Äh…wie? So schnell geht das? Neukunden sind überrascht, dass sie ihre Tüte oder Kiste mit den (Küchen-)Messern direkt wieder mit heimnehmen können. Uwe Taylor mag es schnell, das ist seine Art. Und scharf, das ist sein Job. „Zehn Minuten“, lautet seine Standardantwort, und dann ist er auch schon drei Schritte weiter in seine Werkstatt verschwunden. Durch die Glasfront kann der Kunde Taylor dabei beobachten, wie er die Klingen schärft und poliert. Und ist nachher erschrocken darüber, wie nahezu gefährlich die Klingen des zuvor stumpfen Messer-Sets geworden sind. Wer während der kurzen Wartezeit beim „Frankfurter Schärfservice“ nicht ein paar Schritte auf dem schönsten Teil der Nordendstraße im gleichnamigen Stadtteil machen will, kann auch ein wenig Oskar liebkosen. Der kleine Terrier, den man seine 15 Jahre ansieht, bezieht gerne seinen Posten im Körbchen gleich links vom Eingang. Durch die stets offene Tür macht er aber auch selbstständig Ausflüge auf den Gehweg. Zumal wenn wieder einmal Kinder mit ihren Eltern auf ihrem Weg zum oder vom vis-a-vis gelegenen Nordendspielplatz vorbeikommen – und erst weitergehen wollen, wenn sie Oskar gestreichelt haben. Geschärft wird „alles, was Klingen hat“ Uwe Taylors Laden ist einer der ganz wenigen seiner Art. Über dem Tresen steht in Schönschrift auf einer Tafel die Preisliste: Heckenschere 10 Euro, Sense 9, Motormäher je Flügel 15 Euro und so weiter. Geschärft wird „alles, was Klingen hat“, sagt Taylor. Klar, überwiegend werden Messer bei ihm abgeliefert. „Aber nur Messer wären langweilig. Man glaubt gar nicht, mit was für Gerätschaften die Leute hier reinkommen“, sagt der Frankfurter, der einst schräg gegenüber im Marienkrankenhaus geboren wurde und drei Stockwerke über dem Laden wohnt. Ein Degen aus dem 15. Jahrhundert ist einer seiner Favoriten. Samurai-Schwerter? Bekommt er fast täglich rein. Es ist eine Gefühlsarbeit an der Schleifmaschine. Millimetergenau. Etwas, das dem Heimschleifer an seinem selbst erworbenen Schleifstein naturgemäß abgeht. Er habe viele Kundinnen, denen „daheim die Ehemänner die Messer versaut haben“, sagt Taylor schmunzelnd. „Ich erwecke sie dann wieder zum Leben.“ Messer seien nämlich keine Wegwerfprodukte, sondern mit gutem Umgang und einer gelegentlichen Behandlung in seiner Werkstatt sehr langlebig. „Einen guten Schleifer erkennt man an den rasierten Unterarmen“, sagt der Frankfurter Scharfmacher mit der direkten Ansprache und schallendem Lachen. Wie scharf die von ihm behandelten Klingen geworden sind, demonstriert er nämlich gerne, indem er sich vor den Augen der Kunden ein paar Armhaare wegraspelt. Geschnitten habe er sich bei dieser Vorführung noch nie. Als Kind habe er von seinen Eltern nach langem Flehen ein Messer geschenkt bekommen. Und dann nur noch geschnitzt. 35 Jahre lang habe er aber zunächst im väterlichen Betrieb als Friedhofsgärtner geschuftet, „ein Knochenjob“, wie Taylor sagt. „An meinem 50. Geburtstag habe ich meinen Vater beerdigt und am nächsten Tag den Laden hier aufgemacht.“ Im Jahr 2012 war das. Und seitdem haben sich Arbeit und Kundschaft verändert. Die Hotelketten und Großküchen, die vor der Pandemie regelmäßig massenhaft Messer abgegeben haben, seien nach Corona zunehmend weggeblieben. Auch Taylors wahre Leidenschaft, die eigene Herstellung von großen Messern, finde kaum noch Nachfrage, erzählt er. In einer Vitrine neben der Theke liegt eines seiner Eigenkreationen. So scharf, dass es hinter Glas muss. „Damit könnte man einen Baum fällen“, sagt Taylor fast andächtig, während er über den dicken Griff streicht. Dann hält er einen kleinen weißen Zettel in die Luft – der in dem Moment zerteilt ist, in dem er in Kontakt mit der Klinge kommt. Wer länger mit Taylor ins Gespräch kommt, bekommt gerne auch ein Impulsreferat über die Vorzüge veganer Ernährung. Nicht übergriffig, nicht bekehrend, sondern seiner Überzeugung folgend. Ach ja, eine Art von Klingen nimmt Taylor tatsächlich nicht an: Jagdmesser von Hobbyjägern, die sind ihm ein Graus. Frankfurter Schärfservice, Nordendstraße 39, Frankfurt; dienstags bis freitags 9 bis 13 sowie 15 bis 17 (dienstags bis 18:30) Uhr, samstags 10 bis 14 Uhr.
