FAZ 20.09.2026
14:56 Uhr

Fratopia in Frankfurt: So klingt Blockflöte wirklich cool


Eine ihrer Flöten ist sogar größer als sie selbst: Die Musikerin Dora Donata Sammer bringt ungewöhnliche Flötentöne zum Festival Fratopia in die Alte Oper.

Fratopia in Frankfurt: So klingt Blockflöte wirklich cool

Hessen könnte ein Blockflötenland werden. Das Instrument, so steht es im Koalitionsvertrag, soll Grundschulkindern „das Tor zur Welt der Musik öffnen“, gilt aber als uncool und ist politisch umstritten. Der Landesmusikrat hatte 2024 vor dem Hintergrund überwiegend fachfremd erteilten Unterrichts sogar „eine womöglich abschreckende Musikerfahrung“ befürchtet. Kulturpolitische Grabenkämpfe und instrumentale Klischees sind jedoch ganz weit weg, wenn die Blockflötistin Dora Donata Sammer die maritime Klanglandschaft von Fausto Romitellis „Seascape“ entfaltet. Da denkt niemand an brave Kinder, die unter dem Weihnachtsbaum schräge Töne produzieren. Sie spielt aber auch nicht die klassische Sopranblockflöte, sondern eine riesige Paetzold-Kontrabassblockflöte. Das Instrument überragt die Instrumentalistin. Es brummt, es blubbert, es pfeift und flattert in so schnellem Wechsel, dass die Ohren des Hörers nicht mehr nachkommen: Ist das noch eine Folge von Einzeltönen – oder schon Polyphonie? Oder gar eine außerirdische Sprache? Die kantige Flöte mit ihrer technischen Anmutung könnte auch als Roboter durchgehen, dem die Virtuosin im kreativen Schöpfungsakt Leben einhaucht. Möglicherweise spielt das Instrument dann auch auf der Instrumentalistin? Bei Fratopia, dem „Festival der Entdeckungen“ vom 23. bis 27. September in der Alten Oper, wird man noch einmal genau hinhören und hinschauen können. Dora Donata Sammer ist mit „Seascape“ aus dem Jahr 1994 und anderen Werken vertreten, wenn sich das Konzerthaus mit mehr als 200 Einzelterminen bei freiem Eintritt dem Publikum öffnet. Mehr als 200 Konzerte im ganzen Haus „Ich glaube, mich interessiert die Blockflöte immer dann, wenn sie nicht nach Blockflöte klingt“, sagt die Instrumentalistin. Die hessische Debatte hat die Österreicherin nicht verfolgt. In Graz, wo sie 1997 geboren wurde, hatte die Blockflöte freilich auch nicht den Ruf, ein übermäßig cooles Instrument zu sein. Ist sie in Kindheit und Jugend in die Situation gekommen, ihre Wahl rechtfertigen zu müssen? „Ich habe mich sehr früh dazu entschieden, dass ich das einfach nicht verteidigen will“, antwortet Sammer im Gespräch: „Ich habe es gemacht, weil ich es machen wollte, und ich war sehr froh, dass mir da auch niemand reingeredet hat. Das war mein Ding.“ Ursprünglich wollte sie Querflöte lernen, aber dieser Wunsch habe sich nach den ersten Blockflöten-Erfahrungen verflüchtigt: „Ich habe begonnen wie so viele, mit sieben Jahren, und dann einfach nicht mehr aufgehört. Ich finde das Instrument heute immer noch nicht so ganz cool, aber es fasziniert mich, und ich glaube, es ist mein Ausdrucksmittel.“ An ihrem Instrument reizt sie die Verbindung von Fragilität und Kraft, die direkte Tonerzeugung: „Es verbindet sich sehr schnell mit dem Körper.“ Der Wechsel zwischen den Instrumenten der Blockflöten-Großfamilie sei „vor allem eine Luftsache“, die man trainieren müsse wie die unterschiedlichen Abstände der Grifflöcher. Ihr Interesse als Studentin war aber nicht auf die Blockflöte beschränkt. Parallel zum Blasinstrument hat sie in Wien ein Klavierstudium absolviert. „Es war immer sehr natürlich, dass ich beides machen wollte.“ Effizientes Üben habe geholfen, das Pensum zu bewältigen. „Und ich glaube, dass, wenn man auf einem Instrument etwas lernt, auch das andere Instrument davon profitiert.“ Flötenkonzert mit Blumenklängen Am Salzburger Mozarteum hat sie bei Dorothee Oberlinger und in Wien bei Carsten Eckert studiert. In Berlin gewann sie 2023 den „Berlin Prize for Young Artists“, bei dem nicht die instrumentale Perfektion im Vordergrund steht, sondern ein künstlerisches Konzept jenseits des Standardrepertoires. Auf neuen Wegen, zwischen Alter Musik und Zeitgenössischem, ist Sammer in ihrem Element und damit auch eine Idealbesetzung für das Fratopia-Konzept der Alten Oper. Deren Intendant Markus Fein definiert das Festival als neue Antwort auf eine alte Frage: „Wie kann man die Menschen locken, ohne dass die bekannten Musiker die immer gleichen Stücke spielen?“ Im Frühjahr hat die Blockflötistin mit dem von ihr kuratierten Programm „In Between“ in Halle selbst eine Antwort auf diese Frage gegeben, als künstlerische Leiterin und als Solistin. Es ging, wie sie resümiert, um Klangräume, um ein Raum- und Lichtkonzept, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen. Auch bei Fratopia wird sie dieses Spannungsfeld mit zwei Programmen ausschreiten. Einmal im Schumann-Salon mit Werken aus ihrem Soloprogramm „From Imitations to Illusions“, in dem sie musikalische Natur-Nachahmung von der Renaissance bis in die Gegenwart erklingen lässt. Fausto Romitellis „Seascape“ gehört dazu. Ein zweites Programm wird sie im Liszt-Salon spielen, den sie „Blumensalon“ nennt. Die Alte Oper hat angekündigt, dass eine Designerin und eine Floristik-Künstlerin mit „Flower-Power“ einen besonderen Rahmen für das Thema Natur schaffen, samt Geruch. Sammer wird hier barocke „Fiori musicali“ zum Blühen bringen. Von Jacob van Eyck etwa werden Variationen über „Amarilli mia bella“ zur instrumentalen Liebeserklärung. Auch die Nachtigall kommt in seiner erstmals 1644 veröffentlichten Sammlung „Der Flyten Lust-hof“ vor. Wie schön dieser Vogel singen kann, hat Dora Donata Sammer nun bei der Programmvorstellung von Fratopia demonstriert und damit einen weiteren Vorgeschmack auf das „Festival der Entdeckungen“ gegeben. Das klingt durchaus nach Blockflöte und doch sehr cool. Vielleicht gibt Fratopia  ja ganz Hessen einen kleinen Schubs in Richtung Blockflötenland. Das Festival Fratopia findet vom 23. bis 27. September in der Alten Oper Frankfurt statt, alle Konzerte sind frei zugänglich.