, aber irgendwann kam die Übung. Auf einmal nahm ich meine Umgebung ganz anders wahr. Ich hörte das Zwitschern der Vögel und sah, wie die Bäume blühten. Für mich war das die natürlichste Art, aus diesem Loch rauszukommen: frische Luft und Bewegung. Jetzt nehme ich zum ersten Mal an einem Halbmarathon teil. Ich will meine Komfortzone verlassen und mir selbst beweisen, was ich alles schaffen kann. Trotzdem habe ich bei der Anmeldung etwas zu lange gezögert, und plötzlich waren alle Plätze ausverkauft. Über Umwege habe ich dann aber doch noch eine Startnummer ergattert. Auf Instagram sah ich, dass der Veranstalter Spiridon zur Bewerbung für eine Trainingsgruppe aufrief. Ich habe gleich in die Tasten gehauen und von meiner bisherigen Lauferfahrung erzählt. Ein paar Wochen später kam die Zusage. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich mehr als zehn Kilometer am Stück laufen kann. Jetzt, nach 15 Wochen hartem Training, sind zehn Kilometer überhaupt kein Thema mehr. Ohne die Trainingsgruppe wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Unser Laufleiter hat uns wirklich gefordert, aber auch immer wieder aufgebaut und mental unterstützt. Wir sind eine reine Frauengruppe, von Anfang 20 bis Ende 50 ist jedes Alter dabei. Die Atmosphäre ist locker und herzlich, es wird viel gelacht. In der Gruppe habe ich auch eine Laufpartnerin gefunden. Wir haben ein ähnliches Tempo und wollen auf jeden Fall gemeinsam starten. Für den Halbmarathon haben wir uns eine Strategie überlegt: Die ersten fünf Kilometer laufen wir ganz langsam, um nicht gleich unser ganzes Pulver zu verschießen. Dann kommt ein Zehnkilometerlauf, damit haben wir schon 15. Und die restlichen sechs, die kriegen wir dann auch noch irgendwie hin. Auf den letzten hundert Metern, die ins Stadion führen, werden wir ganz langsam laufen und die Atmosphäre aufsaugen wie ein Schwamm. Unser Trainer sagt, die Tribünen werden voll sein und die Leute werden feiern. Das muss ein tolles Gefühl sein. Ich kriege jetzt schon Gänsehaut, wenn ich daran denke.